NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Portfolio -- 34 gerade - das Casino Konstanz

Von Michael von Orsouw

Die Beleuchtung würde man je nach Standpunkt als vornehm-dezent oder als schummrig-düster bezeichnen, die Sprechlautstärke als flüsterleise. Der Appenzeller Rentner, der da an diesem regnerischen Nachmittag mit gewöhnlich lauter Stimme dem Croupier seine Anweisungen gibt, fällt auf wie der Trabi auf dem Casinoparkplatz. Sein Bemühen, redliches Hochdeutsch zu reden, wirkt, würde man wohl mit Konstanzer Liebenswürdigkeit sagen, charmant.

Wir befinden uns im Casino Konstanz, der vierzigjährigen Spielbank am Bodensee, der Blick auf See und Alpen ist schön, die Leuchten der Sturmwarnung drehen sich, die Bohrer und Betonmischer im geplanten Anbau auch, und selbstverständlich dreht sich auch der Kessel mit der Elfenbeinkugel im Roulettetisch.

Mittwoch, 16 Uhr, eben hat der Croupier das Filzplateau mit seinem Plasticrechen, dem Rateau, geräumt. Der grüne Filz war übersät mit Jetons, mit runden und viereckigen, mit roten und weissen, blauen und gelben. Mit unbewegter Miene und einem Hauch von verächtlicher Arroganz rafft der Croupier die Jetons zusammen. Wer gewonnen hat, bekommt nun die entsprechenden Jetons auf die eingesetzten aufgestapelt, diesmal sind es ansehnliche Jetontürmchen, die da zurückgeschoben werden.

Gleichwohl bleiben der Spielbank Konstanz jährlich 38 Millionen Mark (Ergebnis 1990) als sogenanntes Bruttospielergebnis. Damit hat sich Konstanz heute auf Platz sieben der 31 deutschen Casinos emporgespielt. Die Geldbewegung, die für dieses Ergebnis nötig war, schätzt Peter Wolf, der Direktor der Spielbank Konstanz, Spross einer Hoteliersfamilie und immer recht freundlich, auf das 30fache des Rouletteergebnisses von rund 24 Millionen Mark, also auf etwa 720 Millionen Mark. Den Umsatz selber kann man nicht ermitteln, da ja nicht jedes Spiel einzeln abgerechnet wird. Mehr als die Hälfte dieser Gelder setzen in Konstanz Schweizer ein, um die 110 000 an der Zahl. Rund um die Konstanzer Spieltische ist mindestens so viel schwiizertütsches Gemurmel vernehmbar wie deutsches. Spielbanken sind nach Artikel 35 der Bundesverfassung in der Schweiz grundsätzlich verboten.

Die Spielbank Konstanz KG ist eine 100prozentige Tochter der Spielbank Baden-Baden, die wiederum ist als GmbH organisiert. 20 Prozent der Aktien hält das Bundesland, 80 Prozent sind in den Händen alter Aktionärsfamilien. 90 Prozent des Bruttospielergebnisses gehen an das Finanzamt des Landes Baden-Württemberg. Die restlichen 10 Prozent müssen für Investitionen ausreichen sowie für die Dividenden der privaten Aktionäre.

Direkte Personalkosten hingegen tauchen bei der Spielbank Konstanz keine auf: Die 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden allein mit den Trinkgeldern nach einem mit der Gewerkschaft ausgehandelten Verteilschlüssel entlöhnt. Der Betriebsrat der Angestellten hat ein Büro im Haus, das Personal im Tiefparterre des Casinos eine separate Kantine, zwei der Croupiers spielen dort gerade Schach.

Auch die Stadt Konstanz profitiert vom Casino. Jährlich fliessen ihr als Standortgemeinde rund sechs Millionen Mark aus der Landeskasse zu. Im übrigen aber ist das Verhältnis zwischen Spielcasino und Stadt eher von Merkwürdigkeiten geprägt. Seit 1933 besteht ein Gesetz, das den Konstanzern untersagt, in ihrem Casino zu spielen. Allerdings kann der Oberbürgermeister Ausnahmebewilligungen ausstellen, etwa für Geschäftsleute, die feierabends mit Gästen spielen möchten. Studenten bleibt der Eintritt ebenfalls verwehrt.

