NZZ Folio 08/00 - Thema: Las Vegas   Inhaltsverzeichnis

Mit einer Handvoll Dollar

Nirgends fällt das Verlieren leichter - ein Selbstversuch.

Von Andreas Heller

Er muss einer von denen sein, die man hier High Roller nennt. In weissen Lackschuhen stolziert er durch das Casino des Bellagio, und wenn er sich an einen Spieltisch setzt, braucht er nicht erst seine Brieftasche zu zücken. Er unterschreibt einen Check, einen Marker, und erhält die Jetons gleich haufenweise ausgehändigt. Er spielt Black Jack an einem Tisch, der allein für ihn reserviert ist. Er spielt drei Spiele gleichzeitig, und sein Mindesteinsatz ist jedes Mal ein Tausender. Beim Roulette setzt er je hundert Dollar auf 7, 10, 13, 17, 21, 28 und 35. Dann zieht er weiter, in die High-Limit Area, wo es dann richtig zur Sache geht: Baccarat, 25 000 Dollar pro Runde.

Ein High Roller ist ein Gambler, der sich das Vergnügen leistet, während seines Aufenthalts in Las Vegas hunderttausend Dollar und mehr beim Glücksspiel zu riskieren. High Roller haben eine Kreditlinie in ihrem bevorzugten Casino und werden verwöhnt wie Könige: Sie fliegen First Class auf Kosten des Hauses, sie werden mit einer weissen Stretch-Limo ins Hotel gebracht, wo sie dann in einer «Villa» logieren: 400 Quadratmeter, himbeerfarbener Salon, Konferenzraum, drei Schlafzimmer, Badezimmer mit Cheminée und ein Marmorjacuzzi neben jedem Bett. High Roller sind Leute, die sich um nichts mehr zu kümmern brauchen.

Ich bin nur ein kleiner, gewöhnlicher Tourist. Ich habe ein Zimmer mit Blick auf das Dach der Parkgarage, und das einzig Königliche darin ist das King-Size Bed. Ich habe keine Kreditlinie, sondern nur ein Portemonnaie mit etwas Cash. Mein Budget für eine Woche Gambling Experience: 500 Dollar, exakt soviel, wie ein Las-Vegas-Tourist durchschnittlich ins Glücksspiel investiert.

Über 50 Casinos erwarten den Spieler in Las Vegas und Umgebung, Casinos für jeden Geschmack und jedes Budget. Die feine Klientel zieht's ins Bellagio oder ins Mirage, den Mittelstand ins Luxor oder ins Excalibur, die Dot-com-Millionäre ins Hard Rock, und die Einheimischen vergnügen sich downtown, im Orleans oder im Palace Station fernab vom Strip. Ich wähle das Tropicana, ein in die Jahre gekommenes Haus oben am Strip, das sich etwas einfallen lassen muss, um auch nur kleine Fische zu ködern.

«Bei uns ist jeder ein Gewinner», verspricht das Tropicana. Und tatsächlich darf jeder, der das Casino betritt, einmal gratis am Glücksrad drehen. Ich gewinne ein Spezial-Bonuspaket. Es besteht aus einem Gutschein für eine Frozen Margerita und einen 10-Prozent-Discount in den Casino-Läden. Dazu gibt es Gratisspiele im Wert von 30 Dollar am Lucky Slot, wenn ich meinerseits 20 Dollar investiere. Nicht schlecht für den Anfang: ich hole mir beim Cashier 50 Münzen im Wert von einem Dollar, die nur einen Makel haben: sie sind gekennzeichnet. Man kann sie also nicht gleich wieder in Noten wechseln, um den Gewinn zu realisieren. Mit diesem Geld kann man nur spielen.

Es ist später Vormittag, und das Casino bebt bereits vor Action. Geld klimpert, als würden ganze Füllhörner ausgeschüttet, Glocken klingeln, Sirenen ertönen, ab und zu ein spitzer Schrei. Mit stierem Blick sitzen die Spieler auf Schemeln aus Knautschplastic vor den Automaten und warten auf das grosse Glück in Gestalt von drei Kirschen oder drei Bananen. Die Maschinen tragen Namen wie Wild Cherry, Top Banana, Double Diamond, Gold Mountain oder Instant Winner. Mein Lucky Slot ist im hintersten Winkel der flimmernden Slot-Arkade versteckt, drei Spielautomaten, von denen zwei bereits besetzt sind. Am einen sitzt eine füllige Lady im crèmefarbenen Trainingsanzug, in der rechten Hand ein Diet Coke. Am andern ein junger Glatzkopf mit Sonnenbrille, eine Zigarette im Mundwinkel, die Asche zwei Zentimeter lang.

