Gewaltig ist das Bildangebot: George Bush als Kampfflieger in voller Montur; Greenpeace beim Erklettern von Fabrikkaminen, die SVP-Nationalräte beim Singen. Aber am meisten Freude herrscht immer noch bei der Erinnerung an den eierkochenden Adolf Ogi. Als er vor Jahren am Fernsehen dem Volk die energiesparende Zubereitung der Frühstücksspeise demonstrierte, offenbarte er den Sinn der politisch motivierten Bilderzeugung – und die in den Symbolhandlungen von Politikern ausgedrückten Grundelemente des kommunikativen Kitschs.
«Dölf, mach ein Bild draus!» hatte ihm der Rhetorik-trainer wohl gesagt. (Rhetoriktrainer pflegen ihre Klienten zu duzen.) Dölf hat gehorcht und später in einer Neujahrsrede noch die Nummer mit dem Weihnachtstännlein vor dem Lötschbergtunnel nachgeschoben. Während das Weihnachtstännlein weitgehend sinnfrei war, verband sich mit dem Eierkochen vor den Augen der Nation eine politische Botschaft: Auch mit wenig Strom und Wasser hat schon Mutter Ogi jedes Ei tadellos weich gekriegt.
Dank der Bildbotschaft schreitet die Komplexitätsreduktion fort bis auf die Stufe der mediengerechten Infantilisierung. Schliesslich entscheiden Augen und Gehirn innert einer bis dreier Sekunden, ob sie sich auf eine Botschaft einlassen wollen oder lieber nicht. Ein Bild hüpft leichter über diese Schwelle als ein Text. In der letzten, grausamsten Konsequenz haben das die Terroristen vom 11. September vorgeführt. Es war kein Zufall, sondern geplant, dass die zweite Maschine kurz nach der ersten ins World Trade Center einschlug. Das Fernsehen wurde live und global zur Bühne des Geschehens gemacht.
Für den Alltag dürfte gelten, was Milan Kundera sagt: «Kitsch ist das ästhetische Ideal aller Politiker, aller Parteien und Bewegungen. Meiner Ansicht nach ist moderne Politik undenkbar ohne Kitsch.» Kundera verwies damit umstandslos auf den entscheidenden Punkt. Politiker haben die Aufgabe, Mehrheiten für ihre Projekte zu beschaffen. Dies gelingt in der Regel nur, wenn sie auch Leute überzeugen können, die ihren Ideen im Prinzip sonst nicht gewogen sind. Das Problem ist also erstens der Abbau der zu erwartenden Widerstände, zweitens die grösstmögliche inhaltliche Vereinfachung der Botschaft.
Nichts eignet sich dazu besser als das Bild einer Symbolhandlung: eine visuelle Metapher, eine Gedankenkrücke für Analphabeten und solche, die es zu werden drohen. Je einfacher die Botschaft, desto einprägsamer das Bild – oder umgekehrt: Je schlüssiger die Bildbotschaft, desto simpler der Inhalt. Milan Kundera erläutert schulmässig das Funktionsprinzip des politischen Kitschs: «Die Aufgabe des erfolgreichen Politikers besteht darin zu gefallen, und zwar der grösstmöglichen Anzahl von Leuten. Um das zu erreichen, muss er auf die Klischees zurückgreifen, die sie hören wollen.»
So nähern wir uns von den Erscheinungsformen her dem Kern der Kitschdefinition. Politischer Kitsch bietet Lösungen an, an die der Absender selbst nicht glaubt. Je heisser das Thema, desto monströser der metaphorische Schwurbel, desto ausgeprägter auch der Hang zu Superlativen. Handelbar und konsumfähig wird, was sich in der grösstmöglichen Vereinfachung präsentiert, ausserdem das, was den bei den meisten Menschen allgegenwärtigen Filter der selektiven Wahrnehmung durchlaufen kann. Will heissen: Die Menschen wollen gar nichts Neues hören, am wenigsten von ihren Politikern. Sie wollen ihre Vorurteile bestätigt bekommen. Die sind geprägt von persönlichen Interessen und Existenzzuständen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Immer wieder dieser Karl Marx. Aber wo er recht hat, hat er recht.
