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Cyberspace -- Abba und TCP
Von Franz Zauner
VOR DREISSIG JAHREN schrieben Vinton Cerf und Robert E. Kahn einen Aufsatz, aber wir hatten keine Zeit: 1974 wurde Holland beinahe Fussballweltmeister. In den Kinos liefen «Die Ritter der Kokosnuss» und «Chinatown». Abba gewann mit «Waterloo» den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson. Im vielstimmigen Konzert der letzten Heuler kommt ein lautloser Text, der «A Protocol for Packet Network Intercommunication» propagiert, leicht um den verdienten Beifallssturm.
Normen und Standards sind unauffällige Amtsbescheide der Erkenntnis. Auch die Enzyklika von Cerf und Kahn stiftete in der leiernden «Gegeben sei»-Rhetorik eines typischen Regelwerks ihren tiefen Sinn. Doch heute verstehen sich alle Computer auf die Etikette des darin vorgeschlagenen Protokolls TCP/IP, wie auch jeder Mensch die Erfindung eines Roland Moreno in seiner Westentasche trägt, der 1974 ein «System zur Speicherung von Daten in einem unabhängigen tragbaren Gegenstand» zum Patent anmeldete. Auch dieser Antrag hätte uns zum Gähnen gebracht.
Als wir erwachten, waren Internet und Chipkarte fertig.
Es passt nicht zur mausgrauen Ordentlichkeit der Standards, dass sie die irdischen Verhältnisse umkrempeln wie chaotische Naturkräfte. Doch technische Normungsinstitute gehen offensichtlich weiter als politische, die Resolutionen der ISO (einer Uno der Normung) tiefer als die der Uno (einer ISO der Politik).
«Normung», sagt die DIN-Norm 810, «ist die planmässige, durch die interessierten Kreise gemeinschaftlich durchgeführte Vereinheitlichung von materiellen und immateriellen Gegenständen zum Nutzen der Allgemeinheit.»
Die Standardisierung der Ethik führt nicht zwangsläufig zu einer Ethik der Standardisierung, wie die Machtkämpfe der interessierten Kreise zeigen. Wer die Norm setzt, gewinnt am Markt. Deshalb bleibt Inkompatibilität ein ewiger Krisenherd der Standards, und die Hartnäckigkeit, mit der sich Hard- und Software missverstehen, erinnert an den Nahen Osten.
Doch solange ein Server weiss, wer 1974 das Siegestor gegen Holland mül lerte, ist der technische Weltfrieden nicht in Gefahr.
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