NZZ Folio 02/01 - Thema: Interaktiv   Inhaltsverzeichnis

Wenn Bilder laufen lernen

Streaming Video ist das Zaubermittel, das das Internet bewegt.

Von Gerald Jatzek und Franz Zauner

Wer am Wiener Schwarzenbergplatz ein Stück Zukunft sehen möchte, muss an viel Vergangenheit vorbei. In einer Zimmerflucht mit Aussicht auf Fürstenpalais, Gründerzeithäuser und das Denkmal der russischen Befreier hat die Firma sounDDesign ihr Hauptquartier errichtet. Im Entrée beweist eine saftig grünende Palme, dass hier ein heisses Plätzchen ist. Zwischen Schaltkästen, Mischpulten und Kabelgewirr brüten junge Leute in den Trancezuständen der Computerarbeit. Es dauert eine Weile, bis wir die richtige Person stören: Irina Slosar reisst sich aus einer Menschentraube, die von einer Flash-Animation hypnotisiert wird. Bloss ein paar Tage noch, dann startet das «Speed Magazine». Zwei Milliarden Seiten gibt es im Internet, täglich kommen sieben Millionen dazu, aber Speed, Speed soll man sich merken.

Speed ist seiner Zeit so weit voraus, dass die meisten User gar nicht sehen können, was sie versäumen: Filme und Animationen werden mit so hoher Auflösung ins Internet geladen, dass man wenigstens eine schnelle ADSL-Verbindung oder ein Kabelmodem braucht, um Augen zu machen. Irina Slosar hat Computerfreaks aus grossen und kleinen, nationalen und internationalen Firmen zu einem Konglomerat zusammengeführt, das etwa 100 Minuten bewegtes Programm pro Woche produziert. Sie möchte, sagt sie, aus kalter Technik mit allen zur Verfügung stehenden Tools Emotionen erzeugen.

Für die Szene ist Speed ein Husarenstück, für die österreichische Telekom eine Investition. Wie alle Telcos dieser Welt möchte auch sie ihren Kunden zeigen, wohin die neue Zeit zieht. Glasfaserkabel werden in die Erde gepflanzt. Wenn die Saat aufgeht, gibt es Milliarden Dollar, Euro und Franken zu verdienen - mit Internet-Fernsehen, mit 3D-Animationen, mit digitalem Filmhandel, kurz: mit bewegten Bildern aller Art. Eine junge, reiche und schöne Zielgruppe ist auch schon da. 10, 20, 30 Millionen eifrige Breitbandkonsumenten spiegeln sich in den Kristallkugeln der Prognostiker.

Diese «Streamers» werden innerhalb weniger Jahre dem Internet mit so starken Kabeln verbunden sein, dass sie seine Datenflut mit einer Geschwindigkeit von 2 Millionen Bits pro Sekunde anzapfen können. Das ist die richtige Geschwindigkeit für Filmszenen in bester Qualität und der Gottesbeweis des Breitbandglaubens: Die Erlösung vom Fernsehen am falschen Ort zur falschen Zeit ist möglich, jeder Computer empfänglich für Film und Video, auf dem Handy wie am Bildschirm, live oder on demand.

Etwa 5 Prozent des Internet-Datenvolumens stammen bereits aus Musik- und Videoströmen - bei einem unter den Milliarden Seiten des World Wide Web kaum bemerkbaren Anteil von etwa 300 000 Multimedia-Seiten. Doch seit sich abzeichnet, dass sich der Bandbreitenhunger stillen lässt, wächst das Angebot exponentiell. Den vorläufigen Weltrekord hält die Firma Digital Island, die zusammen mit den üblichen Verdächtigen Microsoft, Compaq und Intel ein weltumspannendes Streaming-Imperium errichtet, mit dem noch heuer 7,5 Millionen Videoströme gleichzeitig über 1200 Server in über 30 Ländern verteilt werden können.

