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NZZ Folio 05/04 - Thema: Das Eigenheim   Inhaltsverzeichnis

Hallo Taxi -- Ich finde die schwierigen Gäste interessant

© Uschi Burger-Precht
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Von Uschi Burger-Precht

LEONARDO MADISON, WINDHOEK (NAM),
ist 36 Jahre alt, nicht verheiratet und hat vier Kinder. Er liest gern und ist Fan des Fussballclubs Atlantics. Er fährt einen Toyota Corolla, Jahrgang 96, Zählerstand: mehr als 700 000 Kilometer. Windhoek ist die Hauptstadt von Namibia und hat 350 000 Einwohner.
Leonardo Madison verdient etwa 525 Franken (3000 namibische Dollar) im Monat. Davon lebt er mit seinen Eltern und zwei Töchtern (6 Jahre, 14 Monate), die von seinen Eltern grossgezogen werden; die Mutter der Jüngsten ist gestorben. Zwei ältere Kinder sind bei ihren Müttern, Leonardo zahlt ihnen 90 Franken Unterhalt. 90 Franken zahlt er auch seinen Eltern Miete.
Taxameter: Fixpreise für bestimmte Strecken (bis zum Flughafen 44 Franken). Sonst kostet ein Kilometer 90 Rappen, meist wird der Fahrpreis jedoch ausgehandelt.

Wie viele Stunden pro Woche fahren Sie Taxi?

Oh, sehr viele, lassen Sie mich rechnen. Etwa 60 bis 70 Stunden. Ich arbeite für meinen Boss auf Kommissionsbasis. Bei einem maximalen Monatsumsatz von 1750 Franken bekomme ich 50 Prozent, bleibe ich unter dem Minimum von 700 Franken, bekomme ich nur 30 Prozent.

Wie regeln Sie Ihre Altersvorsorge?

Bei mir bleibt nichts zum Zurücklegen übrig. Ich bin auch nicht über meinen Chef versichert. Er sagt zwar, er würde es gut finden, und die jetzige Regierung plant auch so etwas, glaube ich. Aber er sagt, er selber verdiene auch nur knapp.

Wann haben Sie das letzte Mal Ferien gemacht und wo?

Ferien kann ich mir nicht leisten. Ein einziges Mal habe ich fünf Tage freigenommen, vor vier Jahren, da bin ich nach Swakopmund ans Meer gefahren. Das war wunderbar.

Warum wurden Sie Taxifahrer?

Eigentlich bin ich Mechaniker für Aufzüge, aber in Windhoek gibt es nur eine Aufzugsfirma. Es gab keinen Job für mich. Da habe ich angefangen, Taxi zu fahren.

Wie viele Kilometer legen Sie pro Tag zurück?

Wenn es normal läuft, etwa 400 Kilometer. Allein zum Flughafen sind es 48 Kilometer. In Windhoek gibt es Call-Taxis, zu denen gehöre ich, unsere Gäste rufen uns an, und wir haben viele Hotels und Firmen als Kunden. Und dann gibt es Street-Taxis, die selbständig sind und jeden mitnehmen, es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel. Da zahlt jeder 90 Rappen, egal, wohin.

Welches war Ihre längste Fahrt?

Drei Tage, ich habe einen weissen Geschäftsmann nach Lüderitz gebracht. Der Gast hat zweimal in einem Hotel übernachtet, ich bei Familienmitgliedern, die ich da unten habe.

Wie hoch war Ihr höchstes Trinkgeld?

Trinkgelder zahlen nur die Touristen aus Europa, etwa 10 Prozent.

Was tun Sie in den Wartezeiten?

Wir haben einen festen Platz im Zentrum, direkt an der Touristeninformation. Manchmal fahre ich auch Hotels, Pensionen und Firmen ab.

Wer war Ihr interessantester Gast?

Ich finde die Gäste, die schwierig sind, interessant. Dann versuche ich mich zu verständigen. Ich rede gerne, ich verstehe eine ganze Reihe Sprachen. Politiker mag ich nicht, die wollen, wenn sie das zweite Mal mit mir fahren, gleich weniger bezahlen.

Was blieb in Ihrem Taxi schon liegen?

Ach, alles mögliche, oft Handys. Ich bringe alles ins Büro. Einmal blieb eine Geldbörse mit 10 000 US-Dollar liegen. Ich brachte sie dem Gast ins Hotel und erhielt einen Dollar Trinkgeld. Die Street-Taxis heissen in Windhoek auch Get-away-Taxis: Wenn Sie dort was liegen lassen, ist es weg.

Wie hoch war Ihre teuerste Busse?

Hier wird es sofort teuer. Halten auf der gelben Linie: 50 Franken! Ich kann mir keinen Fehler erlauben, ich muss einfach perfekt sein. Aber das ist nicht leicht, der Verkehr ist gegen uns.

Welches ist der schönste Ort in Ihrer Stadt? Was kostet die Fahrt dorthin vom Flughafen aus?

«Joe’s Beerhouse» im Zentrum von Windhoek. Vom Flughafen aus ist die Fahrt teuer, 44 Franken.

Haben Sie Angst vor Überfällen?

Einmal haben mich mehrere Männer nachts angehalten. Ich habe sofort meinen Chef angefunkt, und der hat die Polizei gerufen, da sind sie weggelaufen. Das passiert bei Street-Taxis oft, dort wollen Gäste das Geld oder auch das Auto klauen. Ich bin froh, dass ich meine Kunden nicht von der Strasse mitnehmen muss.

Womit verwöhnen Sie sich?

Mit Ausruhen. Am liebsten bin ich zu Hause, rede mit meiner Familie. Ich hätte gern mehr Zeit, um mit meiner Jüngsten zu spielen.

Was würden Sie tun, wenn Sie viel Geld hätten?

Ich würde mir ein eigenes Taxi kaufen, aber weiter mit meinem Chef zusammenarbeiten. Ich habe nicht die Persönlichkeit, allein zu arbeiten, ich bin nicht stark genug. Mein Chef hat schon sieben Autos und zehn Fahrer.

NAMIBIA
Einwohner: 1 700 000
BIP pro Kopf: CHF 2200
Benzin: 1 l CHF 0.65
Milch: 1 l CHF 1.15
Coca-Cola: 1 l CHF 0.60
Brot: 1 kg CHF 1.75
Reis: 1 kg CHF 0.80
Kinobillett: CHF 3.50
Zigaretten: 1 Packung CHF 2


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