Sorgloses Strandleben will die Gartenfassade der Casa Dalmau evozieren. Doch steht die von den beiden Architekten José Antonio Martínez Lapeña und Elías Torres Tur aus Barcelona für eine sechsköpfige Familie errichtete Villa nicht an der Küste Kataloniens, wo seit der Jahrhundertwende das reiche Bürgertum der Stadt sich Sommerhäuser baut. Vielmehr findet sie sich in Valldoreix, einer von Einfamilienhäusern dominierten Vorstadt hinter dem Tibidabo, dem Hausberg Barcelonas. Wohl öffnet sich hier zwischen Pinienhügeln die Sicht auf das weite Tal von Rubí, doch wurde dieser Ausblick bei der Parzellierung des Landes nicht beachtet. So stehen denn die Villen und die biederen Häuschen, die mit unterschiedlichen Baustilen kokettieren, an schmalen Strassen eng beieinander; und statt den Ausblick zu geniessen, sieht man höchstens in Nachbars Garten.
Die banale Lage der Parzelle stachelte die beiden Architekten an. Statt sich auf das zweifelhafte Vorstadtidyll einzulassen, bevorzugten sie eine anspielungsreiche Bildersprache, die irritieren soll im öden Niemandsland Suburbias. Entstanden ist ein weisses Haus, das fremd in seiner Umgebung steht. Doch selbstbewusst weiss es sich mit unterschiedlichen Gesichtern zu behaupten: Zur Strasse hin gaukelt es dem Betrachter eine Architektur der klassischen Moderne vor, wie man sie im mondänen Sitges finden kann. Von der brachliegenden Parzelle im Westen gesehen, erinnert es hingegen mit seiner abgetreppten Silhouette an eine Art-déco-Villa oder an das gleichsam aus den wilden Klippen von Roses wachsende Ferienhaus von Josep Coderch, dem grossen Vorbild der beiden Architekten. Blickt man jedoch vom Pool auf die schmale Gartenfront, die höchst raffiniert auf formale Elemente der hochintellektuellen De-Stijl-Architektur, aber auch einfacher Badehäuschen verweist, so wähnt man sich auf Ibiza oder an Südkaliforniens Palmenstrand in Venice.
Der zunächst erahnte Rationalismus weicht einer formalen Fabulierkunst, wie sie für die katalanische Architektur seit Gaudí typisch ist. Die im Stil von David Hockney inszenierte Gartenbühne, auf der mondäne Dramen sich ereignen könnten, zeichnet sich durch den wirkungsvollen Einsatz einfacher Materialien, sparsamer Farben und überraschender Kontraste aus. Dieser scheinbar unbeschwerte Umgang mit der Baukunst zeugt von einer Neigung zur spielerischen Anarchie, die sich durchaus vergleichen lässt mit der Haltung der dem unberechenbaren Zeitgeist nachspürenden Designer von Barcelonas Insider-Bars.
Beim Entwerfen ihrer Bauten vertrauen Lapeña und Torres zweifellos lieber auf ihr verblüffendes Talent und ihre Fähigkeit, auf vorgegebene Situationen intuitiv richtig zu reagieren, denn auf die bei uns beliebte graue Theorie. Dabei scheint ihnen die sorgfältige Analyse des Ortes oft weniger wichtig zu sein als die Eingebungen, die sie - um mit Hans Arp zu sprechen - wie «Sterne vom Himmel des Zufalls» pflücken. So spricht denn der Architekt als Künstler, Gestalter und Poet - und nicht der seriöse Techniker - aus der im Geiste Mirós umgestalteten Kirche von Hospitalet auf Ibiza, aus ihrem trendigen Innenraumdesign oder aus dem surrealistisch inspirierten Formenspiel des Villa-Cecilia-Gartens in Barcelona.
Da das Wechselhafte und die geniale Laune das Werk von Lapeña und Torres bestimmen, gleicht kein Bau dem andern. Die weisse Villa bei Cap Martinet auf Ibiza etwa präsentiert sich als labyrinthartig verschachteltes Kartenhaus. Im Gegensatz zu diesem expressiven Bau, der in der Dekonstruktivismus-Debatte der achtziger Jahre Furore machte, dominiert in dem 1988 fertiggestellten Hospital bei Tarragona eine Aalto verpflichtete Neomoderne, die auch den Grundtenor des Dalmau-Hauses bildet.
Im Kongresszentrum auf der Hafenmole des Olympischen Dorfes, wo sich das zukunftsgläubige Barcelona ein Denkmal setzte, kulminiert diese unbeschwerte und dennoch meisterhafte Freistilarchitektur, die aus unterschiedlichen Quellen schöpft - von Josep Jujols Jugendstilbauten über Dalís Exzentrik bis zu den kubischen Häusern des Kaliforniers Irving Gill. Entscheidend bleibt aber bei dieser Kunst der sprechenden Bilder immer die Verpflichtung auf eine modernmediterrane Typologie, die Lapeñas und Torres' auf den Balearen, in Katalonien und Kalifornien gesammelte Erfahrungen widerspiegelt.
All dies verdichtet sich in der Dalmau-Villa zu einer Architektur, die durch ihre Schönheit schmeichelt, durch immer andere Ansichten verwirrt, aber auch provoziert, weil sie weder ein einheitliches Bild vermittelt noch die von ihr suggerierten Erwartungen einlösen will: Weckt etwa das Gartentor mit seinem Schwebedach Erinnerungen an die Moderne, so verbreitet sich im Eingangskorridor mit den seltsamen Fensteröffnungen eine surreale Stimmung, während das zentrale Treppenhaus als kubistische Raumskulptur in Erscheinung tritt.
Zwar lässt sich der Salon zum Treppenhaus hin mittels einer Schiebetüre öffnen, wodurch der gesellschaftliche Bereich des Hauses eine gewisse Weite gewinnt, doch wirken sonst die Räume in ihrer Form, Anordnung und Erschliessung - bis hin zur gefangenen Küche - erstaunlich konservativ. Sie geben dadurch ähnliche Rätsel auf wie das geheimnisvoll von oben illuminierte Esszimmer mit dem windschiefen Vorplatz. Im Gegensatz zum strahlend hellen Wohnbereich lässt sich der Gartensitzplatz, der in der warmen Jahreszeit zum Freiluftsalon wird, durch verschiebbare Läden abschliessen und in kühles Dämmerlicht tauchen. Darüber weitet sich das Sonnendeck der Schlafetage. Aus deren konventioneller Gestaltung schert nur das grosszügige Elternzimmer aus sowie das Bad, das durch ein Oberlicht zum fast sakralen Raum wird: Verleiht das immer wieder überraschend eingesetzte Licht dieser zwischen balearischer Fröhlichkeit und katalanischer Strenge oszillierenden Villa ihren inneren Zusammenhalt, so steigert es zugleich deren enigmatischen Charakter.