Die Bilddaten werden häppchenweise durch das Internet geschickt. Dafür müssen sie nach speziellen Verfahren codiert werden, die den Ruhm ihrer Schöpfer begründen - und die technische Vorherrschaft ihrer Firma. Real Networks hat Streaming Video erfunden und gilt als Pionier mit der grössten Erfahrung. Microsoft holt auf, indem das Unternehmen alle erforderlichen TV-Zutaten - Server, Player und Encoder - verschenkt. Die Betaversion des Komplettpakets Windows Media 8 präsentierte der Microsoft-Chef Steve Ballmer persönlich: Das System beruht auf neuen Kompressionsalgorithmen, die schon ab 500 kBit/s VHS-Videoqualität bieten sollen. Bei dieser Datenrate rückt Video-on-demand, der netzwerkbasierte Handel mit Filmen, in greifbare Nähe.

Allerdings lassen sich komplette Spielfilme mit geeigneter Software aus der Hackerszene mittlerweile auf gewöhnliche CD-Rohlinge brennen, und mit einer schnellen Verbindung können sie innerhalb von zwei bis drei Stunden über das Internet übertragen werden. Ähnlich wie bei Napster, das die Musikindustrie das Fürchten lehrte, entstehen Tauschbörsen, und die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Zum Schrecken aller Copyright-Besitzer sind bis jetzt noch alle Schutzmechanismen von findigen Hackern ausgehebelt worden. Egal, ob Produktion, Übertragung oder Empfang - eine Menge Technik steht bereit. Für alles gibt es Standards, Algorithmen, Produktionsverfahren, Hard- und Software à la carte. Glaubt man den Produzenten, dann lassen sich damit Tele-Visionen erzeugen, die man so noch nie gehabt hat. Für Filme mit mausgesteuertem Ausgang, für räumlich orientierte Gebrauchsanweisungen und dreidimensionale Navigationshilfen, für Live-Auftritte mit interaktiver Rückkoppelung, für automatisch generierte Animationen und die Mischung von allem zusammen scheint Fernsehen als Leitbegriff jedenfalls eine Nummer zu klein. Das Fernsehen mit der Maus ist Instinkt-, Aktions- und Reaktionsfernsehen.

Das dafür nötige dicke Netz heisst oft Intranet und befindet sich in Unternehmen und finanzkräftigen Bildungseinrichtungen. Arthur J. Zirger Jr., Medienbeauftragter der University of Florida, sieht «integrierte Videotechniken als wesentlichen Teil der Kernaktivität» von akademischen Institutionen. Wer dafür Geld ausgibt, schafft sich die Basis für gewinnträchtiges «online learning». Das hören Universitätsverwaltungen wie Sponsoren gerne. Im deutschsprachigen Raum hat die Uni Heidelberg die Nase vorne. Ihr Vortragsarchiv umfasst Gentechnik, Gehirnforschung und Robotik ebenso wie die 1995 am Psychologischen Institut der Universität Bonn eingeführte Gummibärenforschung.

Wovon die Apologeten der Breitbandtechnik eigentlich reden, versteht das Internet-Fussvolk indes nicht immer. Doch auch in den zwanziger Jahren, als der amerikanische Erfinder Philo Farnsworth die ersten Fernsehsignale aussandte, waren die Ingenieure der Konkurrenz die ersten Empfänger; alle anderen mussten sich gedulden. Von einem alles könnenden Ferncomputerfon sind die real existierenden Schaltkreise jedenfalls weit entfernt. Zwar durchbricht immer öfter die blaue Sprechblase des Realplayer, das bunte Markenzeichen des Windows Media Player, das grosse Q von Apples Quicktime die Schreib- und Leseübung, die das Internet immer noch ist. Doch was durch die langen Leitungen kommt, an denen die Mehrheit der Konsumenten hängt, ist ein Arme-Leute-Fernsehen mit ruckelnden, wackelnden, unscharfen, flimmernden und unvermittelt einfrierenden Bildern. Mit einem 56-K-Modem und einer analogen Telefonleitung ist Fernsehen zu zäh, um jener Kaugummi für die Augen zu sein, als den es Orson Welles einst sah.

Die Beratungsfirma Pfeiffer Consulting hat bereits eine ästhetische Gewinnwarnung ausgegeben: Der Versuch, sich die Marktanteile möglichst früh zu sichern, blockiere die natürliche Entwicklung des Mediums. Damit die Bilder ordentlich strömen, müssen sie stark komprimiert werden. Damit sie sich gut zusammenstauchen lassen, sollten sie möglichst einfältig, bescheiden und ruhig sein. Kamerafahrten, Zooms, rasante Schnitte - alles verboten. Wenn es um Nachrichten geht, hat das sogar einen gewissen Reiz. Die Ästhetik der Handkamera gibt noch dem zwanzigsten Bericht über israelisch-palästinensische Gespräche den geheimnisvollen Hauch eines «Blair Witch Project». Yasir Arafat erkennt man im Video von Reuters am Kopftuch, da kann er noch so schemenhaft abgefilmt sein. Und den Sprecher des Uno-Pressebriefings am blütenweissen Hemd, das sich vom Einheitsschwarz des Anzugs und des Hintergrunds leuchtend abhebt.

