NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Schlagschatten - Richard M. Nixon, verachteter Ehrgeizling

© Angelo Boog
Linktext

Von Wolf Schneider

Zäher war keiner. Sohn eines Tankstellenpächters, Musterschüler, mit 24 Jahren Rechtsanwalt, beredt, trickreich, von Ehrgeiz zerfressen und mit 33 ins Repräsentantenhaus gewählt – so begann die Karriere des Richard Milhous Nixon. Mit 37 wurde er Senator, und schon zwei Jahre später stellte die Republikanische Partei den brillanten jungen Mann mit der auffallenden Entennase ihrem betagten, betulichen Präsidentschaftskandidaten Eisenhower als Feuerwehr zur Seite.

Der Weg ins Amt des Vizepräsidenten schien ihm jäh verbaut, als er zugeben musste, dass er 18 000 Dollar Wahlkampfspenden unterschlagen hatte; seine Fern­sehbeichte aber war «die überwältigendste Vorstellung, die ich je gesehen habe», sagte der Hollywood-Tycoon Darryl F. Zanuck: Nixon weinte – an seiner Seite seine Frau, an der Leine seinen Hund; und die Nation verzieh ihm.

Von 1953 bis 1961 blieb er Eisenhowers Stellvertreter und reiste für ihn um die Welt. Da war es nur natürlich, dass er 1960 als Präsidentschaftskandidat gegen John F. Kennedy antrat. Dass der siegte (mit einem Vorsprung von 0,2 Prozent!), führten Wahlstrategen auf seine siegfriedhafte Ausstrahlung zurück – im Kontrast zu einem nicht einmal bösartigen Portrait Nixons auf den Wahlplakaten der Demokraten, das den Untertitel trug: «Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?»

1962 bewarb sich Nixon um das Amt des Gouverneurs von Kalifornien. Er verlor auch dort, und als er vor den Fernsehkameras ankündigte, nun habe er genug von der Politik, weinte er wieder. 1963 wurde John F. Kennedy ermordet, Lyndon B. Johnson rückte nach und gewann 1964 die Präsidentschaftswahl so überlegen, dass Nixon die Chance erkannte, die demoralisierten Republikaner um sich zu scharen. 1968 liess er sich zum zweiten Mal zum Präsidentschaftskandidaten ausrufen, versprach, das unselige Vietnam-Abenteuer zu beenden, und als sein mutmasslicher Gegner Robert Kennedy ermordet wurde, war ihm der Sieg nicht zu nehmen. Im Februar 1972 machte er Weltpolitik, indem er Mao besuchte.

Im November wurde Nixon wiedergewählt – in letzter Minute sozusagen: Denn schon hatte die «Washington Post» die Frage aufgeworfen, ob er in den Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten verstrickt sei, den Unbekannte im Juni verübt hatten. Und nun erlebte Amerika jene Posse, die sich anderthalb Jahre lang quälend hinzog: wie der mächtigste Mann der Welt in einer Springprozession von Dementis, halben Zugeständnissen und scheinheiligen Schwüren der Wahrheit entgegenhüpfte, von einer wachsenden Meute von Journalisten pflichtbewusst, erbarmungslos und schadenfroh gehetzt.

Als ein Mitarbeiter enthüllt hat, in den Amtsräumen des Präsidenten werde jedes Gespräch auf Tonband festgehalten, gibt Nixon einige Bänder frei – nichtssagende natürlich; unter dem Druck des Kongresses schliesslich eine Tonbandabschrift von 1300 Seiten, wieder ohne Beweise für oder gegen seine Mitwisserschaft. Nicht nur dies aber regt die Amerikaner auf – mehr noch, dass ihr Präsident sich intern der Sprache der Gosse bedient. Dem vom Kongress eingesetzten Sonderstaatsanwalt verweigert Nixon die Auskunft, ja er fordert seinen Justizminister auf, diesen Staatsanwalt zu entlassen, und als er sich weigert, entlässt er den Justizminister.

Der Skandal ist komplett, die Demokraten fordern die Amtsenthebung, auch Nixons treuste Anhänger fassen sich an den Kopf. Er wird verabscheut, ausgelacht, von manchen bewundert für sein Stehvermögen, und unerschüttert bleibt er bei seiner Behauptung, von dem Einbruch ins Watergate-Gebäude habe er selbst erst aus der Presse erfahren. Aber da sickert durch, dass er die entscheidenden Tonbänder offenbar hat löschen ­lassen. Am 30. Juli 1974 beschliesst das Repräsentantenhaus mit den Stimmen vieler Republikaner, gegen Nixon ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten. Am 5. August gibt er zu, sechs Tage nach dem Einbruch sei er informiert worden und habe angeordnet, die bereits eingefädelte Vertuschung fortzusetzen. Am 8. August tut er, was noch kein Präsident der USA getan hat: Er erklärt seinen Rücktritt.

Das Fernsehen zeigt den abgetakelten Präsidenten, wie er in der Tür der «Air Force One», die ihn nach Kalifornien bringen soll, grinsend die Arme hochwirft zum Siegeszeichen. Der grotesken Geste zum Trotz: Er scheint am Ende. Er ist 61, er muss sich einer schweren Venenoperation unterziehen, die Anwaltskosten haben ihn in Schulden gestürzt. Immerhin: Vier Wochen nach dem Rücktritt ordnet Präsident Ford, sein Nachfolger, an, alle Verfahren gegen ihn einzustellen. Zum letzten Mal erhebt sich da ein öffentliches Wutgeheul.

Vier Jahre später erscheinen Nixons Memoiren – von der Kritik zerrissen (denn Reue zeigt er nicht), von der Neugier aber auf die Bestsellerlisten geschoben, und seine finanziellen Sorgen ist er los. 1994, mit 81 Jahren, wirbt er in Moskau noch einmal für die russisch-amerikanische Verständigung. Vier Wochen später ist er tot. Präsident Clinton ordnet ein Staatsbegräbnis an.

Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.