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Menschen & Räume -- Kyokos Schwändi-Hüsli
Von Lilli Binzegger
WIR KOMMEN fast jedes Wochenende und oft auch in den Schulferien hierher nach Schwändi. Unter der Woche wohnen wir in Richterswil. Das Häuschen hat unseren Schwiegereltern gehört, mein Schwiegervater hatte hier sein Atelier, er war Kunstmaler und Bildhauer. Wir haben es vor sechs Jahren, noch vor seinem Tod, übernommen und inzwischen nach den Plänen meines Mannes umgebaut, er hat mir damit eine Verbindung zu Japan geschaffen. Die Schwiegermutter lebt jetzt unten in Schwanden im Altersheim. Sie ist 92, hört nicht mehr gut und vergisst auch ab und zu etwas. Aber ich mag es, wenn sie Geschichten erzählt, auch wenn ich sie schon kenne. Ich schaue auch sehr gern zu, wenn sie mir die alten Fotos zeigt.
Mein Mann hat früher viel gebaut, jetzt ist er Kreisarchitekt in der Stadtverwaltung Zürich. Damit es hier praktisch wird, musste er alles selbst designen, denn ausser diesem Tatamizimmer ist alles kleinräumig. Ein Tatamizimmer hatte ich schon etwas vermisst, und es hilft mir, das letzte Heimweh nach Japan noch zu verlieren. Auch das japanische Bad, das mein Mann einbauen liess. In Japan ist Baden sehr wichtig, jedes Familienmitglied taucht dort abends ins heisse Bad. Man wäscht sich draussen und steigt erst dann in die Wanne, die tief und abgesenkt ist. Das Wasser bleibt drin und hat konstant etwa 40 Grad.
Das Tatamizimmer ist dem traditionellen japanischen Haus nachempfunden, dessen Grundebene gegenüber dem Aussenbereich stets erhöht ist. So betrachten wir hier die tiefer gelegene Ebene als Erdreich, als Garten, den man somit noch mit Schuhen betritt. Kommt jemand kurz zu Besuch, dann setzen wir uns auf den Rand, trinken Tee, führen Gespräche. Kommt jemand ganz zu Besuch, zieht man die Schuhe aus und setzt sich auf den Tatami. In einem japanischen Haus ist man erst dann richtig drinnen. Für Europäer macht die Vertiefung das Sitzen bequemer. Und wenn jemand über Nacht bleibt, versenkt man den Tisch, und es gibt Platz zum Schlafen.
Das Tatamizimmer ist unser wichtigster Raum. Hier lesen, spielen, reden wir. Meine üblichen Schreibarbeiten erledige ich am Stubentisch, Kalligraphie mache ich auf dem Tatami. In Japan bezieht man immer die Landschaft bei der Raumausrichtung ein. Und sehen Sie nur, wie schön man von hier aus das Panorama sieht.
Ich bin seit 1983 in der Schweiz. Mein Mann und ich haben uns in England kennengelernt, an einem Abendkurs für Zeichnen. Ich habe in Japan Geschichte studiert und war zum Englischlernen in South Devon. Verlobung feierten wir in Tokio. Nach dieser Zeremonie wurde mein Mann dann in der Familie auch akzeptiert. Heute ist es nichts Ungewöhnliches mehr, einen Ausländer zu heiraten, damals war es noch anders. Offiziell geheiratet haben wir in der Schweiz, wir wurden christlich getraut. Ich respektiere jede Religion, und hier ist das Christentum die Religion. Unser Sohn ist auch christlich getauft. Das ist gut so, er wächst ja hier auf.
Zuvor hatte ich kein besonderes Interesse an der Schweiz. In Japan war die Schweiz als Heidiland bekannt und für die Schokolade. Die grösste Umstellung? Vieles habe ich unterdessen vergessen, aber da waren schon Mentalitätsunterschiede. Man erwartet automatisch eine gewisse Reaktion, wenn man etwas sagt, etwas tut. Und natürlich haben die Menschen hier nicht immer so reagiert, wie ich es erwartet hatte. Ein ganz kleines Beispiel: In Japan bekommt man automatisch Tee, wenn man jemanden besucht. Hier wird man meistens gefragt, ob man Tee oder Kaffee möchte und ob mit oder ohne Zucker und Milch. Und in Japan lächeln die Leute viel mehr als hier, auch ohne Grund. Die Menschen erschienen mir so fremd, alle wirkten mit den tiefliegenden Augen und hoher Nase irgendwie streng auf mich. Ich weiss nicht, ob man es versteht, dass solche kleinen Unterschiede einem die Welt fremd vorkommen lassen können.
