«AN DIESER WOHNUNG haben mir die schönen Böden gefallen, dass sie drei gute Räume hat, dass es für mich ein neuer Anfang war. Das Ende einer Beziehung ist ja immer auch ein Anfang. Wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Ich bin gerne eingezogen, habe mich dann aber keinen Moment zu Hause gefühlt. Ich habe in dem halben Jahr, seit ich hier an der Idastrasse wohne, die Schachteln nie ausgepackt, kein Bild aufgehängt. Es hat die ganze Zeit nicht anders ausgesehen als jetzt. Nun ziehe ich vorübergehend zu einem Freund, der im Hardturm einen Hausteil hat und mir ein Zimmer überlässt. Die Möbel stelle ich ein. Danach sehe ich weiter. In der Wohnung vorher war ich sogar nur drei Monate. Ich bin momentan in Aufbruchstimmung, ein Nomade.
Wahrscheinlich sind mir hier die Leute zu nahe. Ich höre sie von unten und von oben und von beiden Seiten, den ganzen Tag und oft bis weit in die Nacht, ihre Stimmen, ihre Musik. Die Wände sind extrem dünn. Ich habe Leute gern, aber ich brauche einen gewissen Abstand zu ihnen. Hier habe ich nie das Gefühl, ich sei allein, ungestört. Diese Wohnung hört nicht an den Wänden auf, sie geht in die anderen Wohnungen über. Mich stört auch die Gewissheit, dass die anderen alles von mir hören. Ich habe mich schon selber verurteilt, habe zu mir gesagt: He, Grüter, so ist man doch nicht, man ist doch liberal, aufgeschlossen. Aber ich bin es nicht. Ich verkümmere hier richtig.
Die Wohnung kostet 1720 Franken. Das ist mir im Moment zu teuer. Dass ich mich vor zwei Jahren entschlossen habe, als freier Künstler zu arbeiten, hat halt so seine Konsequenzen. Vorderhand vor allem Einschränkungen, aber vielleicht tritt ja auch einmal das Gegenteil ein. Zur Werbung zurück will ich auf gar keinen Fall, auch wenn's mal ein bisschen knapper wird. Das Atelier, es ist ebenfalls im Zürcher Quartier Wiedikon, ist meine Festung, das will ich auf jeden Fall halten. Ich habe es seit zwei Jahren, drei Stockwerke in einer ehemaligen Elektrowerkstatt.
Aufgewachsen bin ich in Horgen, sehr ländlich, in einem alten Dreifamilienhaus, kleinbauernmässig, mit viel Platz, viel Auslauf, mit Wald und einem riesigen Güselhaufen in der Nähe - ein Paradies. Wir hatten Hühner und einmal sogar ein Schwein. Platz und Auslauf zu haben ist schon mehr meine Welt als diese begrenzte Welt hier: vier Wände und draussen gleich die Pampas. Auch trägt in dem Haus niemand Sorge zu den Dingen. Wenn einer etwas ausleert im Treppenhaus, fällt es ihm nicht ein, es aufzuwischen. Keine Liebe zu den Dingen, keine Achtung, diese Lebenshaltung geht mir total auf den Wecker.
Eigentlich bin ich ein häuslicher Mensch, aber ich bin schon nach der ersten Scheidung ein Jahr lang herumgezogen, damals mit einem Theater, mit Zampanoos Variété. Da hatte ich auch alle meine Sachen eingestellt und aus dem Koffer gelebt. Das Unterwegssein ist für mich immer ein Entwicklungsschub. Man muss die Welt wieder aufbauen, die kaputtgegangen ist, eine andere Welt. Jetzt gerade ist die Ich-weiss-nicht-Zeit.
Ich habe, seit ich in der Stadt lebe, immer in Wiedikon gewohnt. Das Quartier ist sehr lebendig, sehr durchmischt. Das gefällt mir. Was mich stört, ist, dass das Quartier von einer Verkehrsachse durchschnitten ist, der Westtangente. Das müsste man wirklich mal anders regeln.
Die rote Kunststoffskulptur habe ich jenen Plasticdingern nachempfunden, die in Wundertüten und dergleichen stecken. Mich hat es stets fasziniert, solche Sachen zusammenzubauen, auch Schiffsmodelle, überhaupt Bausatzmodelle aller Art. Waren sie aber dann zusammengebaut, hatten sie für mich jeden Reiz verloren. Indem ich die Einzelteile zum fertigen Kunstwerk mache, erhalte ich diese Spannung aufrecht. Man kann sie nicht wirklich zusammensetzen, nur im Kopf. Namen hat die Plastik keinen, nur eine Werknummer, MG 95005 glaube ich. Es ist übrigens mein eigener Kopf, ein Abguss. Eine sehr viel grössere Skulptur mit allen Körperteilen, mit Rumpf, Armen, Beinen, Händen, ist in Arbeit.
An der Wand lehnt ein Schläuchling, auch eine meiner Figuren. Kopf und Füsse sind aus Bronze, der Leib ist ein verstärkter Gummischlauch. Das Bild, das an der Wand lehnt, hat ein Freund von mir gemalt. Er hat es mir letztes Jahr zu meinem vierzigsten Geburtstag geschenkt. Es steht mit dem Gesicht zur Wand, weil ich es eigentlich gar nicht haben möchte. Es zeigt mich und meine ehemalige Frau an der Vernissage meiner letzten Ausstellung. Ich mag es im Moment nicht, es tut irgendwie weh. Aber ich kann es umtauschen gegen ein unverfängliches Bild, hat er gesagt.
In den Schachteln sind Bücher, hauptsächlich Kunstbücher. Die Lampe habe ich schon lange, den Tisch auch, den erstand ich vor Zeiten mal, und seither ist er immer mitgekommen. Wie das Sofa auch. Die Möbel haben alle irgendwie zu mir gefunden, sind mir zugelaufen, Freunde hatten sie gerade übrig. Den Ventilator habe ich vor einem halben Jahr auf das Kästchen gestellt, das beim Einzug gerade dort zu stehen kam, und dort stehen beide seither. Das Ganze hier hat seine eigene Ästhetik bekommen. Es stimmt ja auch so total mit meiner Befindlichkeit überein.
In der Kiste vor mir sind Flaschen, ich hatte sie zum Zügeln dort hineingestellt. Sie steht zufällig hier, so wie hier fast alles Zufall ist. Das darauf sind Fotos meiner Kinder. Und was wie ein Leiterwagen aussieht, ist mein CD-Wagen, eine Eigenkonstruktion. Das dahinter ist ein Tresor. Was da drin ist? Was für eine Frage!»