NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Die fixe Idee -- Charles Forts verdammtes Universum

Von Peter Haffner

ALS DER KLEINE Charles Fort, Sohn eines Kolonialwarenhändlers in Albany, eines Samstags zur Strafe in den Laden musste, um die Etiketten von den Lebensmitteldosen der Konkurrenz abzukratzen und das Etikett seiner Eltern aufzukleben, tat er etwas Folgenschweres. Hinter Pyramiden von Dosen sitzend, die verschiedene Früchte und Gemüse enthielten, hatte er alle Etiketten bis auf die Pfirsichetiketten aufgebraucht: Also klebte er diese kurzentschlossen auf sämtliche übrigen Dosen - auf solche mit Pfirsichen, Aprikosen, Pflaumen, Kirschen, grünen Bohnen und mexikanischen Maisgerichten.

Von den Reaktionen der Kundschaft wissen wir nichts. Forts Erkenntnisgewinn ist um so nachhaltiger. «Mein Motiv», erinnert er sich in seinem 1932 erschienenen Buch «Wild Talents», «vermag ich nicht eindeutig zu definieren, da nicht entschieden ist, ob ich Humorist oder Wissenschafter bin.» Was vielleicht bloss jugendlicher «Mutwille» gewesen sein mochte, begreift er nun, war «zugleich wissenschaftliches Vorgehen».

So weihte Charles Fort sein Leben der Wissenschaft - oder vielmehr der Kritik an ihr, dieser «Schildkröte, die behauptet, unter ihrem Panzer hätten alle Dinge Platz», wie er einmal schrieb. Seine Aufmerksamkeit richtete er auf die Dinge, die es nicht taten. Auf der Suche nach Meldungen und Berichten über Ereignisse, die von der Wissenschaft nicht erklärt werden konnten, durchforstete Charles Fort ein Leben lang Sitzungsberichte, Protokolle, Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften.

Die vier Bücher, die das Resultat dieser Studien waren - neben dem erwähnten sind das «The Book of the Damned» (1919), «New Lands» (1923) und «Lo!» (1931) -, sind keine Sammlungen von «Wundern», sondern von «gewöhnlichen Begebenheiten»: Regen von Fröschen, Fischen und Schlangen, spontane Selbstentzündungen menschlicher Körper, Teleportationen, Ufo-Erscheinungen und was es immer zwischen Himmel und Erde gibt, das die Wissenschaft ignoriert oder wegerklärt.

Die Beute dieser «Grand Tour», der «Jagd nach dem Unerklärlichen», ist reichhaltig und faszinierend. Was war etwa mit jenem Gesandten der britischen Regierung, einem gewissen Benjamin Bathurst, der am 25. November 1809 auf seiner Deutschlandreise in Perleburg die Pferde wechseln wollte und, im Beisein von Diener und Sekretär, um die Pferde herumging und nicht mehr gesehen wurde? Woher kam jenes dürre Eichenlaub, das es an einem Frühlingstag, dem 9. April 1869, im französischen Autrèche vom Himmel regnete? Und was war mit jener Frau geschehen, die am 1. August 1869 in ihrer Wohnung in Paris von einem inneren Feuer verzehrt wurde, so dass die Polizei nichts anderes zu entdecken vermochte als «einen verkohlten Körper in einem praktisch unversengten Raum»?

Und doch - Forts Werk wäre vielleicht nicht von besonderer Bedeutung, hätte er aus seinen Funden, wie beispielsweise ein Erich von Däniken, eine Glaubenssache gemacht. Doch darauf war er nicht aus, im Gegenteil. Fort ging es darum zu zeigen, dass die Wissenschaft selbst ein Glaube war, eine fixe Idee, deren «scheinbare Annäherung an Konsistenz, Dauerhaftigkeit, System» aufrechterhalten wird, «indem das Unvereinbare oder Unassimilierbare verdammt wird». Das wichtigste Werkzeug des aufgeklärten Wissenschafters, gab Fort zu bedenken, sei nicht die Feder, sondern die Schere. Und wer sich «in Anbetracht einer Wissenschaft dem Guten, Wahren und Schönen nahe» wähne, verkenne, dass das, «was ihm Ehrfurcht einflösst, die Verstümmelung» sei: «Der Gott aller Idealisten ist die Unterernährung.»

Nur indem sie verschweigt, kann die Wissenschaft reden, und was wir als Wissen bezeichneten, sei «von Gelächter umgebene Ignoranz», hatte Fort bereits in seinem Erstling über die «Topographie des Denkvermögens» geschrieben. Was nicht in ihr System passt, heisst die Wissenschaft willkommen wie die Tischgesellschaft den Landstreicher, der sich zu ihr setzt und behauptet, dies sei sein angestammter Platz. Lange vor Kritikern wie Thomas S. Kuhn oder Paul Feyerabend hat Fort darüber nachgedacht, was das Wesen der Wissenschaft ausmacht, und seine Erkenntnisse waren so ketzerisch wie modern.

Verspottet Fort den Wissenschafter als einen Menschen, der bei seinen Untersuchungen verfahre «wie eine Frau beim Einkauf ihrer Garderobe - Hauptsache Ton in Ton», so ist er, was sein eigenes Unternehmen betrifft, von sokratischer Bescheidenheit; ein «Weisheitssuchender», der sich «mehr und mehr vom Zustand des Idioten entfernt, um am Ende festzustellen, dass er zu ihm zurückkehrt».

Charles Fort, geboren am 6. August 1874, starb am 3. Mai 1932 in New York, fast erblindet, an einer Herzvergrösserung. Ein Super-Dame-Spiel, das er noch erfunden hatte, war derart kompliziert, dass es eine Woche dauerte, es zu spielen. Seine Sammlung von 60 000 Aufzeichnungen wird in der New York Public Library, wo er zu arbeiten pflegte, aufbewahrt.

Niemand war ihm mehr suspekt als seine Anhänger, die heute noch Zeitschriften wie die «Fortean Times» herausgeben oder sich im Internet tummeln. Er selber glaube «nichts von alldem», was er «je geschrieben habe», meinte er sibyllinisch, denn es sei für ihn «unannehmbar, dass geistige Erzeugnisse ein Gegenstand von Glauben» seien. Seine Bücher, sagte er, seien Fiktion - so wie «Die Abenteuer des Sherlock Holmes», Newtons «Principia» oder die Genesis.


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