Yahoo macht aus der Not eine Tugend und zeigt Charlie Chaplins Stummfilmklassiker - schwarzweiss und minimalistisch, wie sie sind, sind sie fürs Internet bestens geeignet. Der Filmgigant Warner hält sich erst gar nicht mit Schmalspur-Videos auf, sondern bietet Cartoons als Flash-Animationen. Da tummeln sich die Gotham Girls in Batmans Nachfolge ebenso wie der nicht ganz jugendfreie Lobo. Und stets gibt es gleich das Online-Spiel zur Episode. Technisch Anspruchsvolleres wie die rasant geschnittenen Animes mit Rocksound, die es auf der Avantgarde-Plattform «Sputnik 7» zum Herunterladen gibt, haben freilich sogar bei einer Verbindung übers TV-Kabelnetz Aussetzer.

Doch unter Jugendlichen sind selbst die technisch unbequemsten Musikvideos Pflicht. Sie werden nicht nur in Musikkanälen eingesetzt, sondern auch als Gimmicks den Homepages beigepackt. Was den Generationen zuvor die Autogrammkarte und das Starposter waren, sind den Digi-Teens der Screensaver und das Bandvideo, das man auch während des Informatikunterrichts in einer Bildschirmecke laufen lassen kann.

Daneben gibt es auch Schübe eines wilden, anarchischen Fernsehens. Webfreetv.com, eine Wiener Firma, die mit Risikokapital gegründet wurde, schuf sich mit schrillen Underground-Reportagen und surreal-absurden Sendereihen wie «Hermes Phettberg kauft sich einen Computer und geht nicht mit mir essen» einen guten Ruf als schräge Fernsehanstalt. Ein europaweiter Wettbewerb des Senders brachte Filme zum Vorschein, welche die Netzbeschränkungen geschickt umgingen: «Bus Stop» zum Beispiel ist ein kurzer Film über das lange Warten an der Haltestelle, meisterhaft gebaut aus statischen Hintergründen, sanften Überblendungen und musikalischen Loops.

Roman Padiwy, einer der Gründer von webfreetv. com, sieht Fernsehen und Internet zusammenwachsen: «Fernsehen wird die natürliche Anmutung des Internets sein.» Doch weil auch schon vorher Geld verdient werden muss, ruht der überarbeitete Businessplan von webfreetv.com auf drei Säulen: Content, der für Kunden produziert wird, Content, den die Redaktion produziert, Content, der von Usern eingespielt wird - in dieser Reihenfolge. Das Unternehmen unterhält «flagship stores» in Wien und Berlin, Produktionsorte, die allen offen stehen. Eine professionelle Übertragung ins Internet ist ab etwa 4000 Franken wohlfeil.

Die Preise steigern sich ad libitum, denn webfreetv.com macht alles: Man kann sich auch komplette Fernsehmagazine für die eigene Website fertigen lassen. Die Produktionskosten für Web-Videos sind relativ gering, und das Medium gewinnt an Akzeptanz, auch bei denen, die mit der Ökonomie der Aufmerksamkeit kalkulieren. Schon machen sich die ersten Pressesprecher daran, ihre Bosse ins Licht der Digitalkameras zu rücken. PR lässt sich im Internet ungleich billiger herstellen als bei herkömmlichen TV-Anstalten.

Die Botschaften sehen nicht immer so aus, als wären sie für Betriebsfremde gedacht. Das Pressebriefing des Chipherstellers AMD oder eine Konferenz von Merryll Lynch haben kaum das Zeug zum Kultvideo; nicht enden wollende Monologe von Aufsichtsratsvorsitzenden in Vollversammlungen spiegeln höchstens die Eitelkeiten der Business-Class. Offensichtlich ist das Internet nicht nur ein idealer Ort für langweilige Daten, sondern auch für langweilige Bilder.