Ich setze mich an die dritte Maschine und lasse mich ein auf das Spiel mit Früchten und Geldsäcken. Drei Geldsäcke zahlen einen Jackpot von 500 Dollar, zwei Geldsäcke 100, einer 50. Früchte sind Nieten und zahlen nichts. Ich versenke die erste Dollarmünze und drücke den Startknopf. Drei Walzen setzen sich in Bewegung. Nach sechs Sekunden erscheinen eine Erdbeere, eine Kirsche und eine Wassermelone. Ich stecke die nächste Münze in den Automaten, zum Vorschein kommen eine Banane, eine Ananas und eine Kokosnuss. So geht es weiter. Nach zehn Minuten habe ich 25 Dollar verspielt. Nach dreiundzwanzig Minuten habe ich es geschafft: die 50 beziehungsweise 20 Dollar sind weg.

An Slot-Maschinen spielen ist so anspruchsvoll wie Parkuhren füttern. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - sind sie mit Abstand das populärste Glücksspiel in der Gambling-Metropole; bis zu siebzig Prozent der Casinoumsätze spielen die einarmigen Banditen mittlerweile ein. Rund 36 Milliarden Dollar versenken die Spieler jährlich in die gegen 60 000 Spielautomaten am Strip, 5,9 Prozent oder über 2 Milliarden fliessen in die Taschen der Casinos, der Rest wird ausbezahlt, das meiste in Kleingewinnen, die zum Weiterspielen animieren sollen und von den meisten auch gleich wieder in die Maschine gesteckt werden. Seltener beginnt eine Maschine zu rasseln und zu klimpern, und es ergiessen sich kiloweise Münzen in den Plastic-Kübel. Auch ein voller Kübel ergibt aber erst ein paar 100-Dollar-Scheine. Das wirkliche grosse Geld an einem Spielautomaten macht nur, wem es gelingt, einen Jackpot zu knacken - so wie Cynthia Jay am 28. Januar dieses Jahres. Die 37-jährige Bardame steckte im Desert Inn 27 Dollar in eine der über 400 im ganzen Staat Nevada verbreiteten Megabucks-Maschinen und gewann 34 959 458 Dollar. (Die Summe prasselte allerdings nicht aus der Maschine auf die Glückliche nieder, sondern wird ihr in jährlichen Raten über 20 Jahre ausbezahlt.)

Mein Kontostand war nach der ersten Gambling Experience bereits auf 479 Dollar geschrumpft, ein untrügliches Zeichen, dass es so nicht lange weitergehen konnte. Selbst im Glücksspiel darf man nicht allein auf das Glück vertrauen. Auch hier gilt es Einsatz und Risiko gegeneinander abzuwägen - und vor allem sollte man zuerst die Regeln lernen, am besten in einer Gambling Lesson, wie sie von verschiedenen Casinos angeboten werden.

Der Gambling Instructor des Caesars Palace, Barney Vinson, ist ein soignierter Herr mit dreissigjähriger Casino-Erfahrung, Autor des Bestsellers «Casino Secrets». Vinson ist unkompliziert - «just call me Barney» - und von der Redseligkeit eines Waschmaschinenverkäufers. Er erzählt von Top High Rollers, von sogenannten Walfischen wie dem australischen Medienmogul Kerry Packer, der mit seiner Risikofreude schon manches Casino an den Rand des Ruins getrieben hat. Als der Milliarden schwere Gambler das letzte Mal im Caesars abstieg, spielte er beim Black Jack sechs Spiele gleichzeitig, «six hands», und setzte jedes Mal 25 000 Dollar. Nach ein paar Stunden hatte er über eine Million Dollar eingespielt. Als er den Tisch endlich verliess, steckte er dem Mann, der die Karten verteilte, dem sogenannten Dealer, 7 seiner 25 000-Dollar-Jetons zu. «Männer wie Packer sind besonders gefährlich», sagt Barney, «denn Geld hat für sie keinerlei Bedeutung.»

Eine Lektion bei Barney ist gratis, sie dauert 60 Minuten, und im Angebot sind je nachdem Black Jack, Baccarat oder das Würfelspiel Craps. Diesmal ist Black Jack an der Reihe, «the best game in the house», wie Barney sagt, das einzige, bei dem der Spieler sein Schicksal wenigstens ein bisschen mitbestimmen kann.