Was sind die Merkmale von Kitsch? Verzicht auf Authentizität zum Beispiel, meist herbeigeführt durch die Trennung der Form von ihrem ursprünglichen Inhalt. Insofern wäre etwa der Zürcher Sechseläuten-umzug der Inbegriff von Kitsch. Umzüge wurden als Medien allenthalben seit dem Ende des Mittelalters bis tief ins 19. Jahrhundert zur Belehrung und Belustigung der (damals noch weitgehend analphabetischen) Massen eingesetzt, sozusagen als populäre dreidimensionale Illustrierte. Dem Volk sollte damit Fremdartiges und Historisches vor Augen geführt werden. Inzwischen sind die Söhne der zünftigen Bäcker und Metzger längst Anlageberater und Anwälte geworden, und bezüglich der Verbreitungsmöglichkeiten von Bildmedien herrscht auch kein wirklicher Mangel mehr. Aber man hat die alten Formen beibehalten und mit neuem Sinnsurrogat gefüllt, was in besseren Kreisen auch Traditionspflege genannt wird.
Spiegelbildlich dasselbe ist auf der linken Seite mit den Aufmärschen zum 1. Mai geschehen. Aufmarsch, Marsch, langer Marsch – schon wieder so eine Darstellungsform, die sich quer durch die weltanschaulichen Landschaften zieht. Wer würde vernünftigerweise die Inhalte, die mit den Nürnberger Reichsparteitagen, den 1.-Mai-Paraden im sowjetischen Moskau und dem gestelzten Aufmarsch zur Appenzeller Landsgemeinde verbunden sind, in eine Linie stellen wollen? Aber was die Form angeht, braucht es nur wenig Phantasie dazu. In die gleiche Kolonne gehören die sinnfreien Rituale der politischen Korrektheit: Schweigemärsche, Mahnwachen, Lichterketten. Vertieftes dazu kann, wer will, bei Elias Canetti nachlesen. Das Buch heisst «Masse und Macht» und lohnt die Mühe.
Politische Kommunikation ist umso kitschanfälliger, je medienabhängiger sie ist. In den Dörfern werden Medien kaum gebraucht, wenn es um die Ersatzwahl eines Gemeinderats geht. Man kennt die Leute und ihre Stärken aus dem direkten Kontakt; hier liegt der Grund dafür, dass auf dem Land die Leistungsträger der Feuerwehrpiketts und die Ärzte in der Regel am besten gewählt werden. Bei denen erlebt man die praktische Intelligenz und damit die politische Brauchbarkeit eben noch im Massstab 1:1 und im Ernstfall.
Doch wo die grosse Zahl der Wählenden diesen direkten Kontakt verhindert, treten die Medien als Vermittler auf. Der brutale Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Zielgruppen führt dazu, dass ausführliche und möglicherweise komplexe Botschaften auf die noch bekömmlichen 15 bis 45 Sekunden Sendezeit oder auf 80 Zeilen zu 38 Anschlägen eingedampft werden. Dazu kommt der Zwang zu stets stärkeren Eingangsreizen. Zugespitzte Ansagen und Trailer, Schlagzeilen, Aufmacherbilder, grafische Schmuckelemente – die Medientechniker haben in dieser Beziehung Werkzeuge im Überfluss zur Hand.
«Arena»-taugliche Politiker und Konzernchefs halten sich Medientrainer, und die sagen: Konzentrier dich auf eine, höchstens drei Kernbotschaften, die du unabhängig von der gestellten Frage placieren sollst. Du bleibst den Leuten ohnehin nur in einer bestimmten Rolle in Erinnerung, zum Beispiel als Aktionärsschützer, als Umweltaktivist, als Gewerkschafter des Luftfahrtpersonals. Mehr oder weniger willig lassen sich deshalb auch differenzierte Akteure auf bestimmte eingängige Rollenbilder reduzieren.
Noch schwieriger wird die Sache, wenn nicht Personen aus Fleisch und Blut zur Vermarktung stehen, sondern Abstrakta: Parteien, Thesen, Programme. Da bringt dann halt der vermeintlich allgegenwärtige Zwang zur Verbildlichung all die Skurrilitäten hervor, die im jüngsten Wahlkampf kritisiert, aber nicht hinterfragt worden sind: die Zahnbürsten, die Plakate mit den gerupften Hühnern, der Bundespräsident als napoleonische Karikatur. Kitsch eben.
