NZZ Folio 11/92 - Thema: Geheimdienste   Inhaltsverzeichnis

Hochzeit der Spione

Die Geheimdienste im Zweiten Weltkrieg.

Von Alfred Cattani

In der Morgendämmerung des 22. Juni 1941 eröffnete die deutsche Wehrmacht an einer Front, die von Finnland bis zum Schwarzen Meer reichte, den Feldzug gegen die Sowjetunion. «Ein Aufmarsch, der in Ausdehnung und Umfang der grösste ist, den die Welt bisher gesehen hat», hiess es in der wenige Stunden später am Grossdeutschen Rundfunk von Propagandaminister Goebbels verlesenen Proklamation Hitlers. Millionen Soldaten waren in den Monaten zuvor aus ihren Garnisonen in Deutschland an die neue Front im Osten verlegt worden. Hatte die sowjetische Führung, die sich überrascht gab, das nicht bemerkt? Hatte sie blind auf die Vertragstreue Hitlers gebaut, an die Dauerhaftigkeit des ominösen, unehrlichen Paktes mit ihm geglaubt?

Dem Kreml waren die deutschen Truppenkonzentrationen an der sowjetischen Westgrenze natürlich nicht entgangen. Die Warnungen vor einem Überfall Hitlers hatten sich seit Frühjahr 1941 gehäuft; ja sogar der genaue Zeitpunkt des Angriffes war den Russen von verschiedenen Seiten, von Diplomaten wie von Nachrichtendiensten, gemeldet worden. Aber die sowjetische Führung hatte falsche Schlüsse gezogen. Stalin glaubte wahrscheinlich, Deutschland versuche erpresserischen Druck auszuüben, um Russland zu Konzessionen wirtschaftlicher oder politischer Art zu zwingen. Den Aberwitz, sich in ein bewaffnetes Abenteuer mit der Sowjetunion zu stürzen, ehe der Krieg mit dem britischen Weltreich beendet war, traute Stalin seinem Diktatorkollegen in Berlin nicht zu.

Der Überfall auf die Sowjetunion ist wohl das eindrucksvollste Beispiel für Grenzen und Problematik im Mechanismus der Geheimdienste. Die deutschfeindliche Spionage hatte vorzügliche Arbeit geleistet - vergeblich, weil man ihre Informationen nicht glaubte. In diesem Falle wie in vielen anderen auch überwogen Skepsis und Vorurteile gegenüber der Arbeit der Geheimdienste. Der Grund dafür liegt in Struktur und Arbeitsmethoden der Spionage. Sie folgt zwangsläufig eigenen Gesetzen, arbeitet verdeckt und getarnt. Täuschungen gehören zu ihrem üblichen Instrumentarium. Sie arbeitet in einer Grauzone, in der Wahrheit und Fälschung nur schwer zu unterscheiden sind. Darum bleibt die Wirkung der Spionage meist beschränkt. Aus gleichem Grund ist es im nachhinein fast unmöglich, in einwandfreier Weise die Geschichte der Geheimdienste zu rekonstruieren, ohne der Gefahr zu erliegen, die Lücken und Unwägbarkeiten mit eigenen Spekulationen zu füllen. Spionagegeschichten, selbst sogenannt authentische, gehören zum Bereich der «fiction»; ernsthafte Wissenschafter halten sich zurück.

Auch das Funktionieren der Nachrichtendienste im Zweiten Weltkrieg ist im einzelnen schwer nachzuzeichnen, obwohl die Quellenlage zumindest quantitativ günstig ist. Anders verhält es sich mit den organisatorischen Strukturen, die in den meisten Ländern Übereinstimmung aufweisen. Kaum ein Land hat nur einen einzigen Geheimdienst unterhalten. Es waren mindestens zwei, gelegentlich noch mehr, lockerere oder straffe Organisationen, die nebeneinander - oft auch gegeneinander - wirkten. Im Dritten Reich haben die Wehrmacht mit der Abwehr und die SS mit der Abteilung VI des Reichssicherheitshauptamtes eigene Nachrichtendienste aufgebaut. In der Sowjetunion war es ähnlich: Rote Armee, Geheimpolizei KWD (später NKWD) hatten ihre Dienste; daneben konnte sich Moskau via Komintern in vielen Ländern auf gut organisierte kommunistische Parteien stützen, die in der Technik der Konspiration bestens bewandert waren. Eine analoge, wenn auch eher überschätzte Rolle spielte auf der Seite Deutschlands die «fünfte Kolonne» bedingungsloser Anhänger faschistischer Ideologien.

