NZZ Folio 02/09 - Thema: Parallelwelten   Inhaltsverzeichnis

Kleiner Mann – was nun?

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Kaum grösser als ein Ohrstöpsel: Die Details der Preiser-Figürchen werden mit einem einzigen Pinselhaar gemalt. Linktext
Die Plasticfiguren der Firma Preiser gelten bei Modellbauern als Mass aller Dinge. Doch die kleine Idylle ist bedroht.

Von Jenny Niederstadt

Am liebsten sitzt Herr Krause im Biergarten, mit Würstchen und Masskrug in der Hand. Dass beide nur wenige Millimeter gross sind, stört ihn nicht. Denn Herr Krause misst selbst nur knapp zwei Zentimeter. Er ist eine Plasticfigur der Firma Preiser. Der dicke Bäcker und seine Familie zählen zu den populärsten Bewohnern der Preiser-Welt, des Universums der kleinen Leute.

Seit 60 Jahren stellt die Firma Figuren für den Modellbau her, und der Name Preiser hat in Bastlerkreisen einen Klang wie Uhu oder Tesa. Preiser ist der weltweit grösste Hersteller von Miniaturfiguren, 10 000 Männlein hat der Familienbetrieb im Angebot: Schwellenträger und Sumo-Ringer, ­Kameraleute und Ärzte, Clowns und Staatsmänner. Dazu Tiere, Autos, Schiessbuden, Fahrräder, Liegestühle – selbst Papst und Teufel finden im Preiser-Katalog zusammen. Und jede Woche kommen drei neue Menschen dazu, zuletzt ein Strassenmaler und ein Polizist bei der Radarkontrolle.

Das kleine Völkchen hat die Welt erobert; auch in Asien, Afrika und Amerika wird mit den deutschen Wohlstandsbürgern gespielt. Allerdings kaum noch im Kinderzimmer. Die Züge sind ein Altherrenhobby geworden, dem Mikrokosmos an der Schiene klebt ein Langweiler­image an. Seit 60 Jahren leben die Preiserlein in ihrer heilen Welt, zwischen Fachwerkhäuschen, Dampflok und Pferdegespann. Regiert wird ihr Imperium von der Provinz aus: Preiser sitzt in Steinsfeld, einem 1400-Seelen-Dorf in Franken, dem Herzen der deutschen Spielzeugindustrie und dem vergessensten Winkel ganz Bayerns.

Hier werden die Figuren detailverliebt entworfen: Uniformen entsprechen ihren Vorbildern bis aufs Knopfloch, die Körperhaltung der Figuren wird durch anatomische Studien festgelegt. «Wir wollen die Wirklichkeit so exakt wie möglich abbilden», sagt Volker Preiser, der das Unternehmen in dritter Generation führt. Als der Grossvater Paul Preiser die Firma 1949 gründete, verkaufte er Holzfiguren, aber schon die wirkten ungewohnt lebendig. Ein Reisender zieht da den Hut zur Begrüssung, der Stationsvorsteher hebt im Gehen die Abfahrtskelle. Diese Natürlichkeit war damals eine kleine Revolution. Üblich waren strammstehende Figuren mit einer Körperhaltung, die an Zinnsoldaten erinnerte.

Noch präziseres Arbeiten erlaubte die Umstellung der Produktion auf Polystyrol in den 1960er Jahren. «Trotzdem ist es immer wieder eine Herausforderung, Ausdruck in die wenigen Millimeter Mensch zu bringen», sagt Ursula Neuhaus, eine der Bildhauerinnen des Hauses. Seit 50 Jahren arbeitet die 84-Jährige für die Familie Preiser, 2000 Figuren hat sie entworfen und fertigt noch heute Modelle. «Die Emotion kann ich kaum über das Gesicht ausdrücken, das ist zu klein, sondern sie muss aus der Körperhaltung sprechen: Läuft einer befreit oder verdruckst? Dreht sich eine Mutter liebevoll zu ihrem Kind um oder ärgerlich?»

