NZZ Folio 04/93 - Thema: News   Inhaltsverzeichnis

«Hitu am Abu in Terbil»

Beim beliebtesten Lokalradio der Schweiz.

Von Andreas Heller

EIN STAHLBLAUER HIMMEL wölbte sich über die verschneiten Firne und das von Smognebelchen durchzogene Tal des Rottu, der Rhone. Die Temperatur schwankte um den Nullpunkt, und der Tag plätscherte dahin. Zur Mittagszeit erreichte das Weltgeschehen das Restaurant Moosalp in Terbil. Aus dem Äther tönte es: «Hitu am Morgu het an Luftpirat an va Frankfurt nach Addis Abeba fleigunde Ärbus i schini Gewalt gibrungu und ischt dermit ab nach Amerika.» Der Nachrichtensprecher teilte mit, dass in Rom Bettino Craxi seinen Rücktritt als Sozialistenchef bekanntgegeben und in Kambodscha François Mitterrand Prinz Sihanouk getroffen hatte. Eine weibliche Stimme säuselte: «Hitu am Abu Tanz mit de Magic Elephantos im Oldie Pub.»

In Dörfern mit Namen wie Terbil bzw. Törbel, Gluringen, Zeneggen, Herbriggen, Eischoll oder Mehlbaum ist der Lebensrhythmus ein gleichmässiger, sind die Bewohner den Zeitläuften entrückt und eher dem Bewährten zugewandt. Denkt der Fremde. Doch dann entdeckt er an gar vielen Walliser Häusern eine dieser Satellitenschüsseln, das Symbol der Moderne. In der Migros und im Café wird er berieselt von Lindenberg und Jagger, und wenn aus den Lautsprechern der vokalreiche lokale Dialekt sprudelt oder stottert, wird mit Bestimmtheit häufiger von der Hautkrankheit Michael Jacksons gesprochen als von Schwarznasenschafen zum Beispiel.

Auch das Oberwallis ist ans weltweite News- und Unterhaltungsnetz angeschlossen. Möchte er Radio hören, stellt der Oberwalliser dennoch meistens Radio Rottu ein, das beliebteste Lokalradio der Schweiz. Laut den jüngsten Medienstudien hören 91 Prozent der 55 000 Oberwalliser regelmässig Radio Rottu, 69 Prozent sogar täglich. DRS 1, das aus der Sicht der Walliser in der Ausserschweiz beheimatet ist, bringt es dagegen bloss auf gut 60 beziehungsweise 40 Prozent.

Warum das so ist, wird ein «Ausserschweizer» vielleicht nie ganz begreifen. Selbst Sergio Biaggi, früher Primarlehrer, heute Programmleiter des in Visp domizilierten Senders, weiss sich den Erfolg nicht recht zu erklären. Vielleicht, orakelt er, habe das mit der Mentalität des Wallisers zu tun, seiner Liebe zu seiner Eigenart und seiner Skepsis gegenüber dem Fremden. «Die Sprache, der Dialektgebrauch, ist zweifellos eines unserer Erfolgsrezepte», meint Biaggi.

So wird denn bei Radio Rottu fast ausschliesslich der Walliser Dialekt gepflegt: In Hörerspielen, bei Quiz, Tips und in den Werbespots. Häufigste Hochsprache? Nimmt man das Musikprogramm hinzu: Englisch. Denn die Hauptsendezeit wird wie bei allen Lokalsendern mit Musik bestritten: Hits und Evergreens aus der 2500 CD umfassenden Konserve, die täglich zu einem Musikteppich arrangiert wird und dann elektronisch gesteuert über den Sender geht. Die laufenden Nachrichten - Schlagzeilen werden in Dialekt gesendet, Nachrichten in Hochdeutsch - bezieht das Radio von der Schweizerischen Depeschenagentur, verarbeitet sie zu Wortbeiträgen und ergänzt sie bei lokalen Ereignissen von Fall zu Fall mit telefonisch eingeholten Stellungnahmen. Zu den weiteren journalistischen Eigenleistungen gehören Interviews mit Studiogästen, mindestens einmal in der Woche. Am Ort des Geschehens ist ein Radio-Rottu-Reporter selten anzutreffen. Die meisten Lokalinformationen werden am Morgen geliefert, wenn in der Presseschau ausführlich der «Walliser Bote» verlesen wird. Viel mehr liege bei 6,6 Planstellen und einem Budget von rund einer Million Franken ganz einfach nicht drin, sagt Biaggi. Doch will er sich nicht beklagen: «Wir gehen ohnehin davon aus, dass Radio ein Unterhaltungsmedium ist. Wir müssen uns also nach der Masse richten, und die will vor allem leichte Musik und oberflächliche Information.»

