GRET HALLER wurde 1947 in Zürich geboren. Sie ist Juristin, Politikerin, Buchautorin. Die Sozialdemokratin gehörte während vier Jahren der Exekutive der Stadt Bern an. Sie war Nationalrätin und wurde 1994 zur Nationalratspräsidentin gewählt. Von 1994 bis 1996 war sie Schweizer Botschafterin beim Europarat, von 1996 bis 2000 Menschenrechtsbeauftragte der OSZE für Bosnien und Herzegowina in Sarajewo. In dieser Mission hatte sie oft mit Amerikanern zu tun und stellte Differenzen fest: In ihrem Buch «Die Grenzen der Solidarität» geht sie den Gründen für das unterschiedliche Staats-und Demokratieverständnis in den USA und in Europa nach.
Gret Haller, wann haben Sie das erste Mal jemanden gehasst?
Das weiss ich nicht mehr.
Können Sie überhaupt hassen?
Ja. Denn ich kann lieben. Wer nicht hassen kann, kann auch nicht lieben. Wobei die ganz grossen Gefühle, selbst wenn es Liebe ist, immer heikel sind. Ich bin eher für Freundschaften.
Wollen Sie die Welt verbessern?
Ich glaube, dass es Umfelder gibt, die das Gute aus den Menschen hervorholen, und andere, die das Schlechte begünstigen. Als Politikerin versuche ich immer, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die guten Anlagen fördern. Das allerdings ist eine Arbeit ohne Ende.
Sie gelten als Pazifistin. Den Nato-Einsatz in Bosnien und Herzegowina befürworteten Sie aber.
Dieser Nato-Einsatz war absolut notwendig und völkerrechtlich abgestützt. Der Wiederaufbau hätte ja gar nicht beginnen können ohne starke militärische Präsenz. Ich bin auch der Meinung, dass Europa eine Eingreiftruppe braucht, die in der Lage ist, diesen Kontinent zu befrieden. Europa sollte militärisch unabhängig werden von den USA. In Bosnien und Herzegowina wurde die nichtmilitärische Befriedung, also der Wiederaufbau von staatlichen Strukturen, nur als Anhängsel der militärischen Befriedung betrachtet und war leider stark von den US-Amerikanern dominiert.
Die Europäer schaffen Strukturen, die Amerikaner lösen die Probleme, so spöttelte man offenbar auf amerikanischer Seite.
Ich habe erst mit der Zeit begriffen, dass die Amerikaner gar nicht so genau wussten, was ein funktionierender Staat nach europäischem Verständnis ist. Für die Europäer war es klar, dass aus der Sackgasse der ausschliesslich ethnischen Identität, die Menschen einzig nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit beurteilt, nur eine staatsbürgerliche Identität herausführen kann: eine Identität, die darauf baut, dass jeder und jede, ob bosnischer Serbe, bosnische Kroatin oder Bosniake, die gleiche Würde hat, in gleicher Weise vom Staat geschützt wird und an den öffentlichen Geschäften teilnehmen kann.
Was hatten die Amerikaner denn dagegen einzuwenden?
Die US-Amerikaner sind von einem grundlegenden Misstrauen gegen den Staat geprägt. Diese Haltung lässt sich geschichtlich erklären. Die USA sind ein Einwanderungsland. Etliche, die ihr Glück in der Neuen Welt suchten, waren in ihrer Heimat religiös Verfolgte, denn Europa hat im 17. Jahrhundert die Religion der Staatlichkeit untergeordnet. In den USA kam es dann zu einer strikten Trennung von Staat und Religion, aber mit einem bewusst schwach gehaltenen Staat. Man wollte die Freiheit vom Staat, um die Freiheit der Religion garantieren zu können.
In Ihrem Buch «Die Grenzen der Solidarität» bezeichnen Sie den unbedingten Glauben der Amerikaner an die eigene Nation als sektiererisch.
Ich habe nur beschrieben, wie ich selber das Umfeld in Bosnien manchmal als sektiererisch empfunden habe. Aber effektiv sehen sich die US-Amerikaner nach wie vor als auserwähltes Volk. Die religiöse Toleranz wird zwar gross geschrieben, aber zu irgendwas bekennen muss man sich, mindestens zum American Way of Life. Der Kitt der amerikanischen Gesellschaft ist das Bekenntnis zur amerikanischen Gesellschaft.