Die Hersteller von Videoschnitt-Systemen leisten ihnen Vorschub, indem sie Privatkunden mit kostenlosem Serverplatz zur Veröffentlichung ihrer Filmversuche verlocken. Wie damals, als man glaubte, sich mit Desktop-Publishing-Systemen Grafik und Layout ersparen zu können, verkündet heute der Kult um die digitale Kamera das Ende vom Unterschied zwischen Professionellen und Amateuren. Doch je mehr Leute sich an Internet-Filme gewöhnen, umso mehr Chancen rechnen sich Unternehmen wie MediaOnDemand, TV1 oder WebfreeTV mit ihrem Bestellservice für Firmenportraits, Reportagen und Dokumentationen aus. Und um das Interesse wachzuhalten, erstellen sie auch Beiträge in Eigenregie. «Teaser» heissen die im Jargon, weil sie neue Kunden anlocken sollen.

Rezepte zur Vermarktung fremder Kreativität haben Unternehmen jenseits des grossen Teichs bereits in grossem Massstab umgesetzt: Tausche Übertragungskapazitäten gegen Content, so lautet das Prinzip. Yahoo ködert damit ebenso wie NBCI oder Getsigned.com («Make Me A Video Star»). Künstler und solche, die es werden wollen, können damit ihre Werke über schnelle Verbindungen verbreiten. Wer sich zur Avantgarde zählt, geht mit dem Angebot vorsichtig um. Der Multimedia-Künstler Leo Stepanov bleibt mit der interaktiven Flash-Animation «Machina Picasso» auch als Gewinner des Art on the Net 2000-Wettbewerbs der oft überlasteten Online-Community «Geocities» treu.

Treu geblieben sind sich auch jene, die den Sprung von der Alternativpresse zu den neuen Medien geschafft haben. Aus der «Los Angeles Free Press» hat sich in den letzten Jahren das «LA Independent Media Center» entwickelt, das etwa Videos von Polizeiübergriffen in Los Angeles verbreitet. Der Besucher wird aufgefordert, die Rolle des Produzenten zu übernehmen und Audio, Video, Foto oder Text auf den Server zu laden. So hat sich Bert Brecht schon das Radio gewünscht: «Der Rundfunk wäre der denkbar grossartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heisst, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen.»

Doch wo Fernsehen ist, bleibt der Typus des glücklichen Empfängers in der Mehrheit. Das liegt nicht zuletzt an den Hormonen. Auf dem Server IFilm gibt es Filme in allen Kategorien, und selbstverständlich auch in jener, die noch in jedem Medium, das die Menschheit entwickelt hat, zum Erfolg geworden ist: Erotik. Hier freilich sogar mit einem in diesem Genre raren Humor, mit dem in «Cojones» 35 Minuten lang die Wandlung einer katholisch-verklemmten jungen Brillenträgerin zur sexuell offensiven Frau geschildert wird. Dabei kommt es zu absurden Gesprächen zwischen den Symbolen, die sie umgeben: einem Kruzifix, einem Foto der Mutter und einer Videokassette mit einem Pornofilm. Der hat als Gattung einen Vorteil, der seine Verbreitung auch bei mangelhafter technischer Qualität sichert: Die grobkörnige Auflösung, die ruckelnde Abfolge stören wenig, weil die Bilder erst mit denen, die im Kopf des Betrachters gespeichert sind, den fertigen Film ergeben. Die Suche nach «?streaming video? +live + sex» erbringt bei der Suchmaschine Google mehr als 26 000 Fundstellen.

Immerhin, ein ganzes Volk hat von der angesagten Bilderflut bereits profitiert: Einen guten Teil des Budgets der pazifischen Nation von Tuvalu machen die Einnahmen aus, welche die Länder-Domain tv abwirft, die man Tuvalu im Internet zugeteilt hat. Tuvalu verkauft tv-Adressen für 500 Dollar pro Jahr. Für die 10 000 Insulaner hat sich das Leben mit einem Schlag verbessert. Bis das Kürzel tatsächlich als Synonym für digitales TV aufgefasst werden kann, investieren sie allerdings in herkömmliche Satellitenempfänger.

Gerald Jatzek und Franz Zauner betreuen Datenbank und Webauftritt der «Wiener Zeitung»; sie leben beide in Wien.


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