Dummerweise habe ich diese Einladung des NZZ-Folios angenommen. Nun soll ich erläutern, warum die Niederlande Fussballweltmeister werden, und ich habe, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie sie das schaffen könnten. Wir haben fabelhafte Fussballer mit grossen Fähigkeiten, ja, aber wir haben keine Nationalelf. Es mag zwar sein, dass bei Turnieren Mannschaften geboren werden, und die niederländischen Fussballer zeichnen sich gewiss dadurch aus, dass sie in der relativen Absonderung eines Trainingslagers Teamgeist entwickeln können. Aber die WM gewinnen?
Unlängst hatte ich ein altes Foto von der glorreichen Ajax-Mannschaft der 1970er Jahre vor mir. Die Jungs sahen allesamt wie Killer aus. Sie verfügten über eine sagenhafte Technik, aber sie hatten auch alle etwas äusserst Bösartiges und Rachsüchtiges an sich; wer gegen die antrat, musste um sein Leben fürchten. Vom damaligen Ajax-Trainer Rinus Michels stammt der Ausspruch: «Fussball ist Krieg.» Seine Mannschaft sah aus wie eine Todesschwadron, trainiert in den rauhen Wäldern des Kaukasus. Diese Fussballer konnten überall bestehen, weil sie mit blossen Händen Wildschweine fingen und sie mit den Zähnen in Stücke rissen. Diese Männer wollten Blut an die Torpfosten spritzen sehen und entspannten sich erst ein wenig, wenn sie ihre Gegner vierteilen konnten. Nein, von mir werden Sie nichts über das elegante Fussballspiel als edle Variante des Balletts hören. Ich betrachte Fussball als eine Form des angewandten Terrors. Ich erinnere mich an Spiele von Ajax, bei denen der Gegner wimmernd am Boden lag und um Vergebung flehte. Aber das Wort Vergebung fehlte im Wörterbuch der Ajax-Spieler - falls diese Banditen überhaupt Wörterbücher besassen. Sie erkämpften sich eine überlegene Position, und wenn sie die erreicht hatten, begann das eigentliche Spiel: den Gegner triezen, beleidigen, demontieren und für den Rest seiner Tage auf die Couch des Psychotherapeuten verbannen.
Ich bekenne, dass ich die von Ajax zugefügten Erniedrigungen genossen habe. Es ging um Macht und darum, den Verlierer für immer zu unterwerfen. Können unsere heutigen Fussballer andere noch erniedrigen? Wie böse und hungrig muss man sein, um wirklich bis zum allerletzten Atemzug zu kämpfen, um nicht aufhören zu können, bis man dem Gegner sein ganzes Blut ausgesaugt hat?
Ja, ich erfreue mich auch an Chelsea und Barcelona. Sie spielen schönen Fussball, aber Fussball ist Krieg, nein, Fussball muss der ultimative thermonukleare Ausbruch auf einem 110 mal 70 Meter grossen Rasen sein. Und eine Fussballmannschaft ein Mordkommando aus sadistischen Söldnern. Aus meinem Mund keine Kritik an den Gladiatoren des alten Rom.
Was wollte das NZZ-Folio von mir wissen? Warum die Niederlande die WM gewinnen werden? Weil unser Coach Marco van Basten unsere Spieler auf Wasser und Brot setzt. Weil er ihnen Videos von ihren Frauen zeigt, die mit geschmeidigen Latin Lovers durchgebrannt sind. Weil er ihnen Fotos von ihren in Brand gesteckten Häusern und ihren von Vandalen demolierten Maseratis und Lamborghinis unter die Nase hält. Und weil er diese Fussballer dann auf dem Spielfeld loslässt. Darum werden wir Weltmeister.
Leon de Winter ist Schriftsteller; er lebt in Amsterdam. Zuletzt ist von ihm auf deutsch der Roman «Place de la Bastille» (Diogenes 2005) erschienen.