Und wie entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt in Europa?
Das Verhältnis des Einzelnen zum Staat ist selbstverständlicher, darum entspannter, nüchterner. In den USA muss man sich seiner Zugehörigkeit immer wieder versichern und sie unter Beweis stellen.
«Von Amerika lernen heisst siegen lernen.» – Was sagen Sie zu diesem Satz?
Er mag vielleicht etwas Wahres haben. Aber wo immer es Sieger gibt, gibt es auch Verlierer. Das sollte man nicht vergessen.
Schweizer haben Mühe mit der EU, Amerikaner mit dem ICC, dem Internationalen Strafgerichtshof gegen Kriegsverbrechen und Völkermord. Gibt es Zusammenhänge?
Die USA haben mit dem Völkerrecht Probleme, weil sie nicht gerne einen Souveränitätsverzicht leisten. Damit hat die Schweiz keine Mühe, beim ICC ist sie ja sogar vorbildlich. Aber die Angst der Schweiz vor der EU zeigt schon auch ein wenig diese Angst, Souveränität zu verlieren, von den Grossen verschluckt zu werden. Die Gründe sind aber sehr verschieden. Das sieht man beim ICC: Die USA haben ein Sendungsbewusstsein, sie sehen sich als das «Gute» und wollen in der Welt das «Gute» gegen das «Böse» durchsetzen. Deshalb empfinden sie es als Anmassung, wenn Richter aus allen Teilen der Welt – also auch aus den «bösen» Teilen – über US-Amerikaner zu Gericht sitzen wollen.
Sie sind Feuer und Flamme für die Europäische Union. Warum?
Weil es Sinn macht, gewisse Probleme gemeinsam anzugehen. Das bedeutet zwar einen Souveränitätsverzicht für die einzelnen Staaten, dient aber dem Frieden und damit der Freiheit.
Sie gelten nicht nur als Pazifistin, sonden auch als Feministin.
Ja, ich bin auch vom Feminismus geprägt worden. Heute ist es ja Mode geworden, sich vom Feminismus abzugrenzen. Aber das sind Wellenbewegungen. Ich wurde zwanzig Jahre alt, ohne ein Stimmcouvert zu erhalten, und ich bin meinen Vorkämpferinnen jedenfalls sehr dankbar, dass sich das dann bald geändert hat. Die Generation der politischen Töchter ist weniger kämpferisch, und die Generation der politischen Enkelinnen setzt sich dann wieder zur Wehr – nach dem nächsten Backlash.
Waren Sie gern ein Mädchen?
Ja. Meine Mutter war alleinerziehend, und ich bin im Glauben aufgewachsen, dass das weibliche das starke Geschlecht ist. Ich war dann einigermassen erstaunt, dass das nicht alle so sahen.
Haben Sie Erfahrungen gemacht, die Sie grundlegend verändert haben?
Im Wesentlichen sind es drei Erfahrungen, jede hat mich für die nächste fit gemacht. Die vier Jahre Gemeinderat machten mich konfliktfähig. Dann die 10. AHV-Revision, Stichwort Betreuungsgutschriften und Splitting, sie brachte mir Durchhaltevermögen. Die fünf Jahre in Bosnien brachten mir Gelassenheit. Ob und wofür ich diese brauchen werde, wird sich zeigen.
Haben Sie Ziele?
Ich glaube heute nicht mehr, dass man sein Leben selbst gestaltet. Ich war im Berner Gemeinderat und stellte nach vier Jahren fest, dass das Schicksal mit mir offenbar etwas anderes im Sinne hatte, denn ich wurde nicht wiedergewählt. Ich wollte für fünf Jahre nach Strassburg und fand mich nach 15 Monaten in Sarajewo wieder. Ich weiss nur eines: Dass es wunderbar ist, älter zu werden. Man kümmert sich nicht mehr so sehr darum, was andere Leute von einem denken. Das befreit.
Sind Sie gläubig?
Ich bin in keiner Kirche. Ich wuchs im Geiste Zwinglis auf und bin leider immer noch entsprechend leistungsorientiert. Ich glaube, dass man sich nie entmutigen lassen darf, und ich glaube, dass man immer den Mut haben sollte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.