NZZ Folio 12/93 - Thema: Diamanten   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Zerrissene Herzen

Von Gunhild Kübler

Auf der Strasse vor einem Palazzo treffen sich zwei Damen. Beide sind sehr aufgeregt und schütten sich gegenseitig ihr Herz aus:  
A:   (schluchzend) O dieses Scheusal! Er drängte sich in meine Nähe, mit tausend Künsten, mit falschen Eiden gelang es ihm endlich, mein armes Herz zu betören; er nannte mich Gattin, und missachtend die heiligen Rechte des Himmels und der Erde, entfernte er sich still wie ein Dieb nach drei Tagen.   
B:   (mitleidig) Ich will treulich Schmerz und Wut mit Ihnen teilen.   
A:   Ach, werd' ich ihn wohl finden, der Liebe mir verhiess, der schmeichelnd mich betörte und treulos dann verliess? Find ich den Ehrvergessnen, fühllos für all mein Leid, dann treff ihn Schmach und Schande, dem Tod sei er geweiht!   
B:   Auch mich hat mein Geliebter hintergangen. Hier, wo mich sonst Liebe und Entzücken erwarteten, verbirgt er sich nun vor mir. Aber ich weiss, dass er da ist. Er ist mit einem Mädchen in einem Zimmer, von wo ich das Gequieke, das Gekreische hörte.  
A:   O flieh, Betrogne, flieh, und trau dem Falschen nicht; sein Blick ist Heuchelei, und Lüge, was er spricht!   
B:   An die Stelle der Liebe trat in der Seele meines Freundes die Gleichgültigkeit! Ach, dieses leere Wort, dem gar nichts entspricht. Gleichgültig ist die Seele nur gegen das, woran sie nicht denkt, nur gegen ein Ding, das für sie kein Ding ist. Und nur gleichgültig für ein Ding, das kein Ding ist - das ist so viel, als gar nicht gleichgültig. Ist Ihnen das zu hoch? Habe ich merken lassen, dass ich eine Philosophin bin? Ist es wohl noch ein Wunder, dass mich mein Freund verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung bei Laune zu erhalten.   
A:   (bricht erneut in Tränen aus) So schmählich hinterging mich dieser freche Betrüger! Dies soll der Dank sein, dass ich ihm alles, alles dahin gab? Rache will ich nehmen für mein blutendes Herz!   
B:   (legt A den Arm um die Schulter) Glauben Sie mir: wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren (einen Dolch hervorziehend). Da, nehmen Sie! Ihnen wird die Gelegenheit nicht fehlen, davon Gebrauch zu machen. Wir sind beide beleidigt. Ah, wenn Sie wüssten, wie unaussprechlich ich von meinem Freund beleidigt worden bin: Sie würden Ihre eigene Beleidigung darüber vergessen. Ich bin betrogen, verlassen - um ein junges Mädchen. Bald wird auch sie verlassen sein. Und dann wieder eine! Und wieder eine! Ha, welch eine himmlische Phantasie! Wenn wir einmal alle - wir, das ganze Heer der Verlassenen, in Bacchantinnen, in Furien verwandelt -, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, seine Eingeweide durchwühlten, um das Herz zu finden, das der Verräter einer jeden versprach und keiner gab! Ha, das sollte ein Tanz werden!   
A:   (gibt den Dolch zurück) Mich verriet der Undankbare, gab dem Jammer ganz mich hin. Doch verraten und verlassen, fühl ich Mitleid noch für ihn. Denk ich des Leids, das ich erfahren, dann entflammt die Brust von Rache. Doch seh' ich ihn in Gefahren, ach, dann zagt dies schwache Herz. Im Gespräch haben die beiden sich einem Kirchhof genähert. Hinter der Mauer erhebt sich die steinerne Statue eines Mannes.

Wer und wer? Ana von Delir und Rosa Ä. Griffin!
Auflösung: A ist Donna Elvira aus Lorenzo da Pontes Libretto für Mozarts Oper " Don Giovanni"  (1787); B ist die Gräfin Dorsina aus Gotthold Ephraim Lessings "Emilia Galotti" (1772). 


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