NZZ Folio 10/07 - Thema: Auto der Zukunft   Inhaltsverzeichnis

Selig töricht auf Hiddensee

© Björn Lux, Hamburg.
Diese Insel verleitet den Menschen zum Dichten. Nina Hagen sang 1974: «Ich im Bikini, und ich am FKK. Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da.» Linktext
Auf einer Insel in der Ostsee leben die Leute ohne Autos und baden gern nackt. Ob sie ­deswegen die besseren Menschen sind, ist ­allerdings fraglich.

Von Anja Jardine

Die Feriengäste ahnen nichts. Und täten sie es, graute ihnen. Denn wer hierherkommt, hat ein bestimmtes Bild im Kopf: eines von einem rauhen, aber herzensguten Inselvolk, das auf einer rauhen, aber traumhaft schönen Insel ein rauhes, aber aufrechtes Leben führt: Man kocht den Sanddorn zu Marmelade, bereitet den Fremden im Sommer ein Bett und lebt im Rhythmus der Gezeiten. Wer hierherkommt, will Teil davon werden. Er kommt, weil er auf dem Festland zurücklassen darf, ja zurücklassen muss, was Inbegriff der lauten modernen Welt ist, Schrittmacher des hektischen Alltags: das Auto. Hier, auf Hiddensee, will der Gast nichts dergleichen sehen, partout nicht.

Familienväter und Geschäftsfrauen, die alltags mit Vierradantrieb durch Innenstädte walzen, klettern auf Kutschen, schalten umstandslos von 500 auf 2 PS, geradezu befreit. Oder sie schnappen sich einen der Handwagen, die am Hafen im Gras liegen, wuchten ihr Gepäck hinein und zotteln glücklich von dannen, als hätten sie gerade ­einen Bollerwagen voll Kindheit zurückbekommen. Kreuzt ein Elektroschlepper ihren Weg, kaum grösser als ein Rasenmäher, nicht lauter als ein Staubsauger, lächeln sie milde – das ist in Ordnung, das ist erlaubt. Doch schon der Diesel des Doktors weckt ihren Missmut. Auf Hiddensee soll die Weile wieder lang sein, der Horizont weit, der Geist frei.

Wer also in den «Inselnachrichten» die Notiz liest: «Neuer Bus in Sicht», käme im Traum nicht drauf, welch Abgründe sich dahinter auftun. Er würde nicht wahrhaben wollen, dass selbst auf diesem Sandkeks im Meer Mobilität eine Macht bedeutet, um die erbittert gerungen wird. Die 80 000 Euro für den neuen Bus seien genehmigt, heisst es schlicht, das habe der Bürgermeister bekanntgegeben. Doch mittlerweile ist durchgesickert – so wie hier alles durchsickert –, wer die Buslinie wohl betreiben wird. Der Name verbreitet sich unter den Pferdefuhrwerkern mit der Geschwindigkeit ihrer Haflinger, dieser robusten Gäuler, die die Wagen über die Insel ziehen. Wo sich Kutscher begegnen, stecken sie die Köpfe zusammen und raunen: «Das ist der Anfang vom Ende.» Doch einer ruft: «Wenn die ihn damit durchkommen lassen, steige ich noch mal in die Ketten!» Der da spricht, heisst Bodo ­Tiburtius, seines Zeichens Kämpfer für Gerechtigkeit in Sachen Strassensondernutzungssatzung des Seebades Insel Hiddensee.

Aus der Luft sieht Hiddensee aus wie ein Seepferdchen, 19 Kilometer lang und am Bauch nur gerade 3 Kilometer breit. Heide, Dünen und dunkle Kiefernwälder, hügelige Wiesen und Salzseen, steiles Kliff und Sandstrand, wildes Meer und flacher Bodden, schilfgedeckte Fischerkaten, nur vereinzelt ein paar Villen. Am Horizont Dänemark: die Kreidefelsen von Møn.

Tiburtius betreibt neben dem Pferdefuhrwerk einen Fahrradverleih. 1991 ist er von der Nachbarinsel Rügen nach Hiddensee gekommen, hat mit Softeis angefangen, die Leute standen in Dreierreihen Schlange. Als der Ruf nach Fahrrädern lauter wurde, hat Tiburtius sich 40 Velos zugelegt, bald waren es 100. Irgendwann ging das nicht mehr zusammen: Räder flicken und Eismaschine, da hat er sich für die Räder entschieden und zusammen mit einem Kompagnon von der Insel den Fuhrmannshof N. Löwe & B. Tiburtius aufgebaut. Sie haben die Gäste nicht nur rundherumgefahren, sondern sich etwas ausgedacht: Grillen im Heidegarten zum Beispiel, mit selbstgebackenem Brot und Räucheraal – ein Renner.

