NZZ Folio 11/92 - Thema: Geheimdienste   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Vom Eindampfen und Überfliessen

Von Wolf Schneider

«Kürze soll eine Tugend sein!» liess Theodor Fontane 1899 (im «Stechlin») den alten Dubslav seufzen, der die neumodischen Telegramme nicht mochte. «Sich kurz fassen, heisst meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von Verbindlichkeit fällt fort . . . Jeder, der wieder eine neue Fünf-Pfennig-Ersparnis herausdoktert, ist ein Genie.»

Oft, in der Tat, ist das Kurze zugleich das Schroffe, auch im Befehl. Aber Kürze kann durchaus höflich sein: indem sie uns nicht ermüdet wie die Geschwätzigkeit. Und Kürze kann das Abzeichen von Sprachkunstwerken höchsten Ranges sein: in der Bibel, in der Lyrik. Welche Länge also sollte etwas Geschriebenes idealerweise haben im Verhältnis zu der Substanz, die es mitzuteilen wünscht?

Das Stichwort für die Grenze zwischen kurz und lang heisst Redundanz. In allen romanischen Sprachen und im Englischen bezeichnet sie den Überfluss, in der Stilistik die Weitschweifigkeit, in der Informationstheorie alles schmückende Beiwerk über den nackten Informationsgehalt hinaus. Doch gänzlich frei von Redundanz sind nur Telegramme und Telefonbücher - was erhellt, warum der aufs äusserste eingedampfte Text keine gefällige oder auch nur zumutbare Lektüre ergibt. Redundanz ist also nicht überflüssig, das Fachwort unnütz und verwirrend, wenn es nicht mit erläuterndem Beiwerk versehen wird. Die Grenze verläuft nicht zwischen Redundanz und Kürze, sondern zwischen solchen Ausschmückungen und Beispielen, die erstrebenswert, und solchen, die entbehrlich sind.

Freilich, was heisst «entbehrlich»! Aus wenig mehr als Nichts eine Festansprache zu zimmern, ist für manche Anlässe zwingend. Das affirmative Geschwätz, das Bekräftigen des allen längst Bekannten - nach dem Muster «Mein Gott, diese Hitze!» - hat den Nutzen, uns durch die gestöhnten Worte eine Entlastung zu verschaffen. Und selbst der Sprecher oder Schreiber, der uns mit seinem Wortschwall auf die Nerven geht, macht offenbar wenigstens sich selbst ein Vergnügen, denn sonst schwiege er.

Die Frage der Entbehrlichkeit bedarf also anderer Massstäbe. Sie sind verschieden, je nachdem, ob wir Literatur bewerten und junge Menschen für Saft und Kraft der Sprache empfänglich machen - oder ob wir wirken und belehren wollen.

Belehren, Wissen vermitteln, mit Neuartigem vertraut machen, ob in der Schule oder in der Gebrauchsanweisung: Das gelingt nur mit reichlich Redundanz, mit Beispielen und mit zweiten Anläufen nach dem Muster «Das bedeutet also . . .». Sparsamkeit mit Worten, dem Grundsatz nach eine goldene Stilregel, sollte man durch einen kontrollierten Überfluss ersetzen, wann immer eine Mitteilung reich an Fakten, kompliziert, unerwartet, gegen die Lebenserfahrung der Leser oder Zuhörer ist.

Wirken, das Verhalten der Mitmenschen durch Worte beeinflussen: Das gelingt nur durch Häufung und durch Wiederholung. Wir kennen es aus den Werbespots, alle Demagogen haben es betrieben, viermal lässt Shakespeare den Antonius sagen «Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann» (bis auch der letzte ihn für einen Schurken hält); und in der Bibel, meist durch gedrängte Sprache ausgezeichnet, häuft Moses 53 Verse lang die Schreckensbilder, mit denen er sein Volk zwingen will, dem Herrn zu gehorchen - denn sonst werde er Israel die Pestilenz anhängen, es mit Feigwarzen, Grind und Krätze schlagen, mit Wahnsinn, Blindheit und allen Seuchen Ägyptens, und ein Scheusal werde es unter den Völkern sein (5. Mose 28).

Nur: Dieser Katarakt von Verwünschungen enthält nicht ein leeres und blasses Wort - kein «Sowohl als auch», kein «Wenn wir nun unsere Aufmerksamkeit auf die Krätze richten» oder «Ich möchte euch für die möglichen Folgen solchen Verhaltens beizeiten sensibilisieren». Und genau da verläuft die Grenze: nicht zwischen Länge und Kürze, nicht zwischen Entbehrlichkeit und Notwendigkeit, sondern zwischen Leere und Fülle. Jedes Wort muss Kraft haben und Sinn tragen; dann genügt es - in möglicher Kürze - den Massstäben der Literatur; dann kann es - in passender Länge - wirken und belehren; dann erspart es uns das Gähnen und den Überdruss.

«Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt, ruckweiser Sturmwind, Wolken heran- und vorbeiführend, Geräusch der Wasserfälle, das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde»: So hat Goethe 1775 das letzte Stück Wegs zum Gotthard beschrieben. Drei Auskünfte über die Felsen, zwei über die Wolken, zwei über die Geräusche und eine über den Wind: Das ist mehr, als die Wissenschaft als redundanzfreie Information durchgehen liesse, und auch die Öde am Schluss ist noch entbehrlich - denn wer hätte nicht längst geahnt, dass er sich in ihr befindet? Doch die Wörter sind prall, sparsam gesetzt, wiederum nicht geizig und schon gar nicht auf den Telefonbuchstil zurückgeschnitten - ja, so schreibt man.

Wie man selbst das Telegramm noch auf Null verkürzen könnte, hat der Levi demonstriert. Als nämlich der Cohn, sein Schwiegersohn, ihm telegrafiert «Rebecca glücklich entbunden Sohn», setzt er sich zornig hin und schreibt: «Rebecca? kann ich mir denken, wo se is meine einzige Tochter. Glücklich? Klar, wenn se hat einen Sohn. Entbunden? Auch klar, woher sonst soll se haben den Sohn! Und Sohn? Wieder klar! Wärste auf de Post gerannt für eine Tochter? Also, schmeiss nicht immer Geld weg für zu lange Telegramme!»




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