Dabei ist es hochinteressant zu sehen, dass im Lauf der Jahrzehnte die immer gleichen Motive für immer andere, häufig diametral entgegengesetzte Inhalte verwendet worden sind. Berühmt ist das Beispiel mit dem Besen, der den Schmutz wegwischt und entfernt. Mal wischt er aus der linken, mal aus der rechten Ecke. Es gab in den dreissiger Jahren den plakatierten Besen der Fröntler, aber auch den der Sozialisten, und gleichzeitig gab es ein antisemitisches Hetzblatt namens «Der Eiserne Besen». Nach dem Krieg tauchte das Motiv nacheinander als Bedeutungsträger auf für die Botschaften der kommunistischen Partei der Arbeit, der verblichenen Nationalen Aktion und schliesslich der in Fragen des politischen Kitschs marktführenden Schweizerischen Volkspartei.
Ähnlich verhält es sich mit dem Motiv des Stiefels, der Entrechtete und Minderheiten niedertritt; auch diese Metapher wurde von Links und Rechts munter benutzt. Das Sonnenmotiv diente, vom Busen der Ruth Dreifuss ausgehend, der Frauenbewegung, und es diente als heimattümelnd variiertes «Sünneli» der SVP. Die rote Nelke hat es von den Wahlplakaten der französischen Sozialisten bis auf das Schulterblatt von Frau Deiss geschafft, und für den Teppichklopfer wäre eine ähnlich abwechslungsreiche motivgeschichtliche Biographie nachweisbar. Wenn das nicht ein kapitales Merkmal für Kitsch ist: die Entfernung von Bedeutung und Symbol, die Austauschbarkeit der Motive für willkürlich unterlegte Inhalte. Kitsch ist Beliebigkeit.
Es ist in diesem Zusammenhang auffallend, dass ausgerechnet im Lande der Qualitätsgrafik und der Plakatkultur seit Jahr und Tag keine andere Werbegattung eine derart unterirdisch schlechte formale Performance aufweist wie die politische Werbung. Nur die Sozialdemokraten – und auch sie nur im Kanton Zürich – haben dieses Jahr noch so etwas wie Klasse und Stil erkennen lassen, wohl in der pietätvollen Erinnerung an die Zeiten, als noch Künstler wie Richard Paul Lohse und Gottfried Honegger ihre Wahlplakate malten.
Von den politischen Plakatmalern Hans Erni und dem grossen Surrealisten Max von Moos wollen wir nicht reden; von Moos ist tot, und Erni ist längst vom Bürgertum umarmt worden und hört wirklich nicht mehr gern, dass er einmal für die verfemte Partei der Arbeit Plakate gestaltet hat. Gespannt wartet der Zyniker auf den Tag, an dem es einer politischen Partei (welcher wohl?) gelingen wird, den industriellen Kitschproduzenten Rolf Knie für ein Wahlplakat zu gewinnen. Vermutlich hängt die grottenschlechte Politgrafik direkt zusammen mit der inhaltlichen Verarmung der zu Markt getragenen Politik – das wäre dann ein weiteres Kitschmerkmal: die Bedeckung inhaltlicher Blössen durch formale Surrogate, frei nach Karl Kraus: Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.
Der im ganzen Spektrum von Links über die Mitte bis Rechts gebräuchliche Gesinnungskitsch ist eben nicht bloss ein ästhetisches Problem. Er deckt vielmehr eine Simplizität des Denkens auf, die dem Infantilisierungsbedürfnis des symbolsüchtigen und bilderfixierten Zielpublikums entgegenkommt. Zugleich verrät er aber auch mehr über die Absender der Botschaften, als denen lieb sein kann. Der Politiker definiert sich gern als Lehrer, der seinen Stoff den dummen Kindern simpel und eingängig vertickt. Ihm verdanken wir etwa das angestrengte und von der Wirklichkeit radikal abgekoppelte Menschenbild vom grundsätzlich guten Fremden, das nachgerade nur noch am Flüchtlingstag geniessbar ist, wenn sich der Multikulti-Kult der Gutmenschen an Kochtöpfen mit serbischem Reisfleisch und Curry aus Indien kulinarisch austobt.
Im Windschatten des politischen Kitschs, der aktuelle Themen tabuisiert und ausblendet, gedeihen die Argumente der Demagogen. Weil die anständigen Demokraten anscheinend nicht bereit oder nicht in der Lage sind, vorhandene Missstände zu benennen und zu debattieren – zum Beispiel die Drogenkriminalität von Asylbewerbern, die sprachliche und kulturelle Überfremdung der Volksschulen –, entstehen am laufenden Band neue Reizthemen für das Repertoire der populistischen Kampagnen.