In Grossbritannien ist bei Kriegsausbruch der neben den Nachrichtendiensten von Armee, Flotte und Royal Air Force wirkende ehrwürdig-traditionelle Auslandsgeheimdienst (MI6) im Secret Intelligence Service reorganisiert worden. Zugleich wurde die Spionage erweitert um zwei neue Dienste, die charakteristisch für die Kriegsführung von 1939-1945 waren: die Political Warfare Executive (PWE), die den Gegner propagandistisch bearbeiten sollte, und die Special Operation Executive (SOE) mit der Aufgabe, hinter den feindlichen Linien Sabotageakte vorzubereiten - «Europa in Flammen zu setzen», wie es Churchill formulierte.

In den Vereinigten Staaten, die erst Ende 1941 in den Krieg verwickelt wurden, gab es zunächst keine dem britischen Intelligence Service entsprechende Organisation. Armee, Flotte und Luftwaffe hatten ihre eigenen Dienste zur Informationsbeschaffung. Präsident Roosevelt, der als unversöhnlicher Gegner Hitlers Amerika aus der Isolationspolitik hinauszuführen entschlossen war, gab schon früh Auftrag zur Schaffung eines neuen Nachrichtendienstes, der gewissermassen auf privater Basis konzipiert wurde. Die Aufgabe übernahm der New Yorker Rechtsanwalt William B. Donovan als Koordinator; er stellte Vertrauensleute an, die sicherheitsrelevante Informationen beschaffen sollten, politische wie militärische. Nach Pearl Harbor erhielt Donovans Gruppe unter dem Namen Office of Strategic Services (OSS) offiziellen Status. Analog dem britischen Geheimdienst schuf auch der OSS neben der Informationsbeschaffung Abteilungen für propagandistische Kriegsführung und für Sabotageaktionen. Der OSS behielt trotz seiner Ankoppelung an das amerikanische Oberkommando weitgehend seinen zivilen Charakter. Leitende Mitarbeiter suchte sich Donovan vor allem unter Juristen, Managern und Geschäftsleuten, die über internationale Erfahrungen und Beziehungen verfügten.

Eine besondere Rolle in der Spionage des Zweiten Weltkrieges spielte die Schweiz; sie war ein eigentlicher Tummelplatz der Nachrichtendienste. Nicht nur Amerikaner, Briten, Deutsche und Sowjets hatten hier ihre Agenten, sondern auch China und Japan. Dank seiner Neutralität und als einziger fremder Platz mitten im Herrschaftsbereich der Achsenmächte erhielt das Land die Funktion einer Art Drehscheibe der Spionage. Davon profitierte auch der schweizerische Nachrichtendienst. Wenn er als einer der effizientesten jener Zeit bezeichnet wird, so verdankt er das zum Teil den Kontakten mit Informanten der ausländischen Geheimdienste. Die Nachrichtenbeschaffung war breit aufgefächert. Ähnlich wie in den USA waren in der Schweiz neben den militärischen Geheimdiensten auf privater Basis andere Gruppen entstanden, wie etwa das eng mit der Armee zusammenarbeitende «Büro H» des Majors Hans Hausammann. Über das, was 1939?1945 im weiteren Bereich der Spionage in der Schweiz alles passiert ist oder passiert sein soll, gibt es eine umfangreiche Literatur. Man könnte also annehmen, das Thema sei einigermassen transparent. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Wie üblich überwiegt das Sensationelle, das Chance hat, von den Massenmedien aufgegriffen zu werden. «La guerre a été gagnée en Suisse» titelten in den sechziger Jahren zwei französische Journalisten ihre Story über den Nachrichtenplatz Schweiz. Sie strotzte vor Fehlern und Ungereimtheiten.