Das tönt nun fast wie das Programm eines kühl rechnenden Privatmedienunternehmers. Trotzdem möchte sich Radio Rottu keinesfalls als blosser Kommerzsender verstanden wissen. Das wäre denn auch etwas gar einfach und würde dem komplizierten helvetischen Wesen eines Lokalradios kaum gerecht.

Denn eigentlich wurde das Lokalradio gegründet, um zu verhindern, dass andere es tun: Auswärtige oder der lokale Medienzar Mengis, Verleger des «Walliser Boten». Weil jeder ganz genau wusste, was der andere vorhatte, deponierte jeder vorsorglich ein Gesuch für ein Lokalradio. Auf Druck der Konzessionsbehörde einigten sich die verschiedenen Interessengruppierungen schliesslich auf ein gemeinsames Vorgehen und erhielten dann 1989 die definitive Konzession für den Betrieb eines Lokalradios im Oberwallis. 30 Prozent des Aktienkapitals zeichnete der Gemeindezweckverband für die Verbreitung ausländischer Fernsehprogramme im Oberwallis; je 18 Prozent der Rottenverlag der Familie Mengis sowie die eher christlichsoziale und freisinnige Gruppe names Radio Val. Der Rest der Aktien ist breitgestreut. So befinden sich unter den weiteren Teilhabern auch Unternehmen und Körperschaften, die man mit Radio nicht unbedingt in Verbindung bringen würde: die Société Suisse des Explosifs, das Kloster St. Ursula, das Bestattungsinstitut Weissen Bernhard.

Als Verwaltungsratspräsident des Radios firmiert Dr. Peter Z'Brun. Früher war Z'Brun Chefarzt im Visper Regionalspital, heute sieht er sich selbst als Integrationsfigur in einem Klüngel von Schwarzen, Gelben und Blauen (das sind - neben den Roten - die parteipolitischen Schattierungen im Wallis). Für Radio hat sich Z'Brun vor seiner Berufung zum obersten Rottu-Verantwortlichen kaum interessiert, und unumwunden gibt er zu: «Mit der Konzessionserteilung kamen wir zum Lokalradio wie die Jungfrau zum Kind. Als wir anfingen, hatten wir ja keine Ahnung vom Radiomachen. Und mit der Bewilligung fingen die Probleme erst an.»

Wer sollte das Radio überhaupt betreiben? Wie sollte es finanziert werden? Beziehungen halfen weiter. Z'Brun erinnerte sich an Sergio Biaggi, den er aus dem Militärdienst kannte. Das Bündner Lokalradio Grischa beriet die Walliser in technischen Belangen und lehrte die Radioamateure in einem Schnellkurs den Umgang mit Mikrophon und Studioanlagen. Z'Brun fädelte ein, dass die Gemeinde Visp den Radiomachern gratis eine Liegenschaft zur Verfügung stellte. Die Chemiefabrik Lonza spendierte einen Teil der Studioanlagen. Ungeachtet dieser Starthilfen bescherten die ersten beiden Jahre den Radiomachern einen Betriebsverlust von über 200 000 Franken. «Trotz der hohen Einschaltquoten», sagt Z'Brun, «ist das Wallis doch ein sehr kleiner Markt.» Entsprechend wird der Sender von den national operierenden Werbetreibenden vernachlässigt. Werbegelder bringt in erster Linie das lokale Gewerbe; zuwenig, um zu überleben.

Radio Rottu's Schicksal gleicht dem zahlreicher anderer Lokalsender. Nach anfänglicher Euphorie ist die moderierte Sendezeit bald einmal aus Kostengründen reduziert worden. Und verzweifelt wird nun nach neuen Geldquellen gesucht. Die Idee, über den Gemeindezweckverband eine Gebühr zu erheben, scheiterte am Widerstand der Bevölkerung; Radio Rottu wird zwar gern gehört, für die Leistung bezahlen will jedoch keiner. Jetzt hofft man auf ein Splitting der SRG-Gebühren. Ein Walliser Lokalradio, das ist für Z'Brun klar, ist kein Geschäft. Vielmehr sei eine solche Institution auch eine staatspolitischen Aufgabe und als Gegengewicht zum globalen Nachrichtenstrom zu verstehen.

Am Abend berichtet Radio Rottu, dass in der Lonza in Visp eine Gaswolke entwichen sei. Ein Sprecher des Chemiewerks beruhigt, dass zu keiner Zeit eine Gefahr bestanden habe. Es folgen die Sportresultate. Musik lullt die Bevölkerung in den Schlaf. Das Lokalradio hat seinen Zweck erfüllt. Hat es?




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