NZZ Folio 11/95 - Thema: Viren und Co   Inhaltsverzeichnis

E-Mail -- Big Caibua & Co. oder Wer hat Angst vor Viren?

Von Franz Zauner

IN DER ELEKTRONISCHEN Steinzeit, sie liegt auch schon sieben Jahre zurück, herrschten paradiesische Zustände. Für Programmierer gab es Bier, Schinkensandwiches und Zigaretten im Überfluss. Die Computer kauten zufrieden Bits und Bytes. Dann kam der Wurm. Er tat nichts anderes, als sich zu vermehren. Das machte er aber so gründlich, dass Aberhunderte Internet-Rechner jämmerlich verhungerten. Die Programmierer sassen Tag und Nacht vor ihren Konsolen. Bier, Schinkensandwiches und Zigaretten wurden knapp.

Die Nachfolger des Parasiten trieben es noch schlimmer. Sie brachten Schnittstellen-Krätze, Daten-Amnesie und Festplatten-Diarrhöe ins digitale Paradies. Kleine, böse Programme, Viren genannt, rafften blühende Rechenzentren in wenigen Tagen dahin. Doch wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Noch nie gab es so wohlsortierte Software-Apotheken wie heute.

Nehmen wir «Big Caibua», eine der neueren technopathischen Schöpfungen. Der schlimme Winzling befällt nicht nur fremde Applikationen, sondern nötigt sie auch noch zu Exhibitionismus: Ein kleiner Phallus erscheint auf dem Bildschirm und ejakuliert unter lautem Gepiepse ein '';''. Die Anti-Viren-Fraktion des Internet benötigte bloss drei Tage, um die Arbeit von Monaten zunichte zu machen. Ein Desaster für den Hacker im technischen wie im freudianischen Sinn: «Big Caibua» war das erste Virus, das Mitleid erregte.

Jetzt kommt ein neuer Feind, die Vorstellungskraft. Sie schickt sich an, die Realität zu übertreffen. «Good Times» läutete das Zeitalter der digitalen Hypochondrie ein und sorgte für die erste Epidemie ohne Erreger. Wenn im Betreff eines elektronischen Briefes die beiden Wörtchen «Good Times» stehen, so das Gerücht, dann sofort den Brief wegwerfen! Andernfalls würde der Computer seines Gedächtnisses beraubt! Wer erschrak nicht, als er das las. Die grassierende Angstlust lässt für die Zukunft Schlimmes befürchten: Ein CH-Virus wird kommen, das die Tastatur viersprachig belegt und vor jedem Programmaufruf eine Volksabstimmung verlangt. Ein Greenpeace-Virus wird Menschen zum Niesen bringen. Das gewisse Prickeln beim Kopieren unbekannter Dateien, der pochende Herzschlag beim Stöbern in fernen Archiven werden bleiben. Wir haben die Adrenalinstösse liebgewonnen.


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