Den Stall auf dem weiten Gelände der Zürcher Brauerei Hürlimann zu finden ist nicht schwer. Dort, wo zwischen den langen Lagerhäusern inmitten der Lastwagen ein rotes Fuhrwerk mit langer Deichsel steht, müssen wohl auch die Pferde sein. Als ich gegen neun Uhr in den Stall trete, sind zwei der Tiere bereits gezäumt, Heiri Maag striegelt einen weiteren Rücken, und sein Kollege Erwin Schatt kratzt einem Pferd die Hufe sauber. Pferde, wie man sie nicht mehr oft sieht: Brabanter, mächtige belgische Kaltblüter, für die Arbeit vor dem schweren Zugwagen seit Jahrhunderten geschätzt.
Zweimal am Tag spannen die beiden Kutscher je zwei oder vier Rosse ein, um Bier und Mineralwasser in die Restaurants der umliegenden Stadtquartiere zu liefern. Heute morgen aber wollen Heiri und Erwin, wohl dem Gast zuliebe, mit Aladin, Max, Moritz, Martin, Stern und Nero im Sechsergespann auf die Tour. So bleibt nur noch Nils im Stall. In einer der Boxen steht ein Blumenstrauss. Otto sei vor vierzehn Tagen im Alter von siebzehn Jahren an Nervenschwäche gestorben, sagt Erwin mit abgewandtem Gesicht. An der Stallwand hängt eine Liste der Pferde: alles Wallache (kastrierte Hengste), fünf bis achtzehn Jahre alt, ein Gewicht zwischen 770 und 1015 Kilogramm, mit einem Stockmass bis zu 170 Zentimeter. Und auf der Mannschaftsliste steht unter «Anforderungsprofil», was man vom Brabanter erwartet: «ruhiger, gutmütiger Charakter; verkehrstauglich; gesunde, belastbare Beine und Hufe.»
Bereits mit dem vernickelten Kummet um den Hals und dem hübsch gehäkelten Garnhäubchen gegen die Fliegen über den Ohren bekommen die Pferde vor dem Stall den letzten Schliff. Bauch und Beine werden mit Schwamm und Seifenwasser gewaschen, mit dem Schlauch abgespritzt, gründlich gestriegelt. Dabei gilt den langen, schwarzen Haaren, die wie Fellstiefel die Unterschenkel zieren, besondere Aufmerksamkeit. Während sie arbeiten, sprechen die Kutscher mit den Pferden. Die ruhige und kraftvolle Art der Bewegungen macht die Männer ihren Tieren ähnlich.
Vom Kutschbock aus zeigt sich das Gespann in urtümlicher Wucht: zwei und zwei und nochmals zwei gewaltige Pferdehintern, das Fell eine wogende Landschaft, graubraun mit zartrosa Tönen und einem Silberhauch auf dem Rücken. Sorgfältig ordnet Heiri die sechs Zügel in den Händen, löst die Wagenbremse und ruft: «Chömed, hüh!» Scheinbar mühelos bringen die Pferde den mit über fünfzig Bierfässchen kunstvoll beladenen und immerhin fast fünf Tonnen schweren Wagen in Fahrt. Das Dröhnen der 24 Hufe auf dem Kopfsteinpflaster macht den Passanten schon von weitem klar, wer im Anzug ist.
Meine Vermutung, die Männer würden für die Morgenfahrt im Nieselregen eine gemütliche Strecke im Aussenquartier wählen, erweist sich bald als falsch. Mit grösster Gelassenheit lenkt Heiri den Wagen den Stutz beim Bahnhof Enge hinunter, biegt in den General-Guisan-Quai ein, und schon stecken wir auf der Quai-Brücke im dichtesten Verkehrsgewühl. Bewundernswürdig sauber hält der Fuhrmann das Gespann über das Bellevue in der mittleren Spur. Links und rechts schieben sich Autos, Busse und Lastwagen, nur Zentimeter von den Pferdeflanken entfernt, vorbei. Stoisch traben die Rösser dahin, dem drängelnden Verkehr den Brabantertakt aufzwingend. Sich weder von Lärm noch von Gestank irritieren zu lassen scheint den schon im Mittelalter als Schlachtrösser bewährten Belgiern im Blut zu liegen.