Ihr Geld dürfen die Konstanzer am Bahnhofplatz, neben dem Finanzamt, verspielen. Dort befindet sich ein Ableger der Spielbank, die Automatenhalle mit dem Namen «Jackpot». 66 blinkende, gurgelnde und munter musizierende Kästen hängen an den Wänden, «Jackpot»-Automaten, bei denen der Maximalgewinn im Moment bei 383 420,15 Mark liegt, elektronisches Poker und, quasi als Casinoersatz, elektronisches Roulette, «Rouletronic» genannt. Die Spielhalle wird tatsächlich von vielen Einheimischen aufgesucht, sie spielen andächtig und konzentriert, rauchen viel und fluchen; den Anteil der Schweizer hier schätzt Direktor Wolf auf 10 Prozent. Die Auszahlquote beträgt zwischen 80 und 90 Prozent und liegt damit deutlich über dem deutschen Durchschnitt. (Der Feldversuch des Journalisten, der sich fünf Einmark-Stücke wechseln liess und damit das Glück auf seine Seite zwingen wollte, endete nach genau sieben Minuten mit einem Desaster.)

Diese überfüllte Spielhalle hinter den geschlossenen Lamellenstoren soll umgebaut und umbenannt werden: Wolf will sich mit dem Namen «Automaten-Spielbank» deutlich von den gängigen Spielsalons abheben. Grossformatige Architekturzeichnungen führt Wolf mit einem Anflug von Stolz in seinem Büro vor. Wolf ist nicht einfach der Oberspieler oder dergleichen, nein er ist studierter Betriebswirtschafter und spricht von seinem Betrieb wie ein Industriemanager: «Im Prinzip sind da keine grossen Unterschiede zwischen dem Führen dieses Casinos und eines anderen Betriebes.» Er will Marktleader am Bodensee bleiben, die Konkurrenz in Lindau und Bregenz schlafe aber nicht. Deshalb will Wolf die Automatenspielhalle aufwerten sowie im Casino die Küche ausbauen und einen gläsernen Pavillon angliedern. Und deshalb hat Wolf bereits renoviert. Der Stil im Casino ist nach der Innenrenovation vor zwei Jahren nun international: Das Interieur im Spielsaal will englische Landhausatmosphäre verbreiten, die Mahagoni-Holzverkleidung an den Wänden ist entsprechend dunkel, im Restaurant finden sich die Tessiner Stube und die Kammer mit den Delft-Blau-Kacheln, dazwischen liegt das Jagdzimmer, unten ist der Fernsehraum - für jeden etwas, Zielgruppenmarketing nennt man das.

183 Mark verlieren die Besucher im Durchschnitt, der rentabelste Monat für die Spielbank ist der Dezember. Das mag erstaunen, aber im letzten Monat des Jahres kassieren die Gäste ihren Dreizehnten, mit dem sie es sich im Casino gutgehen lassen. Wolf will für die Zukunft nicht unbedingt neue Kunden an die Spieltische bringen, sondern jene, die schon jetzt kommen, «länger an das Haus binden». Sie sollen nicht nur spielen, sondern «zu gutbürgerlichen Preisen» essen und an der weissen Kleeblatt-Bar (vierblättrig) etwas trinken können, und natürlich spielen und spielen; Wolf spricht in diesem Zusammenhang von der Errichtung eines «Traumlandes».

Im Spielsaal wird schon jetzt geträumt, vom grossen Gewinn. Mit der Routine des Könners greift der Croupier an das metallen glänzende Drehkreuz und spickt die Kugel in die Gegenrichtung. Hastig werden noch die letzten Jetons gelegt, bis der Croupier «Nichts geht mehr» murmelt. Schwarz oder rot, gerade oder ungerade, für ein paar Augenblicke ist der Spieltisch die Welt. Die Pulsfrequenz steigt, der Kessel kreist, die Kugel sirrt, bis sie in eines der Zahlenfächer kullert. Die Blicke richten sich aber nicht auf den sich immer noch drehenden Kessel, sondern auf die elektronische Anzeige hinter dem Tisch. Dort sieht man schneller, was man hat beziehungsweise nicht mehr hat.

Statistisch betrachtet gewinnt immer die Bank, die Auszahlquote beträgt 97,3 Prozent, manchmal jedoch registrieren die staatlichen Kontrolleure ein Defizit. Wie sagte schon Dostojewski, der seine eigenen Spielerfahrungen in Baden-Baden im Roman «Der Spieler» verarbeitete: «Warum soll denn das Spiel schlechter sein als irgendein anderes Mittel des Gelderwerbes, zum Beispiel schlechter als der Handel? Es ist ja richtig, dass von hundert nur einer gewinnt. Aber was geht mich das an?»

Die Hoffnung, heute die Ausnahme zu sein, die statistische Wirklichkeit für einmal zu durchbrechen, das hält am Tisch. Und die Spielbank am Leben.


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