NZZ Folio 11/07 - Thema: Schuhe   Inhaltsverzeichnis

Duftnote -- Traumberuf?

© Fabienne Boldt
Linktext
Von Luca Turin
Vergangene Woche besuchte ich zwei amerikanische Universitäten, das MIT und Georgetown, um Vorträge zu halten und mich mit Doktoranden der Molekularbiologie und der Chemie zu unterhalten. Beide Male traten Studenten an mich heran (einer aus Lausanne, einer aus Beirut) und offenbarten mir schüchtern, ihr grösster Traum sei, Parfumeur zu werden. Ich war überrascht, dass junge Menschen, die so hart gearbeitet hatten, um zur wissenschaftlichen Elite zu gehören, sich im Grunde ihres Herzens etwas ganz anderes wünschten. Aber da sie meinen Rat wollten, hielt ich nicht damit zurück: Ich versuchte, es ihnen auszureden. Meiner Ansicht nach wäre es reinste Verschwendung, wenn sie sich mit Britney Spears’ nächstem Kuriosum beschäftigten.

Wissenschafter sind nicht übermässig fröhliche Leute, aber doch weit weniger zynisch als Parfumeure, woraus man schliessen muss, dass sie mehr Freude an ihrem Beruf haben. Ausserdem sind in der Parfumerie die Startbedingungen äusserst ungleich verteilt; alles, was mir die Studenten erzählten, bestätigte dies.

Beide hatten hierhin und dorthin geschrieben und nie eine Antwort erhalten. Am Ende hatten sie herausbekommen, dass es nur eine nennenswerte öffentliche Parfumerieschule auf diesem Planeten gibt, nämlich das Isipca in Versailles. Natürlich haben die fünf Grossen der Duftbranche firmeninterne Ausbildungsangebote, aber keine ihrer Websites hat ­einen Link mit dem Titel: «Sie möchten Parfumeur werden?» Ihre Ausbildungsgänge scheinen also nur von Leuten besucht zu werden, die anderswo in der ­Firma arbeiten – im Verkauf, in der Marktforschung oder im Labor – und die die Parfumerie eher als Handwerk erlernen denn als Wissenschaft oder Kunst.

Stellen Sie sich einmal vor, Physik würde nur nach Feierabend bei General Electric gelehrt. Malen Sie sich aus, was es bedeuten würde, wenn man nur in fünf guten Restaurants auf der Welt kochen lernen könnte. Kein Wunder, dass so viele junge Parfumeure Söhne und Töchter von Parfumeuren sind. Das ist zugleich ein sicheres Anzeichen dafür, dass viele Talente brachliegen. Einmal fragte ich die grosse Françoise Caron, wie sie zur Parfumerie gekommen sei. Sie sagte mir, wenn man in Grasse aufwachse, habe man nur zwei Möglichkeiten: entweder man klaue Motorräder oder man gehe in die Parfumerie, und da sie für Mopeds nichts übriggehabt habe?…

Was die Welt braucht, ist eine internationale Parfumerieschule, wo diejenigen, die sich die Studiengebühren leisten können oder mit Stipendien der Parfumfirmen ausgestattet wurden, auf englisch die ganze komplizierte Materie von der Kunstgeschichte über die Chemie bis hin zur Duftkomposition erlernen können. Mein einziger Wunsch dabei wäre: Ich möchte in der Jury sitzen, die den Preis für das beste Erstlingswerk vergibt.

Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.


bild

Wer ist Luca Turin?

"The Emperor of Scent" von Chandler Burr ist eine spannende Darstellung von Leben und Arbeit Luca Turins, der eine faszinierende Theorie entwickelt hat, wie unser Geruchssinn eigentlich funktioniert.

Buch kaufen

bild

Das neue Buch von Luca Turin

Was ist das Geheimnis des Geruchsinns? "The Secret of Scent" ist eine spannende Einführung von Luca Turin in die wundervolle Welt der Düfte.

Buch kaufen

Read Luca Turin in English

You can read the original versions of all of Luca Turins legendary columns here.
bild

Interview mit Luca Turin

NZZ-Format, das Fernsehmagazin der NZZ, hat im November 2006 einen Special zum Thema Parfum ausgestrahlt. Die Sendung ist auf DVD erhältlich und enthält als Bonusmaterial unter anderem ein Interview mit Luca Turin (in Englisch).

DVD bestellen