Kitsch, so belehrt uns die Kulturgeschichte, sei eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, des ersten Jahrhunderts ohne eigenen Stil, das alle möglichen Stile imitiert, von der Adels- auf die Kleinbürgerebene transformiert und industriell vervielfältigt hat. Sein Merkmal ist das Wiederholte und Aufgekochte, vorgetäuschte Originalität, simulierte Echtheit – und hemmungslose Unterordnung unter einen Zweck: Ertrag und Wirkung. Die Architektur des 19. Jahrhunderts hält dafür schöne Beispiele bereit: den «Bundesstil» beispielsweise, der dem entstehenden Kleinstaat eine Grossmachtallüre anklebte und direkte Botschaften transportierte; am eindrücklichsten in der Einschüchterungsarchitektur des Bundesgerichtsgebäudes von Lausanne.
Zum Signalement des Kitschs gehört auch die Camouflage der Herkunft, die oft einhergeht mit der Veredelung (beziehungsweise Veradelung) der familiären Abstammung und der Verbreitung biographischer Legenden. Die Welt des Showbusiness ist voll von solchen Beispielen; eines der schönsten ist der aus Berlin-Spandau stammende Sänger Hans-Rolf Rippert, besser bekannt unter dem Künstlernamen Iwan Rebroff. Da ordnen sich Person und Darbietung bis ins letzte Barthaar der Fiktion vom stimmgewaltigen Russen unter. Zur Camouflage gehört das Pseudonym. Namen sind Markenzeichen und Imageträger, Stars werden zu Produkten gestylt und über die ganze Verwertungskette hinweg vermarktet. Logisch deshalb, dass ihre Bewirtschafter immer hochfahrender darauf bestehen, dass die öffentliche Wahrnehmung ihrer Klienten nach den von ihnen selbst aufgestellten Gesetzen geschieht. Die Verwalter der Scheinwelten streben die volle Kontrolle über ihre Stars an, Unbotmässiges wird juristisch niedergeknüppelt. Wetten, dass es bald die ersten Prozesse gegen Kritiker geben wird – und dass der Trend ins politische Schaugeschäft überschwappt! (Ist es möglich, dass «Christoph Mörgeli» ein Pseudonym ist?)
Das Auseinanderdriften von Herkunft und Zugehörigkeit auf der einen und aktueller Existenz auf der anderen Seite fällt bei Politikern besonders auf. Der grossbürgerliche Professorensohn Daniel Vischer machte Karriere als enfant terrible der Poch, später als gereif ter Gewerkschaftsfunktionär. Auch der Theologenspross Moritz Leuenberger ist zu den proletarischen Massen heruntergestiegen. Immer am 1. Mai und an anderen Parteianlässen lassen er und seinesgleichen ihre besondere Sensibilität in diesem Punkt erkennen. Sie drückt sich aus durch das typische Tenue-Management der Toscana-Fraktion. Auch wer sonst stets wie aus dem Ei gepellt und mit assortierter Andy-Stutz-Krawatte daherkommt, öffnet, wenn er sich wieder einmal unters Volk begibt, proletarisch den Hemdkragen. In Zweifelsfällen herrscht der Rollkragenpullover.
Das künstliche Ereignis, der medial hochgeschäumte Non-Event, ist in Anbetracht des harten Wettbewerbs um die öffentliche Aufmerksamkeit allemal ein willig riskierter Kantengang an der Kitschgrenze. Zuerst waren da die freundlichen jungen Leute von Greenpeace, die Fabrikschlote erklommen und sich an Castor-Transporte ketteten. Inzwischen wird keine Volksinitiative mehr eingereicht ohne die bildwirksame Inszenierung eines sinnfreien Rituals.
Weniger gut erkennbar ist der nicht selten mit Kitsch-eigenschaften behaftete Ausstoss der PR-Maschinerie im Textteil. Medienwissenschafter behaupten, dass bis zu 80 Prozent der redaktionellen Inhalte schweizerischer Zeitungen durch die Halbfertigprodukte der interessengebundenen PR-Branche geprägt seien. Das passt ausgezeichnet zu den in den meisten Redaktionen herrschenden Produktionsbedingungen: Themenwahl nach aktuellem Geräuschpegel, schnelle Textformatierung, bestenfalls angereichert mit einer kurzen Nachschau bei Google oder in der Mediendatenbank – und ab zum nächsten Thema!
Höchste Zeit für Ludwig Wittgenstein: «Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.» Schön wär’s. Aber wer hört schon hin, wenn einer schweigt?
Karl Lüönd ist Publizist und Buchautor; er lebt bei Winterthur.