Die Regeln sind schnell erklärt: Jeder Spieler erhält in einem ersten Durchgang zwei Karten, und das Ziel besteht darin, möglichst nahe an die Zahl 21 heranzukommen, ohne sie zu überschreiten. Der Gegner jedes Spielers ist dabei die Bank, die vorerst nur eine Karte aufdeckt. Weiter gilt: Zwei Karten gleichen Rangs können zu zwei separaten Spielen aufgeteilt werden («split»); ausserdem hat der Spieler die Möglichkeit, seinen Einsatz zu verdoppeln, bevor er eine dritte Karte verlangt («double down»). Ob man dies tun soll, hängt von der jeweiligen Spielsituation ab, den eigenen Karten und jener, die der Dealer aufgedeckt hat. Hier beginnt die Basisstrategie. Die ist allerdings bereits so kompliziert, dass der Anfänger bald gar nichts mehr versteht. «But don't worry»: in jedem Giftshop gibt es ein laminiertes Kärtchen zu kaufen, die Basic-Strategy Chart, die in einer Tabelle den besten Entscheid in jeder Situation festhält.

Professionelle Spieler, das will der Gambling Instructor nicht verschweigen, treiben ihre Strategie freilich noch weiter. Sie versuchen die gespielten Karten zu zählen, um ihre Gewinnchancen zu optimieren. Noch in den sechziger Jahren gelang es Card Counters, massive Gewinne einzuspielen. Inzwischen haben die Casinos jedoch die Zahl der verwendeten Kartenspiele sukzessive erhöht. Statt mit zwei Decks wird heute mit fünf bis sechs gespielt, so dass selbst Card Counters mit einem Elefantengedächtnis kaum mehr nachkommen. Zudem machen sich Kartenzähler schnell verdächtig: Es gebe immer wieder Leute, die gegen Ende ihres Spiels ihre Einsätze plötzlich erhöhen, erzählt Barney. «Das macht uns stutzig, und wenn dann einer auch noch mehrmals gewinnt, dann müssen wir ihm halt leider sagen: <Sorry, you are too tough for us. Please go to another place.>»

Ich verstecke die Basic-Strategy Chart in der Zellophanhülle meines Zigarettenpäckchens; ich bin gerüstet für die erste Black-Jack-Partie und lasse mich also vom Caesars ins Mandalay Bay chauffieren. Das Mandalay hat eine goldene Fassade, es liegt an einem künstlichen Sandstrand und ist bekannt für den gläsernen Weinturm im Gourmet-Restaurant Aureole, die grösste Wodkaauswahl der Welt und für die heissen Mädchen im Rum Jungle. Das Casino dagegen ist ziemlich gewöhnlich. Die Spieltische sind tagsüber eher schwach besetzt, was wiederum einen unschätzbaren Vorteil hat: Man muss sich nicht gleich vor aller Welt blamieren, wenn man einen Anfängerfehler macht.

Mit einem Kribbeln in der Magengrube suche ich mir einen 5-Dollar-Tisch, einen Tisch mit dem minimalsten Minimaleinsatz. Lediglich zwei der sieben Stühle sind besetzt, hinter dem Tisch steht der Dealer, vor sich in einem Halbrund die Karten ausgebreitet. Ich klaube eine 50-Dollar-Note hervor und lege sie, wie es sich gehört, in die Mitte des Tisches, um sie dem «Auge im Himmel», der Kamera über jedem Spieltisch, zu präsentieren. Der Dealer heisst Teddy, und der steckt nun meine 50-Dollar-Note durch den Schlitz in ein Plexiglaskistchen, als wäre sie ein Fetzen Papier. Das Geld ist weg, und was ich dafür erhalte sind 10 rote Fünf-Dollar-Chips. «Good luck!» Es kann losgehen.