Bis zu zwei Jahre braucht ein Preiser, bis er marktreif ist. Vor allem die Recherche kostet Zeit. Geht es um die korrekte Führung des Zaumzeugs von Militärpferden, sucht das Preiser-Team in Archiven. Planen die Süddeutschen einen Polizisten mit Motorrad, fertigen sie eigens eine Fotoserie – mit einem echten Polizisten als Modell. Ist der Entwurf komplett, wird die Vorlage in den gewünschten Massstab verkleinert, die Figur gegossen und von Hand bemalt. Diese Feinarbeit übernehmen Frauen auf Mauritius, und zwar auch für die Figuren im Massstab Z. Die Minimenschen sind dann gerade acht Millimeter gross. Trotzdem erkennt man ihre Krawatten, Gürtelschnallen oder Kettenanhänger – gemalt mit einem einzigen Pinselhaar.

Was genau den Figuren da auf den Leib gemalt wird, bestimmt das Firmenarchiv, wo nicht nur Verzeichnisse von Uniformen und Dienstkleidung ­lagern, sondern auch Versandhauskataloge. «Modezeitschriften sind zu extravagant», sagt Preiser, «die Kataloge dagegen zeigen den Stil der Strasse.» Ein echter Preiser ist eben ein Durchschnittstyp. Und steckt modisch meist tief in den 1950er Jahren: Da klopfen Hausfrauen in Kittelschürzen Teppiche aus, und Bauern sind noch mit Sense und Milchkanne unterwegs. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt Brüche im Sortiment, findet zum Beispiel das ­Figurenset einer türkischen Grossfamilie oder sieht einen Mann mit Kind auf dem Arm – beide winken der Mutter hinterher, die im Business­kostüm davoneilt. Es scheint ganz so, als schaue das echte Leben bei den Preiserlein ­vorbei.

Erdacht hat diese Figuren Volker Preiser persönlich. «Ich will bewusst kleine Stiche setzen», sagt der 49-Jährige, «um gegen das spiessige Image der Modellbauer anzukämpfen.» So wirft die Firma Preiser einen vorsichtigen Blick auf die Moderne. Oder wie Eingeweihte sagen würden: Sie wagt den Epochewandel. Verstehen kann das nur, wer die alternative Zeitrechnung der Modellbauwelt kennt: Epoche II c steht für die Zeit des Zweiten Weltkriegs, III b umfasst die Jahre 1956 bis 1970.

Festgelegt wird die Unterteilung in der NEM 800, der Norm Europäischer Modellbahnen, die vom Verband der Modelleisenbahner und Eisenbahnfreunde Europas (Morop) erstellt wird. Gerade erst hat der Morop einen Epochewechsel beschlossen. Demnach leben wir derzeit in Epoche VI. Das System verhilft den Modellbauern zu historisch stimmigen Anlagen. Viele Hersteller kennzeichnen ihre Züge mit den Epochenziffern, denn ernsthafte Sammler achten darauf, dass alle Elemente ihrer Anlage zueinander passen, vom Loktyp über das Werbeplakat an der Häuserwand bis zur Kleidung der Figuren.

Favorit der meisten Bastler ist die Epoche III – also die Nachkriegszeit. «Da wird die eigene Kindheit nachgespielt», sagt Preiser. Seine Firma würde reihenweise Kunden verprellen, wenn sie ihr Sortiment radikal modernisierte. Doch Preiser könnte der Sprung in die Gegenwart trotzdem gelingen. Denn seit dem Jahrtausendwechsel ist die biedere Szene in Bewegung geraten. Für den frischen Wind steht vor allem ein Name: das Miniatur-Wunderland, die grösste Modellbahnanlage der Welt, eröffnet 2001 in Hamburg.

