NZZ Folio 01/99 - Thema: Sexgeschäfte   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Starke Hühner

Von Herbert Cerutti

DER HIRSCH WANDERT in die milderen Gefilde des Tieflands, wenn im Herbst die Tage kürzer und kälter werden und in den Bergen kaum noch Futter zu finden ist. Der Berglaubsänger leistet sich Winterferien in Afrika. Das Murmeltier reagiert auf die Unbill, indem es die Körpertemperatur auf drei Grad Celsius drosselt und bis zum Frühjahr als lebender Kühlschrank im Untergrund schlummert. Wer sich durch die Eiseskälte nicht vom munteren Bergleben abhalten lässt, ist das Alpenschneehuhn.

Im reinweissen Winterkleid trippeln die knapp pfundschweren Tiere zwischen den Zwergsträuchern oberhalb der Waldgrenze umher, knabbern hier an einem Heidelbeertrieb und picken dort an den Blättern von Alpenrose und Thymian. Um über die Runden zu kommen, müssen die Vögel Tag für Tag gut 100 Gramm frische Nahrung sammeln, was immerhin ein Abpicken von 15 000 Pflanzenteilchen erfordert. Deshalb ist das Alpenschneehuhn auch im hohen Winter über den Tag verteilt drei bis sechs Stunden lang auf Nahrungssuche. Mit einem Endspurt von bis zu 140 Schnabelhieben pro Minute wird vor dem Dunkelwerden die Fressbilanz noch aufpoliert. Um sich bei grimmiger Kälte auszuruhen sowie für die Nacht graben sich die Hühner in den lockeren Pulverschnee.

Dieses harte Winterleben kann man nur in passendem Gelände führen. Das Alpenschneehuhn bevorzugt mit Felsen durchsetzte, nordexponierte Steilhänge, wie sie etwa im Wallis oberhalb des Aletschwaldes anzutreffen sind. In solchen Lagen rutscht häufig Schnee ab, oder der Wind fegt eine Krete blank, und darum finden sich viele apere Stellen zum Äsen. Die Felsen bieten ausserdem etwas Wetterschutz. An Nordhängen liegt auch fast immer der zum Eingraben nötige Pulverschnee. Obschon nur fusstief unter der Schneeoberfläche, bringt das Huhn sein Iglu mit der Körperwärme auf behagliche 0 Grad, selbst wenn draussen das Quecksilber auf minus 30 fällt. Der Schutz kann jedoch zum Grab werden, wenn ein plötzlicher Temperaturwechsel die Schneedecke vereisen lässt. Deshalb verlassen Alpenschneehühner in der Regel sofort das weisse Bett, wenn Nassschnee oder Regen zu fallen beginnt.

Für ein Überwintern in der Kälte braucht es die richtige Ausrüstung. An der Basis jeder Feder der alpinen Hühner zweigt eine zusätzliche Daunenfeder ab. Dieses flauschige Unterkleid isoliert hervorragend gegen Kälte. Die Nasenlöcher sind von Federn bedeckt. An den Füssen wachsen ebenfalls Federn bis über die Zehen, als Kälteschutz, aber auch, um das Einsinken im Lockerschnee zu verhindern. Die Fussbekleidung hat der ganzen Art die Bezeichnung «Rauhfusshühner» eingetragen. Das Schneehuhn trägt ausserdem den wissenschaftlichen Namen Lagopus, was griechisch ist und «Hasenfuss» bedeutet. Der Körper des Alpenschneehuhns ist derart gut an die Kälte angepasst, dass es wie ein Hund zu hecheln beginnt, sobald die Lufttemperatur 15 Grad übersteigt. Auch sein Darm ist auf das Bergleben zugeschnitten: Damit es die derbe Nahrung mit einem hohen Zellulosegehalt optimal verwerten kann, verfügt das Alpenschneehuhn am Ende des Dünndarms über zwei gegen sechzig Zentimeter lange Blinddärme als Zusatzverdauer.

Wenn man als Huhn im offenen Gelände oberhalb der Waldgrenze lebt, muss man sich vor Fuchs, Hermelin und Adler in acht nehmen. Das Alpenschneehuhn setzt auf die Karte Tarnung und betreibt einen enormen Kleideraufwand. Im Frühjahr wechselt es das Winterkleid. Der Hahn ist danach auf Oberseite, Vorderbrust und Flanken schwarzbraun marmoriert, die Henne goldbeige und schwarzbraun gebändert. Diese Mauser verläuft synchron zur Schneeschmelze, das Tarnkleid wird laufend dem Gelände angepasst. Im Spätsommer leisten sich die Schneehühner für nur einen Monat ein drittes Kleid mit feiner Grauzeichnung und bereits etlichem Weiss. Es braucht ein sehr aufmerksames Auge, um in der Berglandschaft ein ruhendes Schneehuhn zu entdecken. So kann es geschehen, dass neben einem Wanderer plötzlich einige Hühner aufstieben, nachdem sie bis zum letzten Moment regungslos zugewartet haben, ob der Störefried nicht vielleicht doch in etwas grösserer Entfernung an ihnen vorüberziehe.

Stillhaltetaktik kennt bereits das Küken, wenn es Anfang Juli schlüpft, nachdem die Henne ihre sieben bis acht Eier in einer nur notdürftig mit Halmen und Federchen gepolsterten Mulde 22 Tage lang ausgebrütet hat. Schon am Schlüpftag wagen sich die Kleinen ein paar Meter von der Henne weg, um nach Insekten, Kräutern und Samen zu suchen. Sobald aber die Mutter mit dumpfem «Gääh-gäähgääh» warnt, erstarren die Flaumknäuel mitten in der Bewegung und drücken sich flach auf den Boden.