Der erste Spieler am Tisch, ein Hüne mit einer Mütze der Chicago Bulls, setzt einen violetten 10-Dollar-Chip auf den Kreis vor sich. Die Japanerin neben mir placiert einen grünen 25er, ich setze einen roten 5er. Die erste Karte, die mir Teddy hinlegt, ist ein König, die zweite eine Dame. Macht 20. Teddys erste Karte ist eine 8, die zweite ein Bube. Macht 18. Mein Gewinn: fünf Dollar. Das zweite Spiel wird noch besser: ich erhalte eine 10 und ein As - Black Jack. Ich bekomme das Eineinhalbfache des Einsatzes ausbezahlt. Beim dritten Spiel erhalte ich eine 10 und eine 4. Ich sage: «Noch eine Karte, bitte.» Aber Teddy schüttelt seine grauen Locken und zeigt an die Decke. Die Kamera kann nicht hören, also muss man seinen Wunsch mit einer Handbewegung anzeigen: der Spieler muss leicht am Filz kratzen oder diskret zu sich winken, wenn er eine weitere Karte wünscht; ist er mit seinen Karten zufrieden, hat er dagegen mit ausgestreckter Hand einen kurzen Strich in die Luft zu malen. Ich kratze und bekomme eine 3, macht 17. Ich bleibe dabei. Teddy hat als erste Karte eine 7 und deckt als zweite eine 9 auf. Er muss eine weitere Karte nehmen. Ein König. Macht 26.

«Je weniger man setzt, um so mehr verliert man, wenn man gewinnt», lautet eine der vielen Spielerweisheiten. Ich erhöhe meinen Einsatz auf 10 Dollar. Nach einer halben Stunde bin ich 45 Dollar voraus, das heisst, ich habe das, was ich im Tropicana verloren habe, längst wieder zurückgewonnen, eine anständige Flasche im Aureole ist ebenfalls bald eingespielt. Ich massiere meinen kleinen Jeton-Turm, lasse die Plasticscheibchen durch die rechte Hand gleiten, baue kleine Türme, einen grossen Turm, werfe grosszügig zwei Jetons als Tip aufs Tablett der leicht geschürzten und tief dekolletierten Bardame, die vorbeischwebt.

«Cocktaiilzz!»

«One Gin tonic, honey.» Ich komme langsam in Fahrt. Schon bin ich 65 Dollar voraus.

Dann verliere ich 10 und nochmals 10. Obschon ich es nicht recht wahrhaben will, beginnt sich das Blatt allmählich zu wenden. Teddy reibt zweimal die Hände, dreht die leeren Handflächen himmelwärts zur Kamera, und an seine Stelle tritt Misty, eine strenge Wasserstoffblondine. Sie mischt die Karten neu und schlägt sofort ein horrendes Tempo an, so dass ich etwas durcheinanderkomme mit Zählen und Splitten und Verdoppeln. Mein Chips-Turm schmilzt dahin. Schliesslich bleiben mir noch fünf 5-er. Ich gehe aufs Ganze und setze alles. Meine erste Karte ist ein König, meine zweite eine 9. Misty hat eine 6 aufgedeckt. Gemäss der B.-S. Chart, die ich im Zigarettenpäckchen unauffällig vor mir postiert habe, stehen meine Chancen ausgezeichnet, den Verlust mit einem Mal wettzumachen. Mistys zweite Karte ist eine vier. Dann deckt sie ihre dritte auf: ein König. Und ich bin auch meine letzten fünf 5-er los.

Dass man auch beim Black Jack früher oder später auf die Verliererstrasse gerät, ist Teil dieses Spiels. Denn der Dealer hat einen kleinen, aber entscheidenden Vorteil: Er deckt seine zweite Karte als letzter auf, zu einem Zeitpunkt, da der Spieler möglicherweise bereits überzogen hat. Dieser sogenannte Hausvorteil sorgt dafür, dass der Dealer von 100 Spielen im Durchschnitt mindestens 51 gewinnt. Zwei Gewinnspiele mehr auf hundert Partien ergibt einen statistischen Vorteil von zwei Prozent auf jedem Einsatz, und das genügt bereits, um die Kassen des Casinos zum Klingeln zu bringen. Gar bei über fünf Prozent liegt der Hausvorteil beim Roulette. Hier gibt es 36 Zahlen, eine Null sowie eine Doppelnull (eine Las-Vegas-Spezialität; in europäischen Casinos begnügt man sich mit einer Null). Die Chancen, die richtige Zahl zu erwischen, stehen somit 37:1. Der Gewinn, der dafür ausbezahlt wird, beträgt jedoch bloss das 35fache des jeweiligen Einsatzes. Fazit: Wer Roulette liebt, frönt diesem Spiel besser in Monte Carlo als in Las Vegas.