Jede historische Forschung stösst bei der Abklärung geheimdienstlicher Tatbestände früher oder später an unübersteigbare Schranken. Heute wimmelt es nur so von «missing links». Aus einleuchtenden Gründen geben die Übermittler von Informationen den Namen des Lieferanten (der seinerseits vielleicht auch nur Übermittler ist) nicht preis. Der Weg einer geheimdienstlichen Meldung lässt sich deshalb auch meist nicht bis zu ihrer ursprünglichen Quelle zurückverfolgen. Als bekanntes Beispiel sei die als effizient und zuverlässig beurteilte «Wiking»-Linie des Schweizer Nachrichtendienstes erwähnt. Über sie gelangte (als erste bedeutende Information) im Frühjahr 1940 das genaue Datum des geplanten deutschen Überfalls auf Dänemark und Norwegen zum Schweizer Nachrichtendienst. Es wurde gemutmasst, die Linie reiche bis ins Führerhauptquartier. Die Identität des Erstinformanten konnte jedoch weder damals noch später abgeklärt werden. Eine in den sechziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland mit viel kriminalistischem Scharfsinn betriebene publizistische Hexenjagd, die den «Verräter» entlarven sollte, blieb ohne Erfolg.

Die Spionagetätigkeit erhielt neue Impulse, vor allem nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Schon vor dem Krieg hatte ein Netz kommunistischer Agenten in Westeuropa gearbeitet. Nun wurde es reaktiviert. Im Sommer 1941 schossen in den besetzten Gebieten Frankreichs, Belgiens und der Niederlande Schwarzsender aus dem Boden, die verschlüsselte Meldungen nach Moskau funkten. Ende 1941 waren es, wie die Deutschen feststellten, in diesen Ländern rund 200. Die Nachrichtendienste profitierten davon, dass seit den zwanziger Jahren das Funken zu einem weitverbreiteten Hobby geworden war. Die professionellen Agenten konnten, gerade bei den Kommunisten, auf das Know-how einer relativ breiten Schicht zurückgreifen.

Aber auch aus Deutschland sandten Kommunisten per Funk Nachrichten nach Moskau. Andere oppositionelle Gruppen und Einzelpersonen, die aus den unterschiedlichsten Gründen das Hitler-Regime beseitigen wollten, schlossen sich an. Monatelang tappte die deutsche Spionageabwehr im dunklen, ehe sie die Sender orten konnte. Im August 1942 schlug die Gestapo zu. Kurz darauf erfolgten auch Aktionen gegen die kommunistischen Sender in den von den Deutschen besetzten westeuropäischen Gebieten.

Die Gestapo gab den von ihr zerschlagenen gegnerischen Nachrichtengruppen den Namen «Rote Kapelle». Unter diesem Sammelbegriff bürgerten sich deren Aktivitäten im Sprachgebrauch ein. Die «Rote Kapelle» war aber keineswegs eine zentral geleitete homogene Organisation; es handelte sich um Gruppen und Einzelpersonen, die voneinander weitgehend unabhängig operierten, keine oder nur zufällige Kontakte miteinander hatten, oft nicht einmal voneinander wussten.

In Deutschland bestand die «Rote Kapelle» nur zum Teil aus alten Kommunisten der Weimarer Zeit. Die meisten von ihnen hatten keine Ahnung, dass die Gestapo auch Leute festgenommen hatte, die dem Regime in wichtigen Positionen dienten wie der Oberregierungsrat Arvid Harnack im Wirtschaftsministerium oder der Oberleutnant Harry Schulze-Boysen im Luftfahrtministerium. Ihr Protest gegen Hitler war primär ethisch-religiös, doch sahen sie in der Sowjetunion, die damals die Hauptlast des Krieges gegen das Dritte Reich zu tragen hatte, den konsequentesten Gegner des Nationalsozialismus und deshalb ihren natürlichen Verbündeten. Dank Schulze-Boysens Insiderkenntnissen gelangten wichtige Informationen in die Hände der Russen. Es ist einer der wenigen Fälle, da ein Hauptinformant mit Namen und Vornamen einwandfrei feststeht.

