NZZ Folio 08/08 - Thema: Was wäre wenn . . .   Inhaltsverzeichnis

Was wäre, wenn Andy Warhol in der Werbung geblieben wäre

Von Philip Ursprung
Andy Warhol war einer der besten Werbegrafiker seiner Zeit. Seine Schuhwerbung war preisgekrönt. Er konnte sich vor Aufträgen kaum retten. In den 1950er Jahren verdiente er bereits genug Geld, um eine eigene Kunstsammlung aufzubauen. Was wäre, wenn er sich um 1960 entschieden hätte, seine brillante Karriere fortzusetzen, anstatt ins riskante Feld der Kunst zu wechseln?

Die Pop-Art wäre in den USA zweifellos trotzdem entstanden, wenn auch nur in einer schmalbrüstigen Variante. Claes Oldenburg und Roy Lichtenstein hätten auch ohne ihn ihren Weg gefunden. Aber letztlich wäre Pop eine Episode geblieben. Die amerikanische Kunst wäre immer noch so nachahmerisch und unschöpferisch wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Niemand hätte die beiden Seiten der Medaille des amerikanischen Traums so grell beleuchtet wie Warhol, und niemand hätte die Angst vor dem Tod und die Feier des Hier und Jetzt so dicht miteinander verbinden können.

Das lächelnde Gesicht der Hollywood-Schauspielerin Marilyn Monroe würde in den Geschichtsbüchern verstauben. Campbells Tomatensuppen in der Dose fristeten in den Supermärkten ein Dasein im untersten Regal. Niemand würde davon träumen, für 15 Minuten berühmt zu sein. (Immerhin wären wir von Sendungen wie «Big Brother» und «Deutschland sucht den Superstar» verschont geblieben.) Joseph Beuys, Warhols grosser Konkurrent, hätte das Rennen gemacht. Die Kunst unserer Zeit wäre grau und rätselhaft und würde sich noch immer um die Abgründe der deutschen Geschichte drehen.

Weil keiner auf die Idee gekommen wäre, Künstler, Musiker und Schauspieler in einer Factory zusammenkommen und massenhaft Kunst produzieren zu lassen, würden die Künstler noch immer allein und verbittert in ihren Ateliers sitzen und auf den Nachruhm warten. Die Rockgruppe The Velvet Underground wäre nie Kult geworden, denn sie hätte niemals einen Proberaum erhalten. Es gäbe keinen Jeff Koons, es gäbe keinen Olafur Eliasson, und kein Mensch würde verstehen, was Pipilotti Rist will, wenn sie einen ganzen Stadtteil in eine Lounge verwandelt.

Etwas aber wäre besser, wenn Warhol Grafiker geblieben wäre: die Werbung. Sie würde die Welt fortwährend neu erfinden, anstatt sie zu verbarrikadieren. Sie wäre eine poetische Reise durch Träume und Albträume statt dumpfe Repetition. Wir sässen ungeduldig vor dem Fernseher, um keine Werbepause zu verpassen, und würden auf der Strasse dicht gedrängt vor neuen Plakaten stehen.

Warhol war zeitlebens der Ansicht, dass Schauspieler ihn durchaus vertreten könnten, weil sie ihm ähnlicher ­sähen als er sich selbst. Vielleicht hätte er als erfolgreicher Werbegrafiker die Kunst auch einfach seinen Assistenten überlassen. Und diese hätten nicht so viele Projekte unverwirklicht gelassen wie Warhol, der, weil er fortwährend telefonierte, bekanntlich nur einen Bruchteil seiner Pläne realisieren konnte. Dann müssten wir weder auf den geplanten Langzeitfilm vom Abbruch und Aufbau eines Gebäudes verzichten noch auf die geplante Talkshow, in der stundenlang nichts geschehen sollte. Und eines der schönsten Bücher der 1970er Jahre, die «Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück», wäre nicht unvollendet geblieben. Nicht auszudenken, wie viel reicher unsere Kultur wäre, wenn Warhol nicht Künstler geworden wäre.

Philip Ursprung ist Professor für moderne und zeitgenössische Kunst an der Universität Zürich; er lebt in Zürich.

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