Und dann sind Tiburtius die Flussschiffe ins Auge ge­stochen, die so königlich vorbeifuhren. Warum, hat er sich gefragt, legen die nicht an? Er hat den damaligen Bürgermeister überzeugt, dass man auf einen Schlag die Schiffsliegeplätze besser auslasten und mehr Tagesgäste gewinnen könne. Das erste Flussschiff, das in Vitte festmachte, war die «Saxonia» des Schweizer Veranstalters Skylla Tours. «Man muss die Augen offenhalten», sagt Tiburtius. Dafür ist sein Firmensitz geradezu ideal, residiert er doch im absoluten Inselzentrum, dort, wo es mit all den Rädern manchmal zugeht wie zur Rushhour in Pjongjang.

Sein Widersacher hockt auf einem Doppelsitz: mit einer Backe auf dem Chefsessel der Hiddensee Logistik, des grössten Wirtschaftsunternehmens der Insel, mit der anderen auf dem des Stellvertretenden Bürgermeisters im Rathaus. Nils Gottschalk ist Einheimischer, vielleicht hat es damit zu tun. Angefangen hat ihr Kampf jedenfalls vor sechs Jahren – genauer gesagt: als die Strassensondernutzungssatzung in Kraft getreten ist. Pferdestärke gegen Maschinenkraft, man trifft sich nur noch vor Gericht. Die 1100 Inselbewohner sind gespalten, die Allianzen wechseln. Die Sache mit dem Bus ist der Gong zur nächsten Runde.

Der Gast jedoch wähnt sich im Idyll. Bei vielen geht das Bedürfnis nach Ursprünglichkeit so weit, dass sie sich prompt sämtlicher Kleider entledigen, sobald sie den Strand unter den Füssen haben. Vor allem die Gäste aus den neuen Bundesländern tun das, die aus den alten sind deutlich verklemmter. Nach ein paar Tagen allerdings, unter dem Einfluss der unbändigen Natur, kommt sich so mancher Wessi in seinem Badekleid albern vor, grad so, als würde er um die eigene Person doch etwas viel Aufhebens machen, und er überquert kühn die letzte, gewissermassen textile Mauer zwischen Ost und West und zieht sich aus. Steht der Mensch dann unmotorisiert und nackt vor dem grossen Meer, geschieht in aller Regel Folgendes: Er fängt an zu dichten. Oder zu malen. Kaum jemand, der auf Hiddensee nicht früher oder später das Bedürfnis verspürt, es diesem Juwel der Schöpfung gleichzutun. Aus gutem Grund ist die Insel seit je und regimeunabhängig Zufluchtsort vieler Schriftsteller, Künstler und Intellektueller.

Gerhart Hauptmann kam 1885 das erste Mal, dann immer wieder. Er brachte es auf den Punkt: «Die Klarheit! Dieses stumme und mächtige Strömen des Lichtes! Dazu die Freiheit im Wandern über die pfadlose Grastafel. Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen. Das geradezu bis zu Tränen erschütternde Brausen der See.» Bei Nina Hagen klang das später so: «Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee. Micha, mein Micha, und alles tat so weh.» Noch heute kann fast jeder Ostdeutsche den Sommerhit von 1974 mitsingen: «Ich im Bikini, und ich am FKK. Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da.»

Die Einheimischen wissen um die Schönheit ihrer Insel, und sie haben früh kapiert, dass sie ihr Kapital ist, ihr einziges. Bereits 1927 untersagte eine polizeiliche Verordnung die Nutzung von Motorfahrzeugen. 1974 legte zum ersten Mal eine Autofähre in Kloster an, die seitdem die Liefer­wagen für Gastronomie und Handel übersetzte sowie Baumaschinen und landwirtschaftliche Fahrzeuge. Davon abgesehen war auch zu DDR-Zeiten neben dem Hufklappern der Pferde nur der Gelände-Trabant des Inselarztes zu ­hören und die Schwalbe des Abschnittsbevollmächtigten. Nach der Wende nahm der Lieferverkehr zu, Einheimische und vor allem Gäste beschwerten sich.