Ungeachtet der Enttarnung der «Roten Kapelle» erhielt Moskau auch in den folgenden Monaten bedeutsame Nachrichten über Pläne und Absichten des Gegners, da der Schweizer Zweig des kommunistischen Spionagenetzes in Westeuropa weiterarbeitete. Leiter war der ungarische Kommunist Alexander Rado, ebenfalls ein Profiagent, der in Genf zur Tarnung ein Pressebüro betrieb; er hatte sich einen Ring von Informanten aufgebaut. Zu ihnen gehörte auch Rudolf Roessler, ein aus ethischen und religiösen Motiven in die Schweiz emigrierter Hitler-Gegner. Roessler nahm in der nachrichtendienstlichen Tätigkeit eine zentrale Position ein. In Luzern betrieb er einen Verlag und hatte schon vor dem Krieg politische wie militärische Nachrichten gesammelt und scharfsinnig analysiert. Roessler verfügte offensichtlich auch über direkte oder indirekte Kontakte zu hohen deutschen Militärs. Wer diese waren, weiss man nicht, denn er hat sich bis zu seinem Tod hartnäckig über seine Informanten ausgeschwiegen. So ranken sich um Roessler bis heute Legenden. Aus Luzern soll er - wie Richard Sorge aus Tokio - Moskau den Termin von Hitlers Angriff gemeldet haben.

Im Herbst 1943 kam die Bundespolizei dem Netz Rados auf die Spur. Nach einiger Zeit stiess sie bei den Ermittlungen auch auf Roessler. Er wurde festgenommen und kam drei Monate in Untersuchungshaft, obwohl es sich rasch herausstellte, dass er nicht nur für die Russen gearbeitet, sondern über das «Büro H» auch den Schweizer Nachrichtendienst mit dem gleichen wichtigen Material beliefert hatte. Der Fall Roessler dürfte exemplarisch sein. Gerade in seiner mangelnden Transparenz, seiner schillernden Vielfalt und dem Schweigen auch über den Tod hinaus ist er charakteristisch.

Ein Gegenstück zu Roessler ist der «Fall Cicero» in Ankara. Durch ihn kamen die Deutschen in den Besitz wichtiger Informationen. Handelte Roessler ohne Zweifel aus subjektiv ehrenwerten Motiven und verletzte zwar die Gesetze, aber keineswegs die Interessen seines Gastlandes, so ist der Hauptakteur von «Cicero» ein Mann, der aus purer Gewinnsucht handelte. Er hiess Elyesa Bazna, war türkischer Staatsangehöriger albanischer Herkunft und arbeitete als Kammerdiener des britischen Botschafters in Ankara. Bazna benutzte seine Stellung, um Kopien geheimer britischer Dokumente herzustellen, die er an die deutsche Botschaft verkaufte. Da die Quelle recht ergiebig war, gaben ihr die Deutschen in Anspielung auf den redegewaltigen antiken Philosophen den Namen «Cicero». Bazna lieferte Ende 1943 Unterlagen über die alliierten Gipfelkonferenzen von Kairo und Teheran, die den Deutschen Einblick in die politischen und militärischen Pläne des Gegners verschafften. Churchill hatte angeregt, den Hauptschlag gegen die Wehrmacht auf dem Balkan zu führen, während Roosevelt (und mit ihm auch Stalin) für eine Invasion Frankreichs waren. Der Entscheid für eine Landung in der Normandie wurde so den Deutschen bekannt, wobei es unklar ist, ob sie ausser dem Decknamen «Overlord» auch Einzelheiten über Ort und Termin erhielten. Aber der «Fall Cicero» endete in doppelter Hinsicht als Flop. Der Spion erhielt seinen Lohn in Falschgeld ausbezahlt. Und die obersten deutschen Stellen werteten die Informationen als gezielte Irreführung.

Aus dem Rückblick mag ein solcher Entscheid unbegreiflich erscheinen. Ein Vergleich zu Stalins Zweifel an den Meldungen über Hitlers Angriffspläne drängt sich auf. Die Situation muss jedoch aus der Perspektive der Zentrale betrachtet werden, in der die Informationen einliefen. Sie wurde tagtäglich überschwemmt mit einer Fülle von Material. Eine seriöse Auswertung war praktisch unmöglich, weil Zeit und Personal fehlten. Dazu kamen in allen Ländern die notorischen Abwehrreflexe der Profis des militärischen Nachrichtendienstes gegenüber Informationen aus ziviler Quelle. Das Militär war gewohnt, seine Arbeit nach Reglement zu verrichten. Sammlung von Direktinformationen bei Gefangenen und Überläufern war eine der Hauptaufgaben; das Knacken der gegnerischen Codes eine andere. Viele waren der Meinung, auf diese Weise liessen sich Pläne und Absichten des Feindes wesentlich präziser erkunden als durch gelegentliche Zufallstreffer einiger ziviler Spionage-Greenhorns. Tatsächlich hat die Kenntnis des japanischen Codes den Amerikanern geholfen, im Juni 1942 den japanischen Angriff auf das Pazifikatoll Midway abzuwehren. Auch in der Schlacht um Guadalcanal (August 1942?Februar 1943) war die US-Navy über die Absichten der Gegenseite stets aufs beste unterrichtet und konnte ihre Taktik darauf ausrichten.