Nur Nero, obschon seit vierzehn Jahren im Zürcher Verkehr unterwegs, hat eine Macke. Wann immer er einem Tram begegnet, drückt er auf die Seite weg. Er müsse wohl vor Jahren mit einem dieser dicken Blauen ein unangenehmes Erlebnis gehabt haben, entschuldigt Heiri das Tier. Als allerdings bei einer Baustelle nahe der Strasse aus einem Fenster Abfall fliegt, wird das ganze Gespann nervös und setzt zum ungewollten Zwischenspurt an. Jetzt hat Heiri alle Hände voll zu tun, und Erwin hilft akustisch: «Ruhig, Buebe, ruhig!»
Das Pferdegespann lässt auf seinem Weg ein Band von Fröhlichkeit zurück. Überall bleiben Menschen lächelnd stehen, Kinder winken, Frauen rufen den Kutschern Komplimente zu. «Wir erinnern die Leute an die Zeit, wo Pferde als Zugtiere unentbehrlich waren. Vor siebzig Jahren hatte unsere Brauerei über achtzig Rösser. Heute halten wir die Pferde noch als Werbeträger», sagt Heiri. Die Firma lässt sich die Sache einiges kosten: Ein solcher Sechsspänner kommt mit Tieren, Pferdegeschirr und Wagen auf 180 000 Franken zu stehen; von den Betriebskosten ganz zu schweigen. Die Brauerei setzt ihre nostalgischen Botschafter neben den täglichen Transportfahrten fast jedes Wochenende an irgendwelchen Veranstaltungen ein, vom Sechseläuten bis zum Samichlausumzug, von der Jubiläumsfeier der Firma Müller & Co. bis zum Marché Concours in Saignelégier.
Nach zwei Stunden Fahrt durch die City und einem Kaffeehalt mit etwas Parkplatzsorgen sind wir wieder beim Bellevue. Dröhnend schiebt sich ein Lastzug an uns vorbei. Als Erwin das Schild «long vehicle» am Anhänger sieht, schmunzelt er und meint, mit gut 18 Metern sei unser Gespann halt doch noch länger als die motorisierte Konkurrenz. Beim Rotlicht rücken die Pferde dicht an ein wartendes Moped heran. Vermutlich hat die junge Fahrerin im Nacken ein warmes Schnauben gespürt. Rasch dreht sie den Kopf. Und als sie unvermittelt in grosse Pferdenüstern blickt, dauert es eine Schrecksekunde, bevor auch über ihr Gesicht ein Lächeln huscht.
Ausser Hürlimann haben in der Schweiz nur noch die Brauereien Feldschlösschen in Rheinfelden und Eichhof in Luzern «Braui-Rosse». Der Stolz der Luzerner sind die fünf schwarzen Engländer. Mit diesen einzigen Vertretern des Shire-Pferdes in der Schweiz ist leicht Staat zu machen: Sie sind die grössten Kaltblüter überhaupt. Es gibt Exemplare, deren Widerrist zwei Meter überragt und die bis zu 1300 Kilogramm wiegen. Schon von den Römern vor 2000 Jahren respektvoll Equus magnus genannt, war das «Great Horse» im Mittelalter das Schlachtross par excellence und der Held gar manchen Ritterturniers. Vor vierzig Jahren aber verdrängten Traktoren und Lastwagen die Shires fast völlig. Schliesslich erkannten die Brauereien und andere Transportfirmen doch noch den starken Imagewert der Muskelprotze. Heute besteht wieder eine blühende Zucht, und die weltweite Nachfrage wird Jahr für Jahr grösser. Die Manager der britischen Brauereien sollen nun ihre Shires über alle Massen verwöhnen - und sogar extra kleine Pferdebetreuer anheuern, um die Mächtigkeit der Tiere zu betonen.
