Der internen Entwicklung Südafrikas nicht unähnlich, hat das Verhältnis der Schweiz zur Republik am Kap in den letzten Jahren Höhen und Tiefen erlebt, die in ihrer ganzen Komplexität von teilweise sehr engen Beziehungen zeugten. Was sich über offizielle, inoffizielle und private Kanäle zwischen den zwei weit auseinanderliegenden Ländern abspielte, musste dabei zunehmend im Kontext der Auseinandersetzungen um die Politik der Rassentrennung gesehen werden; was immer die offizielle Schweiz tat, Firmen unternahmen oder finanzielle Interessen geboten, der Schatten der Apartheid polarisierte Politik und Wirtschaft auch hierzulande, obwohl (oder gerade weil) man in der Schweiz dazu neigte, differenzierter als anderswo über eine Zukunft ohne Rassentrennung nachzudenken.
Dabei hat die Schweiz gegenüber Südafrika nie eine Sonderstellung eingenommen. Schweizer Pioniere mochten in anderen klassischen Auswandererländern eine zentrale Rolle gespielt haben; am Kap findet sich keine neuhelvetische Kolonie. Die verhältnismässig späte Durchdringung der weiten Landstriche im Innern Südafrikas hat dies wohl verhindert, und auch die flutartige Industrialisierung nach den Diamanten- und Goldfunden geschah auf Betreiben anderer. Aber es war eine stetige Einwanderung aus der Schweiz zu verzeichnen, und auch die Industrie erkannte schon relativ bald, welche Chancen sich im Umfeld der schnell wachsenden Zentren auf dem Witwatersrand oder im östlichen Kapland boten.
Hier war ein fruchtbarer Boden für hochstehende Produkte und Dienstleistungen, und gar manche Namen, die für Schweizer Qualität bürgen, haben auch in Südafrika Wurzeln geschlagen, ob aus der Maschinen- und Baustoffindustrie, aus der Chemie und Pharmazeutik, aus der Versicherungs- oder Bankenbranche. Aber auch kleinere Betriebe haben sich etabliert, gegründet von klassischen Auswanderern, denen die Heimat zu eng geworden war und die hier von einem aufnahmefähigen Markt sowie von billigen und lange Zeit unorganisierten Arbeitskräften profitierten. Jene, welche dieses Engagement in den siebziger und achtziger Jahren als Kollaboration mit dem Apartheid-Regime brandmarkten, hatten insofern recht, als das schweizerische Engagement pro Kopf sicherlich eines der stärksten war und ist.
Über den Sinn und die moralische Qualität solcher Verbindungen ist während Jahren immer heftiger gestritten worden. Der Disput ging wegen der Apartheid weit über rein entwicklungspolitische Probleme hinaus und erfasste, wie das Beispiel der Kirchen zeigt, auch Kreise, die normalerweise ethische und politische Fragen weitgehend auseinanderhalten. Die Politik der Rassentrennung, so einhellig sie moralische Verurteilung fand, führte immer wieder ins Dilemma zwischen Solidarität mit den Opfern einerseits und praktikablen Lösungen zur gewaltlosen Abschaffung dieses Systems andererseits. Auch in der Schweiz hat sich eine zahlenmässig zwar kleine, dafür um so entschlossenere Opposition gegen jegliches Engagement gewandt, es sei denn strikte zugunsten der Unterdrückten und Benachteiligten. Wie man ihnen am effektvollsten helfen könnte, bleibt bis heute umstritten, obwohl nun wenigstens die Kontroverse um Sinn und Wirkung von Sanktionen in den Hintergrund treten kann. Der Verdacht bleibt freilich bestehen, dass diese Apartheidgegner die Wirkungsmöglichkeiten von aussen massiv überschätzen. Mochten es vor allem innere Kräfte gewesen sein, die dem Wandel in Südafrika die entscheidenden Impulse gaben, so kann eine wirklich langfristige friedliche Entwicklung genauso nur durch südafrikanische Eigenleistungen garantiert werden. In diesem Licht erscheint auch heute noch jede Politik, die durch Schwächung der südafrikanischen Ressourcen einen Wandel zu erreichen sucht, verfehlt, genauso wie sich die Warnung vor der trügerischen Hoffnung rechtfertigt, die noch jüngst so verfemten «Kollaborateure» würden nun plötzlich mit Milliardeninvestitionen ins freie Südafrika einfallen.
Viele Kreise in der Schweiz, auch das offizielle Bern, haben immer diese Meinung vertreten. Die Regierung hat sich zwar bindenden Uno-Embargos angeschlossen, wirtschaftliche Sanktionen per se aber abgelehnt, sich in den Beziehungen zu Südafrika auf den «Courant normal» berufen und gleichzeitig eine mehr oder weniger diskrete Politik der guten Dienste verfolgt. Diese kam vor allem den Benachteiligten zugute oder diente der Etablierung von Gesprächskanälen ausserhalb Südafrikas, durch welche sich erste Ansätze eines Dialog der Konfliktparteien bilden konnten.
So sind nach 1986, als der Bundesrat die «Politik der positiven Massnahmen» beschloss, zahlreiche Treffen zwischen weissen Südafrikanern und Vertretern der exilierten Opposition zustande gekommen. Die guten Dienste der Schweiz erstreckten sich aber auch auf direkte Förderungsmassnahmen wie die Gewährung von Stipendien an nicht-weisse Südafrikaner und Ausbildungsbeiträge für Institutionen im Lande selbst.
Dass die Privatwirtschaft nicht unter Druck gesetzt wurde wie in anderen Ländern, dass Schweizer Banken in der südafrikanischen Schuldenkrise, bei der es um eine Verhinderung der südafrikanischen Zahlungsunfähigkeit im Falle kurzfristiger Verbindlichkeiten ging, eine prominente Rolle spielten, mochte zu moralischen Fragen Anlass geben. Es widerspiegelte anderseits aber auch einen politischen Realitätssinn, der sich schon bald als Vorteil für die neuen Machthaber in Südafrika herausstellen könnte. Was nicht heisst, dass das Land am Kap nicht weiterhin jegliche Art guter Dienste wird brauchen können.