Selbst im Übergangsbereich zwischen Nachrichtenbeschaffung und militärischem Einsatz wie bei den Special Operations Executives (SOE) Englands und der USA zeigten die Militärs Zurückhaltung. So konnten die tschechoslowakischen Sabotagetrupps, die 1941 von England aus nach Böhmen und Mähren geflogen werden sollten, monatelang nicht starten, weil ihnen die Royal Air Force keine Flugzeuge gab. Der Ausgang dieser Aktionen gab den militärischen Skeptikern einesteils recht, denn kaum eines der Kommandos erreichte sein Ziel. Dafür glückte die spektakulärste dieser Aktionen, das Attentat auf den Reichsprotektor Heydrich, wenn auch nur durch Zufall und ganz anders als geplant.

Vollends problematisch wurde es, wenn Geheimdienste ins politische Feld übergriffen. Der Chef des Schweizer Nachrichtendienstes im Zweiten Weltkrieg, Oberstbrigadier Roger Masson, der direkt in Kontakt zum gleiche Funktionen bei der SS ausübenden Brigadeführer Walter Schellenberg trat und diesen sogar mit General Guisan zusammenbrachte, ist ein bezeichnendes Beispiel. So lauter die Beweggründe Massons auch gewesen sein mochten, seine Aktivitäten brachten keineswegs den Ertrag, den er sich erhofft hatte. Mit mehr Erfolg hat der der amerikanischen Botschaft zugeteilte OSS-Vertreter in Bern, Allen W. Dulles, im politischen Gebiet operiert. Dulles, ein Freund und Vertrauter von OSS-Chef Donovan, war Ende 1942 in die Schweiz gekommen und baute ein gut funktionierendes Agentennetz auf. Dulles knüpfte Fäden zur deutschen Opposition und damit zu Kreisen, die nach dem Krieg möglicherweise beim Aufbau eines demokratischen Deutschland helfen konnten. Er setzte damit der offiziellen Politik des «unconditional surrender» eine Art eigener Alternative entgegen. Letztlich blieben aber auch diese Versuche, so sehr sie Hitler-feindlichen Kreisen im Dritten Reich Mut und Ansporn vermitteln mochten, in Ansätzen stecken. Das aufwendigste Unternehmen von Dulles, die Operation «Sunrise» vom Frühjahr 1945, die zum Ziel hatte, in Italien ein rasches Kriegsende herbeizuführen, hatte erst vier Tage vor dem allgemeinen Waffenstillstand vom 8. Mai 1945 (und erst als Hitler tot war) Erfolg, ein dürftiges Ergebnis, gemessen an den hochgespannten Erwartungen.

Mit der Spionage allein ist noch kein Krieg gewonnen worden. Die Geheimdienste konnten bestenfalls einzelne Bausteine liefern; vieles, was sie lieferten, war zudem Material, das für jeden greifbar war, der sich darum bemühte. Hätte 1939 die oberste deutsche Führung, ehe sie den Krieg entfesselte, mit damals vorhandenem offiziellem Datenmaterial eine nüchterne Analyse der Ressourcen erstellt, über welche die potentiellen Gegner Deutschlands in einem globalen Konflikt verfügten, so wäre das Ergebnis ein eindeutiges gewesen. Ein Weltkrieg, in dem das Reich wie 1914 der feindlichen Koalition restlos unterlegen war, musste für Deutschland zu einem Abenteuer werden. Um zu einem solchen Schluss zu kommen, brauchte es keine Informationen aus Geheimquellen. Viele politische und militärische Entscheide werden jedoch zu oft nicht nach rein rationalen Erwägungen gefällt. Der Zweite Weltkrieg ist ein tragisches und erschreckendes Beispiel dafür.

Alfred Cattani, Publizist, lebt in Egg ZH.


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