WÄHREND ANHÄNGER und Gegner der Rechtschreibreform sich noch über deren Vorzüge und Nachteile streiten, werden sie längst von einer anderen Entwicklung überrollt: dass rapide die Zahl der Schulabgänger wächst, die nach den neuen Regeln ebenso falsch schreiben wie nach den alten. Der Grad der Abwendung von der Orthographie scheint nach Regionen verschieden: gering in der ehemaligen DDR, denn dort wurden die Schüler noch gedrillt; gering in Bayern und Baden-Württemberg mit ihren deutlich strengeren Schulen; gering offenbar auch in der deutschen Schweiz, gemessen an der schüchternen Rolle, die das Thema in der Presse spielt, während deutsche Zeitungen überquellen von den Klagen der Lehrerverbände und der Arbeitgeber. Schon hört man von Schulabgängern, die ein Wörterbuch nicht benutzen können, weil dies die Kenntnis des Alphabets voraussetzt, ja von Studenten, denen es zu mühsam ist, die alphabetische Ordnung bis in den vierten Buchstaben zu verfolgen, so dass sie hinter der Chancengleichheit die Chaostheorie nicht finden.
«Die Sprachfähigkeiten der Schüler sind keineswegs so schlecht wie ihr Ruf», stellte dagegen eine Forschergruppe der Universität Zürich 1994 fest. Sie fand zwar zahlreiche Verstösse gegen die Norm (also gegen Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik), prüfte jedoch vor allem die sprachliche Angemessenheit: die Fähigkeit, sich verständlich und interessant auszudrücken. Der Arbeit am Detail freilich wichen die Schüler oft aus, mit der Begründung, man wisse ja, was gemeint sei.
Na also: Auch in der Schweiz sinkt das Ansehen, das Korrektheit geniesst (hier nicht «geniest» zu schreiben bleibt eine der nützlichen Unterscheidungen der Orthographie). Die von der Forschergruppe befragten Lehrer sagten es noch deutlicher: Normen würden immer weniger akzeptiert.
Da drängen sich zwei Fragen auf: woran es liegen könnte, dass die Rechtschreibung in Verfall begriffen ist - und ob wir das eigentlich so schlimm finden müssen.
Es liegt vor allem an der veränderten Umwelt der Schüler und an der veränderten Gesinnung der Lehrer. Die Schüler können ja nichts dafür, dass die meisten einen eigenen Fernsehapparat besitzen und immer mehr einen Computer; dass ihr Taschengeld für viele CDs, Videofilme und Videospiele reicht; dass die meisten Eltern ihnen keine Geschichten mehr erzählen und aus keinem Buch mehr vorlesen. Statistisches Resultat (Deutschland 1998): Unter den 14- bis 18jährigen sehen 85 Prozent regelmässig fern, 67 Prozent hören Radio, 35 Prozent lesen Bücher. Der durchschnittliche Aufwand für die Buchlektüre ist gesunken von 56 Minuten täglich im Jahr 1980 auf 24 Minuten 1995.
Wie der Rang des geschriebenen Wortes absackt, so hat sich auch das Ansehen jener - einst so genannten - Tugenden vermindert, die das Erlernen der Norm begünstigten: Fleiss, Disziplin. Viele Kinder finden es normal, während des Unterrichts zu frühstücken oder mit einer verkehrt herum aufgesetzten Baseballmütze Unabhängigkeit zu demonstrieren.
Wollte nun die Lehrerschaft den einst unbezweifelten Normanspruch gegen solche Schüler durchsetzen, so müsste sie willens sein, dies durch mehr Einfallsreichtum zu erlisten oder mit härteren Bandagen zu ertrotzen. Doch dem guten Gewissen der Kinder bei der Lernverweigerung läuft das gute Gewissen vieler Lehrer bei der Lehrverweigerung parallel.
Das begann 1968 mit der schmetternden Fröhlichkeit, mit der die Studenten jeder Autorität den Krieg erklärten. Es setzte sich in Deutschland 1972 fort mit den «Hessischen Rahmenrichtlinien für das Fach Deutsch», wonach die Hochsprache ein Herrschaftsinstrument der Privilegierten sei, dessen Einübung die meisten Schüler darin hindere, «ihre Interessen zu versprachlichen».
Solcher Unfug wird nicht mehr zitiert, aber von der damaligen Denkweise ist viel geblieben. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen dürfen höchstens 30 Prozent der Prüfungsarbeiten die beiden schlechtesten von sechs Noten bekommen; es zählt der Klassendurchschnitt, nicht das Lehrziel. In Hessen und Hamburg kann die Deutschprüfung beim Abitur durch «darstellendes Spiel» ersetzt werden. Nur was den Schülern Spass macht, soll man sie ja lehren dürfen. Von «Spasspädagogik» spricht der Präsident des Deutschen Lehrerverbands: Die Lehrer verstünden sich als blosse «Lernberater», die den Horror der Schüler vor jeder Art von Plage teilten.
Und welche Nachteile hätte es, die Rechtschreibung nur insoweit zu praktizieren, als sie Spass macht? Erstens: Noch sitzen Leute an den Schalthebeln der Wirtschaft, bei denen der nichts werden kann, der die Norm missachtet. Gut, vielleicht sterben sie aus. Aber zweitens: Lexika und Datenbanken öffnen sich mühelos nur dem, der die Norm beherrscht; wer das Kaos liebt, wird es lange suchen. Drittens: Richtig zu schreiben ist eine Kulturtechnik im Dienst unserer grossartigsten Erfindung, der Sprache eben. Wer Eiskunstläufer werden will, muss den Toe-loop vom Doppelten Rittberger unterscheiden können, und wer sich der Sprache bedient, von dem sollte man ebenfalls erwarten, dass er ihre Regeln beherzigt, statt sie in die Gosse (die Gose, die Goosse) zu kehren.