«Eigentlich», sagt Joe Manno, Casino-Manager von Bally's, «arbeiten wir nicht viel anders als eine Bank: Wir nehmen Geld und verteilen Geld, was uns bleibt, ist eine kleine Kommission. Wir spielen nicht, wir verlassen uns nicht aufs Glück, sondern allein auf die Statistik.»

Manno empfängt den Besucher in seinem fensterlosen Büro in einer Ecke des Casinofloor. An der Wand hängen die Rapporte der Einkünfte und Auszahlungen der letzten Tage. Der Casino-Manager überwacht die Geldflüsse, kümmert sich um das Personal und vor allem auch um die Kundschaft. «Entscheidend für den Erfolg», sagt Manno, «ist allein, dass der Spieler möglichst lange im Spiel bleibt.» Würde ein Gambler alles auf einmal setzen, wären die Gewinnchancen beinahe ausgeglichen. Aber je häufiger er wenig setzt, desto mehr addieren sich die kleinen Chancenvorteile des Casinos gegen ihn. Logische Konsequenz: Die Casinobetreiber müssen alles daransetzen, eine treue Stammkundschaft aufzubauen.

Das wichtigste Instrument hierzu sind allerlei Vergünstigungen, die sogenannten Comps. Jedes Casino hat sein eigenes Rabattsystem, aber jedes basiert auf einer Club-Karte, mit der wie mit einer Frequent-Flyer-Karte Punkte gesammelt werden können. Es genügt, die Karte bei den Slot-Maschinen in den dafür vorgesehenen Schlitz zu stecken oder bei den Tischspielen beim sogenannten Pit-Boss oder Floorman einzuchecken. Je länger das Spiel und je höher der Einsatz, desto mehr Punkte gibt es. Wenn einer täglich fünf Stunden am Tisch ist und sein kleinster Einsatz 25 Dollar beträgt, darf er mit einem Spezialtarif für sein Zimmer rechnen; setzt er jedes Mal 75 Dollar, bekommt er das Zimmer gratis; bei 100 Dollar wird ihm eventuell der Flug nach Las Vegas vergütet. High Roller, siehe oben, bekommen alles zum Nulltarif und können darüber hinaus noch einen Rabatt von 10 bis 20 Prozent auf ihren Verlusten aushandeln.

Jeder Gambler hat sein persönliches Rating und sein persönliches Profil: Gewinne und Verluste, Präferenz der Spiele, Spielfrequenz, dazu persönliche Angaben wie Hobbys, Hochzeits- und Geburtstag - alles ist in der Datenbank des Casinos gespeichert und wird von der Marketingabteilung akribisch ausgewertet, um die Spieler erneut nach Las Vegas und ins Casino zu locken.

Ich habe keine Karte und kann mir dafür den Luxus leisten, einmal dort und einmal hier zu spielen. Ich spiele downtown im Golden Gate, berühmt für seinen 99-Cents-Shrimps-Cocktail, im Harrah's, im Luxor. Mit Glück und wachsendem Geschick gelingt es mir, meinen persönlichen Kontostand wieder auf 500 Dollar auszugleichen. Mein Selbstbewusstsein erklimmt neue Höhen. Schon beinahe übermütig verfolge ich eine Craps-Partie, das traditionelle Würfelspiel, das schnellste und komplizierteste Spiel in der Stadt. Der Tisch ist von einer dicht gedrängten Menge umringt, Männer in Karohemden und Shorts, die lachen und fluchen, sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Ein Mann in Bermuda-Shorts setzt 1000 Dollar auf die Pass-Line, ich setzte 25 dazu und gewinne. Dann setzt er 1000 auf 8, ich ziehe nach mit 25 und gewinne erneut. Ich bin 100 Dollar im Plus. Weshalb, ist mir schleierhaft. Aber ich habe auf den richtigen Spieler gesetzt, so einfach ist das. Zwar bin ich selber noch lange kein High Roller und schon gar nicht ein Walfisch, aber vielleicht schon bald ein kleiner Barracuda: Ich fühle mich reif für eine Partie Baccarat im Bellagio.

«Baccarat ist wie Ferien auf dem Land», hatte Barney Vinson gesagt. «Es ist das Spiel, das man wenigstens einmal im Leben gespielt haben muss.» Der Mindesteinsatz beim Baccarat ist 100 Dollar, der Maximaleinsatz je nach Vereinbarung 100 000 und mehr. Kein Spiel für Kleinkrämer also, und wohl auch deswegen befinden sich die Baccarattische meist in einem speziellen Raum, der mit Vorhängen und Balustraden vom gewöhnlichen Casinobetrieb abgetrennt ist.