Zum Schlüpftermin verlässt der Hahn seine Familie. Er steigt höher ins Gebirge, um von den besonders eiweissreichen jungen Pflanzenknospen an den Rändern der Schneefelder zu leben. Favorit im Sommerangebot ist der Knöllchenknöterich. Vier bis sechs Wochen später sind die Küken wieder bei den Vätern, denn die Henne hat den Nachwuchs in kurzen Etappen ebenfalls bergwärts geführt. Die Reise ins schroffe Hochland glückt allerdings längst nicht allen Jungen. Etwa die Hälfte fällt Räubern, nasskaltem Sommerwetter oder hartnäckig liegenbleibendem Schnee zum Opfer.

Die ersten ausgiebigen Schneefälle im Spätherbst treiben die Schneehühner wieder in die Brutgebiete nahe der Waldgrenze hinunter. Im Abstand von 200 bis 500 Metern besetzen die Hähne ihr Territorium und verkünden jeweils kurz vor Sonnenaufgang von einem Felsblock aus mit knarrendem Ruf den territorialen Anspruch. Jeder Hahn kämpft Jahr für Jahr um sein angestammtes Revier, und die Anordnung der Reviere im Gelände bleibt über Jahrzehnte hin konstant.

Gegen Frühjahr wird die Balz immer heftiger. Taucht ein Rivale auf, startet der Platzherr zum Schauflug. Mit lautem Ruf und schnurrendem Flügelschlag flattert er mehrere Meter in die Luft und lässt sich mit ausgebreiteten Schwingen wieder zu Boden gleiten, die tiefschwarzen Schwanzfedern weit gespreizt. Balzgesang und Schauflug sollen nicht nur die Rivalen, sondern auch die Weibchen beeindrucken. Bald schon gehen die Hennen auf Bräutigamschau, indem sie einzeln durch die Reviere spazieren und ein kritisches Auge auch auf den Platz selber werfen. Hähne, die auf einem erst spät ausapernden Territorium balzen, bleiben nicht selten allein. Denn die Henne weiss, wo das Gelände für eine künftige Brut geeignet ist, und trifft entsprechend ihre Wahl. Einmal verpaart, bleiben sich Hahn und Henne treu - mindestens für die Brutsaison.

Das Alpenschneehuhn ist ein Relikt aus der Eiszeit. Als die Gletscher vor zehntausend Jahren schmolzen, zogen sich die kälteliebenden Vögel in den hohen Norden Amerikas und Eurasiens, nach Grönland, Island sowie ins schottische Hochland zurück. In Mitteleuropa blieben ihnen die Alpen sowie die Pyrenäen als «Kälteinseln». In der Schweiz brütet das Alpenschneehuhn in Lagen zwischen 1900 und 2600 Metern über Meer; man hat auch schon ein Nest auf dem Altstafelhorn im Wallis auf 2835 Metern gefunden. Einzeltiere wandern noch viel höher; der beobachtete Rekord liegt bei 4195 Metern: Ein Huhn bestieg das Aletschhorn.

Noch vor 30 Jahren waren die im entlegenen Hochgebirge lebenden Rauhfusshühner ziemlich unbekannte Wesen. 1970 begann Urs Glutz von Blotzheim an der Universität Bern mit einer Arbeitsgruppe, im Aletschgebiet die Alpenschneehühner und die Birkhühner zu studieren. Denn man hatte erkannt, dass Rauhfusshühner eines Tages aus unseren Bergen verschwunden sein könnten, wenn man ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse nicht besser kennenlernt, um ihren Lebensraum entsprechend schützen zu können. Heute führen Zoologen wie Christian Marti von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach und Andreas Bossert Beobachtungen und Bestandeszählungen für die gesamten Schweizer Alpen durch, wobei man nur die balzenden Hähne einigermassen zuverlässig erfassen kann.

Nach neuesten Schätzungen gibt es in der Schweiz noch 10 000 bis 12 000 Alpenschneehähne. Der Bestand wird von den Biologen als gut und wahrscheinlich recht stabil bezeichnet. Trotzdem schwingt in Fachkreisen beim Thema Rauhfusshühner Sorge mit, wie an einer Informationsveranstaltung des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft in Neuenburg unlängst zu spüren war. In der Schweiz dürfen Rauhfusshühner nach wie vor gejagt werden. 1997 kostete das 798 Schneehühner das Leben. Die Bündner Jäger holten sich mit Abstand am meisten Tiere, nämlich 591. Es folgen die Tessiner (81), die Walliser (72) und die Urner (54). Alle anderen Kantone verzichten auf die Schneehuhnjagd.

Vertreter der Jägerschaft betonten in Neuenburg, dass man in den letzten Jahrzehnten den Jagddruck auf die Rauhfusshühner markant reduziert habe und die Bestände durch die heutige Jagd nicht gefährdet seien. Auch habe die Jagd auf Rauhfusshühner eine lange Tradition, und Praktiken wie die Tessiner Jagd mit Vorstehhunden seien Teil der lokalen Kultur. In Naturschutzkreisen scheint jedoch die Meinung vorzuherrschen, dass die touristische Betriebsamkeit in weiten Teilen des Hochgebirges Störung genug sei für die Rauhfusshühner und es an der Zeit wäre, dass wenigstens die Jäger die geplagten Hühner in Ruhe liessen.


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