ZWEI VORSÄTZE hat Ettore Schmitz, der sich Italo Svevo nannte, in seinem Leben nicht wahr zu machen vermocht: Aufhören zu schreiben und aufhören zu rauchen. Den beiden Misserfolgen verdanken wir eines der schönsten literarischen Werke dieses Jahrhunderts und das wohl umfassendste Protokoll eines Lasters und der Leidenschaft, es loszuwerden.
Vom privaten «Tagebuch für die Verlobte» über die Briefe an sie, Livia Veneziani, bis hin zum Roman «Zeno Cosini» hat Italo Svevo Nutzen und Nachteil des Rauchens erörtert - ein Süchtiger, der vielleicht weniger süchtig nach den dreissig bis vierzig Zigaretten war, die er täglich rauchte, als nach den Beteuerungen, sie inskünftig nicht mehr zu rauchen.
Die Menge «letzter Zigaretten», die Italo Svevo rauchte, ist so erheblich wie die Begründungen verschieden sind, die den jeweiligen Entschluss markieren und die er dem «süssen Beichtvater», seiner Frau Livia, kundtut. Ihr hatte er einst versprochen, um den Preis des ersten Kusses drei Monate nicht zu rauchen; nicht lange nachdem er die Belohnung kassiert hatte, offenbarte er ihr den Schwindel.
So raucht er weiter in freudiger Liebe eine «letzte Zigarette» für sie, sein «blondes Monstrum», und raucht eine letzte, weil er ihr, der «Ziege und Hundstochter», zürnt; er raucht eine letzte, um einen «unerfreulichen Gedanken zu vertreiben» und raucht eine letzte, weil er «über ihren und seinen Charakter nachdenkt»; er raucht eine letzte, um «von der Eifersucht zu genesen» und raucht eine letzte, um «noch vollkommener Livia anzugehören». Vor allem aber raucht er, da Livia, hörte er damit auf, nicht in seiner Schuld stehen und sich weniger verpflichtet fühlen würde, sich ihm aufzuopfern: «Ich heirate Dich», heisst es in einem seiner bezaubernden Liebesbriefe, «um das Recht zu haben, Dich als einziger zu schikanieren.»
Aufhören zu rauchen will er etwa, um einen Börsenverlust auszugleichen, um die «Rauchkasse» für seine noch nicht einmal gezeugte Tochter Letizia zu eröffnen oder ganz einfach, um «noch jene wenigen Qualitäten zu erwerben», die ihm «bislang fehlen». Die «letzte Zigarette», die er zur Bekräftigung seines Willens an einem Tag raucht, setzt die letzte, die er am Vortag geraucht hat, ins Unrecht: «Ich bin zu konsequent», so seine Begründung, «um etwas von gestern an zu beginnen. Ich beginne von jetzt an.»
Wie der Spieler nicht wirklich gewinnen will, weil er, um sein Leben für real zu halten, die Simulation des Todes im Verlieren braucht, will Svevo nicht wirklich aufhören, weil er seinen Vorsätzen das Leben betreffend kein Ende setzen mag: Hätte er diese nicht mehr, wäre es all seiner unerfüllten Möglichkeiten beraubt. Also bleibt er, wie er einmal den Raucher charakterisiert hat, lieber ein «Träumer mit zerrütteten Nerven».
Den Gelübden, die er tat, folgten bald Wetten und Verträge, die die Handschrift des Kaufmanns verraten, der Svevo nie hatte werden wollen. Als Vorsitzender im Industrieunternehmen seines Schwiegervaters, einer Lackfabrik, übte er sich im Geigenspiel, um sich von seinem zweiten Laster, dem Schreiben, zu befreien. Die Schwüre, die er leistet, sind identisch mit denen, die der «letzten Zigarette» gelten, glaubt er doch jeweils, «nun endgültig diese lächerliche und schädliche Sache, die sich Literatur nennt», aus seinem Leben «ausgemerzt» zu haben und die Feder «für immer wegwerfen» zu können. Doch indem er den Vorsatz, das Rauchen aufzugeben, in immer neue Formulierungen kleidet, bricht er den Vorsatz, mit dem Schreiben aufzuhören. Nach fünfundzwanzig Jahren literarischen Schweigens wird im «Zeno Cosini», den er als Sechzigjähriger beendet, die Bilanz all dieser Vorstudien gezogen, die er zu Livias Handen verfasst hat.
Im ersten Kapitel, überschrieben mit «Die Zigarette», blickt der Protagonist, ein Spiegelbild des Autors, auf jene «unendliche Reihe <letzter Zigaretten>» zurück, die er im Laufe seines Lebens geraucht hat. Als sei er ein Schüler von Zenon dem Eleaten, variiert Zeno Cosini die Paradoxa des Philosophen über die Unendlichkeit, die Widersprüche eines statischen Universums, in dem es weder Bewegung noch Wandlung gibt. Wie der Läufer Achilles die Schildkröte niemals zu überholen vermag, da Raum und Zeit unendlich teilbar sind, kann Zeno das Ziel, die allerletzte Zigarette, niemals erreichen, weil davor eben beliebig viele letzte liegen.
Zeno, weise geworden und im Gegensatz zu seinem Schöpfer mit seinem Laster versöhnt, ist «überzeugt, dass die Zigarette anders und bedeutsamer schmeckt, wenn sie die letzte sein soll», hat sie doch «das Aroma des Gefühls eines Sieges über sich selbst, der Hoffnung auf eine baldige Ära voll Kraft und Gesundheit». Und über seine Person hinaus, philosophiert er, eignet seiner «fixen Idee der letzten Zigarette» ein metaphysischer Sinn. Er liegt darin, dass die Gebärde des «Nie, nie mehr!» in der Welt bleibt.
Noch die letzten Worte, die von Italo Svevo überliefert sind, haben ihr gegolten: «Das wäre jetzt wirklich meine letzte Zigarette gewesen», soll er gesagt haben, als sein Neffe, der Arzt Aurelio Finzi, sie ihm am Sterbebett verweigerte. Ob er doch einen oder zwei Züge getan hat, bevor er sein Leben aushauchte, ist indes nicht schlüssig - ein stimmiger Widerspruch in der Biographie eines Mannes, dessen Leitthema war, Widersprüchen ihr Recht zu lassen. Hatte er nicht dem Anspruch der Psychoanalyse einst entgegengehalten: Wenn sich schon von etwas kurieren müssen, dann vom Wunsch, sich zu kurieren?