Auch bei Eichhof wird gehätschelt und gestriegelt. Als Tagesration bekommt jedes Pferd 12 Kilogramm Heu, 5 Kilogramm Kraftfutter und über 50 Liter Wasser. Für die Ausfahrt mit dem normalen Bierwagen eigentlich zuviel. Wie unterfordert die Pferde sind, haben 1984 die Eichhof-Fuhrleute am Luzerner CSIO gezeigt, als sie «Monti» und «Captain» vor einen schuttbeladenen Lastwagen mit Anhänger spannten. Nichts bewegte sich zunächst, doch als die Fuhrleute zwischen Lastzug und Pferde noch zusätzlich den vertrauten Bierwagen spannten, schleppten die beiden Tiere den gesamten Karsumpel unter dem Applaus der Tribünengäste über das Feld. Eine Last von immerhin 44 211 Kilogramm. Was den braven Riesen einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde brachte.
Ebenfalls wieder beliebter werden die Kaltblüter in Deutschland. Dort heissen die alten Rassen Schleswiger, Holsteiner, Rheinisch-Deutscher und Süddeutsches Kaltblut (das mit sechzig Prozent Anteil dominiert). Wie dramatisch Mitte dieses Jahrhunderts die Bestände auch in Deutschland schrumpften, zeigt die Statistik der Schleswiger Zuchtstuten. Waren es um 1944 noch 17 000 Tiere, blieben 1977 lediglich 40 übrig. Heute gibt es wieder um die 160. Und auch in Deutschland sind es vor allem die Brauereien, die das Kaltblut neu entdeckt haben. Begehrt sind die starken Pferde ausserdem für das «Holzrücken» im Wald. Denn so schonend wie das Pferd schleift kein Traktor die gefällten Bäume über den Waldboden und am Jungholz vorbei aus dem Schlag.
Wofür Kaltblüter doch alles taugen. Im belgischen Oostduinkerke reiten Fischer gelegentlich noch nach Grossvatermanier auf ihren Brabantern bei Ebbe in die Nordsee zum Krabbenfang. Schleppnetze an die Sättel geschnallt, stapfen die Pferde stundenlang durch die Brandung, das Wasser oftmals bis zum Hals. Die Netze wiegen zwei Tonnen, die Beute dann allerdings nur ein paar Kilogramm. Sogar in Japan arbeiten europäische Kaltblüter. Vor Metallschlitten gespannt, treten auf Rennbahnen französische Percherons und Bretonen zu Zugkraftwettbewerben über 200 Meter an. Millionen von Japanern ergötzen sich an solchem Tierspektakel - an kämpfende Fleischberge bereits vom Sumo-Ringen her gewöhnt. Überhaupt keine Freude an seinen Verehrern dürfte indes der belgische Ardenner haben. Jahrhundertelang als tüchtiges Arbeits- und Armeepferd geschätzt, wird er heute vornehmlich für die Liebhaber von Pferdefleisch gezüchtet.
So prächtig die Pferde vor dem Bierwagen für die Leute heute auch sind: der amerikanische Historiker Don Berkebile hat einige ernüchternde Zahlen parat. In New York gab es um die Jahrhundertwende über 120 000 Pferde. Diese produzierten jeden Tag 1300 Tonnen Mist und ganze Bäche von Urin. Soviel Pferdemist konnte die Landwirtschaft der näheren Umgebung aber nicht verkraften, weshalb die New Yorker die dampfende Last auf einer Insel im Hudson notlagern mussten. Und der Urin stank nicht nur zum Himmel, er machte auch die Strassen glitschig und brachte Mensch und Tier zu Fall. Solche Unbill, zahlreiche andere Arten von Unfällen sowie Krankheiten liessen in den Grossstädten jährlich Zehntausende von Pferden verenden. Das Wegschaffen und Verarbeiten der Kadaver war für die Behörden ein weiteres logistisches Problem. Wie gefährlich die Sache für die Bevölkerung war, zeigt die Zahl der durch Pferde und Pferdefuhrwerke vor hundert Jahren in Amerika getöteten Menschen: im Verhältnis zur Bevölkerungszahl zehnmal so viele wie heute durch den Autoverkehr. Und im Paris des späten 19. Jahrhunderts fielen dem Pferdeverkehr jährlich 700 Menschen zum Opfer.
Die Brabanter in Zürich, die Shires in Luzern werden wohl nur deshalb uneingeschränkt geschätzt, weil sie im städtischen Alltag zur Quantité négligeable geworden sind. So können wir sie ohne Reu geniessen.
Herbert Cerutti ist Wissenschaftsredaktor der NZZ.