Jahr für Jahr zieht die Ausstellung fast eine Million Besucher an – und nur 10 Prozent davon sind klassische Modellbahner. Der Grund für diesen Publikumserfolg sind die Preiserlein, sagt der Pressesprecher Sebastian Drechsler: «Unsere Züge, Städte und Landschaften bilden zwar einen wichtigen Rahmen, aber wirklich fasziniert sind die Zuschauer von den Szenen, die wir mit den Preisern bauen.» 200 000 Plasticmännchen stehen auf der Anlage, womit das Miniatur-Wunderland mehr Einwohner hat als Genf. Nicht alle sind im Katalog erhältlich – die Hamburger Modellbauer haben die Preiserlein zum Teil radikal modifiziert. Sie wurden geköpft oder amputiert, neu zusammengesetzt und anders bemalt. Denn das Miniatur-Wunderland bricht mit dem Heile-Welt-Image: Dort sind auch Einbrecher und Exhibitionisten zu sehen, Hausbesetzer, Neonazis und Selbstmörder. «Selbst unter den Modellbahnern gibt es mittlerweile eine ungeheure Nachfrage nach echtem Leben», ­erklärt Drechsler. «Gerade junge Sammler wollen heute eine ungeschönte Welt zeigen.»
Diesen Schritt will nun auch Preiser vollziehen. Schritt für Schritt, Figur für Figur zieht die bittere Realität ein: Obdachlose und GSG-9-Beamte, Schläger und Särge. Oder schlicht das 21. Jahrhundert, mit seinen Popstars (DJ Bobo) und Trends (Nordic Walking). Ob die Reaktion rechtzeitig kam, bleibt abzuwarten. Denn in den letzten Jahren hat es bei den traditionellen Herstellern mächtig gekriselt: Der Umsatz brach ein, selbst bei Branchenriesen wie Märklin. Preisers Durchschnittskunde ist über 50 Jahre alt. Der Realitätsschock im Land der kleinen Klone soll nun neue Käufer locken. Da ist das Traditionshaus sogar bereit, auf un­geliebte Vorstösse der Konkurrenz zu reagieren: Denn mit einigen Jahrzehnten Verspätung hat die sexuelle Revolution auch die Winzlinge aus Polystyrol erreicht.

Auslöser war das Miniatur-Wunderland. Dort ist ein nacktes Paar im Sonnenblumenfeld zu sehen, der Liebesakt wurde schnell zur meistfotografierten Szene. Und bei Preiser häuften sich prompt die Anfragen, wo man die Sexpüppchen kaufen könne. Doch das Paar war eine Eigenkreation der Hamburger. Die Bayern verwiesen deshalb schlicht auf ihr Figurenset «Am FKK-Strand» und auf die Prostituierten, die im Katalog verschämt als «weibliche Passanten» tituliert werden. Die Konkurrenz zeigte weniger Zurückhaltung. 2003 legte die Allgäuer Firma Noch die Reihe «Sexy Scenes» auf: blickdicht verpackte Kästchen, die «Bett», «Schreibtisch» oder «Sofa» heissen und Paare in entsprechender Stellung verbergen. Die Serie liess die Umsätze emporschnellen, immer mehr Produzenten zogen mit Erotiksets nach. Der Sex im Kleinstformat ist ein Bestseller, einige Online-Shops für Bahner müssen plötzlich den «Ab 18»-Button installieren. Und in Anlehnung an den Pirelli-Kalender gibt es 2009 erstmals einen «erotischen Modelleisenbahnkalender».

Volker Preiser seufzt, wenn man ihn zum Sexboom befragt. Und führt Besucher zum Schaukasten seiner Tochterfirma Merten. Da stehen die neuen Sexfigürchen aus seinem Haus. Stripteasetänzerinnen räkeln sich an der Stange. Daneben eine technische Errungenschaft, die bewegliche Miniaturplastik «Abends im Zelt (Figuren mit Antrieb)». Fortschritt kann manchmal ganz schön spiessig sein.

Jenny Niederstadtist freie Journalistin; sie lebt in Hamburg.


Leserbriefe:

Zu Kleiner Mann – was nun? - NZZ-Folio Parallelwelten (02/09)

Ein Meisterstück der journalistischen Annäherung an ein Spezialthema. So liebevoll wie die Preiserlein gestaltet sind, so einfühlsam und augenzwinkernd schreibt Jenny Niederstadt.
Richard Buser, per E-Mail




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