Am Eingang der High-Limit Area des Bellagio steht ein Attendant, der die Bestellung für den Cocktail entgegennimmt und zu einem der langen Mahagonitische geleitet. An meinem Tisch ist das Spiel bereits im Gang. Drei Dealer verteilen die Karten und überwachen das Spiel. Fünf Spieler sitzen um den grünen Filz: ein Asiate, der Tee schlürft, ein Russe in juwelenfunkelnder Begleitung, ein Amerikaner, der Zigarre qualmt, ein Mexikaner mit Brillantinenhaar und ein älterer Herr mit Goldringen an jedem Finger. Er sagt kein Wort. Dafür setzt er in jedem Spiel zwei 5000-Dollar-Jetons.

Ich setze mich auf Stuhl Nummer neun und beobachte das Spiel. Es ist relativ simpel. Wie beim Black Jack werden im ersten Durchgang zwei Karten gezogen. Doch diesmal geht es allein darum, zu wetten, ob die Bank oder der Spieler näher bei 9 sein werden, mit zwei Karten oder einer dritten oder vierten, die nach bestimmten Regeln aufgenommen werden. Einen eigentlichen Hausvorteil gibt es hier nicht, das Casino nimmt lediglich eine Kommission auf jeden Einsatz und den Gewinn.

Das Tempo des Spiels ist beinahe so gemächlich wie Patience; man braucht lediglich sein Geld zu setzen und ziemlich gelangweilt in die Runde zu blicken. Neue Karten werden gegeben. Einer der Dealer breitet im Uhrzeigersinn die Kartendecks vor sich aus und kontrolliert, ob sie vollständig sind. Dann werden die Karten gemischt, in verschiedenen Sektionen, wieder zusammengesteckt und erneut gemischt, immer wieder. Aus Sicherheitsgründen sind alle drei Dealer abwechslungsweise mit dem Mischen betraut. Dann erreicht das Ritual seinen Höhepunkt. Ein Dealer reicht dem Tee schlürfenden Asiaten eine gelbe Karte. Der versenkt sie wie ein Samuraischwert in den Kartenstoss, um ihn zu teilen. Das Spiel kann beginnen.

Ich habe mir vorgenommen, jedes Mal nach einem Gewinn der Position «Spieler» auf die «Bank» zu setzen. Denn bei dieser Wette ist die Kommission pro Einsatz nur 1,06 Prozent, beim «Spieler» dagegen 1,24 Prozent. Im dritten Spiel setzte ich 100 Dollar auf die Bank, der ältere Herr seine 10 000 auf den Spieler. Der Dealer deckt für die Bank zwei Karten auf: eine 5 und eine 3. Dann schiebt er dem älteren Herrn zwei verdeckte Karten zu. Der reibt die Karten ausgiebig auf dem grünen Filz, deckt sie auf, zerknüllt sie und wirft sie im hohen Bogen zum Dealer zurück: eine 6 und ein König. Ich gewinne 100, er verliert 10 000. Mein Herz hüpft vor Freude, er verzieht keine Miene.

Das Spiel zieht sich dahin. Und meine Strategie beginnt sich mehr und mehr auszuzahlen. Nach 20 Minuten habe ich 500 Dollar gewonnen, fünf schwarze 100-Dollar-Chips. Mein Herz klopft inzwischen bis zum Hals. Ich setzte 500 auf die Bank. Bank gewinnt! Ich erhebe mich und werfe dem Dealer einen 100-Dollar-Chip hin, die Kommission für jeden Einsatz und 5 Prozent auf den Gewinn, dazu ein schönes Trinkgeld. Ich habe 1000 Dollar gewonnen. Der Flug und eine Hotelübernachtung sind bezahlt.

Nun ja, meine Gambling Experience hätte durchaus so enden können. Und Gambler neigen nun einmal zu Anekdoten, die nicht ganz der Realität entsprechen - sie erzählen immer nur von ihren Gewinnen. Aber wer steht schon vom Spieltisch auf, wenn er spürt, dass dies sein Glückstag ist? Und so spielte auch ich weiter - bis ich noch zwei lumpige 100-Dollar-Jetons hatte. Abzüglich der Kommission blieben mir knapp 40 Dollar. Kleingeld fürs Taxi zum Flughafen und eine Flasche Whisky im Duty Free.




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