«Da wurde die Idee von der Autofreiheit wiedergeboren», sagt Bodo Tiburtius. Man liess an der Uni Bremen ein Verkehrskonzept erarbeiten, die Gemeinde setzte sich an einen Tisch, um das Papier umzusetzen, und widmete die Strassen offiziell den Fussgängern, Fahrradfahrern und Pferden. «So steht es schwarz auf weiss», sagt Tiburtius, «ich war als Vertreter der Pferdefuhrwerke immer dabei.» Die Überraschung kam, als die Hiddensee Logistik bereits gegründet war und die Satzung von der Landes­regierung genehmigt. «Da guck ich eines Abends auf die Fähre – die MS ‹Vitte› –, und was sehe ich? Elektrokarren!»

Zu dem Zeitpunkt hatte Tiburtius noch zwanzig Pferde im Winterdienst; die schleppten gerade die Baumaterialien für die neue Edeka-Einkaufshalle zur Baustelle. Doch plötzlich hatten die Rösser Konkurrenz, die 25 Tonnen Tonnage möglich machte, und wurden umgehend arbeitslos. Dabei heisst es in der Strassensondernutzungssatzung explizit: «Die Auslieferung von Waren, Baumaterialien und Stückgütern soll über Pferdefuhrwerke erfolgen.» Eine Ausnahme ist nur erlaubt, wenn die Ladung unteilbar ist oder von Hand nicht umgeschlagen werden kann, so Paragraph 10. Nur dann dürfen umweltfreundliche Fahrzeuge zum Einsatz kommen, die elektrobetrieben sind. Doch das scherte in der Gemeidevertretung niemanden, obwohl Fotoreporter vom Tageblatt «Der Rüganer» eifrig die Verstösse dokumentierten. Immer mehr Elektrokarren surrten über die Insel, Tiburtius stellte unverzüglich auch einen Antrag auf ein solches Gefährt. Der wurde abgelehnt. Erst nach zehn Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht hatte er endlich auch so ein Ding unter dem Hintern. Die Hiddensee Logistik des Stellvertretenden Bürgermeisters Nils Gottschalk hingegen kurvt mittlerweile mit fünf Elektroautos übers Eiland und beschäftigt zehn Mann.

«Haben Sie das Monopol auf der Insel?» – «Nö», sagt Nils Gottschalk. Der junge Mann ist auch am Samstag in der Firma, hat die Elektroautos frühmorgens von der Dose genommen, schliesslich ist Saison. «Darf jeder Fuhrunternehmer Elektroautos anschaffen?» – «Ja. Man muss nur nachweisen, dass man ein gewisses Transportaufkommen hat.» – «Wie soll das gehen, wenn Sie das ganze Aufkommen für sich deklarieren?» – «Als Hiddensee Logistik haben wir die Versorgung der Bevölkerung und der Gäste sicherzustellen. So steht es im Vertrag mit der Gemeinde.» Und fast als sei das eine Erklärung, sagt er später: «Wir waren hier immer etwas ab vom Schuss.» Das Schönste an der Wende sei, dass man die Insel jetzt umrunden könne. «Früher durfte man ja nicht einmal eine Luftmatratze mit zum Strand nehmen.» Bis nach Dänemark sind es 16 Seemeilen, einige gute Schwimmer haben es versucht. Für die Kinder sei es jedenfalls der grösste Spass gewesen, bei Ostwind ein Stück Holz in Folie einzuwickeln, eine Kerze draufzustellen und es Richtung Dänemark treiben zu lassen. «Wir konnten zusehen, wie die Grenzboote hinterher sind.»

Und dann erzählt er, dass die Logistik jetzt auch den Postdienst übernommen habe. Vom Bus sagt er nichts. Kein Wort davon, dass seine Firma den Betrieb kurzerhand für sich beantragt hat. Er berichtet, dass die Elektroautos doch eher für gewachste Flughafenböden gemacht seien als für die Rumpelpfade von Hiddensee, dass man bisher leider versäumt habe, neue Strassen zu bauen, die Zukunft der Insel aber in der Qualität liege, man müsse den Charakter bewahren. Und «nö», die Menschenliebe vergehe einem nicht, wenn täglich 8000 Gäste über die Insel gespült würden. In diesem Moment ist ein Klopfen zu hören, Gottschalk öffnet das Fenster, unten steht eine Frau mit einem Koffer und ruft: «Sie sind doch die Logistik. Können Sie meinen Koffer verschicken?»

Bodo Tiburtius eilt derweil mit grossen Schritten zur Fähre. «Wenn Nils die Genehmigung für den Bus kriegt, ist das der Anfang von der Bimmelbahn!» ruft er. «Wir können dann absatteln!» Doch nächste Woche hat er erst einmal einen Termin im Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern. Mal schauen. – Wie sagt der Dichter auf Hiddensee? «Watt sick ook deiht, de Tid, de geiht.»

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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