NZZ Folio 09/94 - Thema: Bauern, was nun?   Inhaltsverzeichnis

Bauernbetriebe

Therese Vogel, Biobäuerin.

Von Franziska Wanner-Müller

«Vogel Samuel, Landwirtschaftsbetrieb (biologisch geführt seit 1948)» steht auf dem Merkblatt, das all jenen verteilt wird, die auf dem Mattenhof im aargauischen Kölliken aufkreuzen. Darunter, handschriftlich ergänzt: «Vogel Therese, eidgenössisch diplomierte Bäuerin» sowie eine Reihe weiterer Aktualisierungen, etwa dass die Naturwiesen des Betriebs jetzt 8,3 Hektaren umfassen.

Von weitem gesehen, ähnelt der Mattenhof den pädagogisch wertvollen, weiss-braun-grün bemalten Holzspielzeugen. Aber hinter dem Wohnhaus und dem langgezogenen Stalldach haben drei Generationen während 60 Jahren gewirkt, das Heim vergrössert, den Gemüsekeller und den Maschinenschuppen gebaut, und vor ein paar Jahren kamen noch die Offenfrontställe für 58 Schweine dazu. Dreizehn Milchkühe stehen im Stall, acht Aufzuchtrinder und zwei Arbeitspferde. Eine Hundertschaft Hennen legen glücklich. Korn, Randen, Kartoffeln und Karotten wachsen auf 6,4 Hektaren offenem Ackerland.

Das alles gehört jetzt auch der 25jährigen Tochter Therese. Seit kurzem, seit sie aus der Bäuerinnenschule nach Hause zurückgekehrt ist, wird der Mattenhof als Generationengemeinschaft geführt. Schritt für Schritt soll die junge Bäuerin in den elterlichen Betrieb hineinwachsen. Lehrlinge ausbilden darf Therese jedoch erst, wenn sie verheiratet ist - ein alter Zopf, der die junge Bäuerin ebenso stört wie die Tatsache, dass Biolandbau in der Bäuerinnenschule noch immer kein Thema ist.

Thereses Lehrmeister für organischen Biolandbau ist der Vater, als Vorbild nennt sie auch den Grossvater, der sich seinerzeit weigerte, die Chemisierung der Landwirtschaft mitzumachen und der Tradition verhaftet blieb. Bereits der Grossvater verkaufte seine Erzeugnisse direkt ab Hof an Private, Lagerverkäufe hiess das damals. Heute sind artgerechte Nutztierhaltung (angepasste Aufstallung, Auslauf, kontrollierte Fütterung), zurückhaltende Bodenbearbeitung (Arten- und Sortenwahl, kontrollierte Minimaldüngung) und die schonende Verarbeitung der Hoferzeugnisse (keine chemische Behandlung, keine unnötige Bearbeitung) das Markenzeichen des Mattenhofs. Und ein Versprechen für die Zukunft: Vor allem das Marketing hält die junge Bäuerin für ausbaufähig, neuen Vertriebskanälen gilt ihre besondere Aufmerksamkeit.

Derweil die Milch in der lokalen Käserei zu gewöhnlichem Emmentaler verarbeitet und das Fleisch an die Genossenschaft Bio-Farm geliefert wird, ist die Vermarktung der Früchte und des Gemüses die Domäne der Tochter. Reformgeschäfte gehören zu ihren Kunden, den Löwenanteil der Bioprodukte setzt Therese mit dem von ihr lancierten Direktverkauf ab.

In der Tenne, dort, wo früher die Maschinen standen, sind die Gestelle jetzt mit «Knospen»-Erzeugnissen gefüllt: mit neuen Getreidemischungen aus dem eigenen Anbau, selbst verarbeitetem Roggen und Dinkel, mit Biomehlmischungen und den von Therese Vogel - in aller Herrgottsfrühe - gebackenen drei Biobrotsorten. Auf den Verkaufstischen findet sich eine Fülle von Frischgemüse aus 23 Aren Land und Früchten. Biorüebli aus Israel, argentinische Äpfel, Zitronen aus Italien runden das Sortiment ab; Flöckchen, Olivenöl und Molkereiprodukte werden ebenfalls zugekauft.

Den im Rahmen des Gatt geplanten Reformen blickt die Familie Vogel relativ gelassen entgegen. Man hofft, im Gegenteil, dass die Neuerungen die Position der Biobauern stärken könnten - obwohl sich, und das stimmt schon etwas skeptischer, der Wettbewerb auch dank der neuen Biozuschüsse in den kommenden Jahren verschärfen wird.

Da der Bund im letzten Jahr erstmals Direktzahlungen für ökologische Sonderleistungen entrichtet hat, hofft Therese Vogel ihre eigenen Hofprodukte bald etwas günstiger absetzen zu können. Dann werden am Freitagmorgen auf dem staubigen Strässchen vor dem Mattenhof noch mehr fremde Fahrzeuge stehen. Bereits heute kommen Besucher nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern auch von ausserhalb des Kantons, und manchmal ist sogar ein Cabriolet dabei.


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