Aber ich war jung und wollte alles tun, um diese Welt zu verstehen und mich in ihr zurechtzufinden. Mit der Zeit lernte ich die Sprache, auch die nonverbale, besser. Seit wir Dennis haben, habe ich kaum mehr Heimweh gehabt. Da war es klar, dass ich definitiv hier leben wollte. Die Zeit ist auch anders geworden. Man kann jetzt hier japanische Zeitungen kaufen, via Satellit japanische Sendungen sehen und über Internet mit den Leuten in Japan korrespondieren. Früher haben mein Mann und einer seiner Freunde jeweils versucht, über Kurzwellensender japanische Nachrichten zu empfangen. Es war ganz aufregend, wenn wir einen japanischen Fetzen auffingen.
Ich habe häufiger gearbeitet, bis Dennis drei Jahre alt war, unter anderem als Bibliothekarin im Rietberg-Museum. Dort habe ich während des Festivals «Japan in Zürich» 1993 japanische Gäste betreut, das Japan-Gartenfest mitorganisiert, bei der Vorbereitung des Ns-Masken-Katalogs geholfen und Führungen gemacht. Und, ganz unvergesslich, im Muraltengut spontan eine Rede des Stadtpräsidenten übersetzt. Unsere Nachbarn in Richterswil sind nett und unkompliziert, ich konnte Dennis jeweils bei ihnen lassen. Für das Asien-Fest hatte ich auch eine Tanzgruppe auf die Beine gestellt, Bon-Odori, ein japanischer Reigentanz. Die gibt es immer noch, wir sind sogar einmal an ein Volkstanzfestival ins Wallis eingeladen worden. Seit 1987 gebe ich Japanischstunden für Erwachsene, und seit letztem Sommer unterrichte ich in Wädenswil hochbegabte Kinder. Da geht es vor allem darum, die Lernlust der Kinder zu nutzen. Es ist lustig, sie haben Spass an den Schriftzeichen, die ihnen wie Bilder vorkommen.
Bevor Dennis zur Welt kam, war ich auch Reiseleiterin und Dolmetscherin, etwa für Filmteams. Man fragt mich auch jetzt oft für Übersetzungsdienste an. Dann bin ich noch im Vorstand der Schweizerisch-Japanischen Gesellschaft und organisiere dort Anlässe mit. Im privaten Kreis haben einige Japanerinnen einen Buchclub, wir treffen uns monatlich und reden über japanische Bücher. Japaner vermissen hier vor allem, Japanisch zu sprechen. Die ganze Zeit eine so ganz andere Sprache zu sprechen, kann mühsam sein, wir können uns nie hundertprozentig in dieser Fremdsprache ausdrücken und fühlen uns manchmal verloren wie ein Kind.
Im August gehen Dennis und ich für fast ein Jahr nach Japan. Dennis hat die Gymi-Aufnahmeprüfung bestanden, ist aber ein Jahr jünger als die anderen Sechstklässler und macht ein Zwischenjahr. Er wird während dieser Zeit in Tokio die Volksschule besuchen. Grundsätzlich soll er als Schweizer aufwachsen, klare Wurzeln zu haben, ist wichtig. Aber seine Mutter stammt aus Japan, und so hat auch die japanische Kultur und Sprache Bedeutung für ihn. Japanisch spricht er sehr gut, im Schreiben und Lesen will ich nicht zu viel von ihm erwarten.
Vermisst habe ich anfangs übrigens auch die Sojasauce! Ich nahm sie überallhin mit. Unterdessen benütze ich notfalls Maggi, das geht auch. Und die Sonnenuntergänge habe ich vermisst, die roten Sonnenuntergänge, das Abendrot. Doch, doch, in Japan geht die Sonne auch unter, nicht nur auf!
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