WIR HABEN DREI Katzen. Ruedi Hauert in Wohlen hat vierzehn Kühe, zwei Schweine, ein Ross und einen Hund. Im April 1994 gab es in der Serengeti in Tansania 1357 Elefanten, 21 291 Büffel und 917 204 Gnus. Während wir unsere Pipa, Mizi und Capa problemlos überblicken und auch der Bauer Hauert jedes seiner Viecher kennt, stellt sich doch die Frage, wie man Tiere in der Wildnis zählt. Waren es tatsächlich 917 204 Gnus?
Die letzte Frage gleich vorneweg. Im Bericht über Zustand und Entwicklung der Gnubestände im Serengeti-Ökosystem, den die Frankfurter Zoologische Gesellschaft im Rahmen des Überwachungsprogrammes Tanzania Wildlife Conservation Monitoring (TWCM) unlängst publizierte, wird bei den 917 204 Gnus der statistische Fehler auf 173 632 beziffert. Was den Mathematiker doch zur Bemerkung verleiten dürfte, es wäre wohl vernünftig, die Gesamtzahl der Serengeti-Gnus mit 920 000 plus/minus 170 000 anzugeben.
Die Serengeti ist gut halb so gross wie die Schweiz. Die Aufgabe, in einem derart grossen Naturgebiet «Volkszählungen» durchzuführen, erfordert spezielle Methoden. Am Serengeti-Forschungsinstitut in Seronera im Zentrum des Nationalparks arbeitet eine Equipe von fünf Leuten am TWCM-Programm. Mit Hilfe von drei Flugzeugen, etlichen Geländefahrzeugen und einer ganzen Helferschar werden mindestens alle drei Jahre die Tierbestände ermittelt, wobei je nach Tierart verschiedene Zählverfahren zur Anwendung kommen. So registriert man die Gnus mit dem «Punktverfahren» aus der Luft. Gnus verteilen sich nämlich keineswegs gleichmässig über ein Gebiet, sondern durchwandern im Laufe eines Jahres als riesige Herde einen etwa 800 Kilometer langen Parcours. In der Regenzeit zwischen November und Mai leben die Tiere in der Kurzgrassteppe im südöstlichen Teil der Serengeti, ernähren sich von den saftigen Gräsern und bringen dort ihren Nachwuchs zur Welt. Die Trockenzeit ab Mai/Juni treibt die Gnus auf einen Massenexodus in das wasserreichere Savannengebiet in der Nähe des Viktoriasees. Und im November kehrt die Herde ins neu spriessende Grasland zurück.
Die Gnus lassen sich am besten in der Kurzgrassteppe zählen, wenn das Millionenvolk auf relativ kleinem Gebiet versammelt ist. Dazu wird erst aus dem Flugzeug der Umriss des momentanen Weidegebietes der Herde festgestellt und diese Fläche von vielleicht 5000 Quadratkilometern auf der Karte von Norden bis Süden in lauter fünf Kilometer breite Streifen unterteilt. Mit einer Fotokamera in der Bodenluke der Cessna fliegt der Pilot dann jeden dieser Geländestreifen in etwa 150 Meter Höhe ab. Dank Satellitennavigation kann der gewünschte Flugweg auf einige Dutzend Meter genau eingehalten werden. Neben dem Piloten sitzt der Fotograf. Per Fernbedienung macht er alle zwanzig Sekunden eine Aufnahme und registriert mit Radar die exakte Flughöhe, damit sich später die Grösse des auf dem einzelnen Luftbild festgehaltenen Geländeausschnittes berechnen lässt. Ein dritter Mann auf dem Hintersitz wechselt die Filme und passt die Kameraeinstellung laufend den Lichtverhältnissen an.
Als weitere Sisyphusarbeit erwartet die Mitarbeiter im Institut das eigentliche Zählen. Jedes der gegen tausend Farbdias wird vergrössert auf ein weisses Papierblatt projiziert. Und mit bewunderungswürdiger Geduld markieren die Leute mit einem Bleistift auf dem Bild Tier um Tier und drücken gleichzeitig jedesmal auf den Zählerknopf. So verwandelt sich das grasende Gnuvolk in eine Zahlenlandschaft. Schliesslich interpoliert der Computer aus den registrierten Stichproben von etwa einem Prozent der Herde die Tiermengen zwischen den Zählpunkten und sagt den Forschern, wie viele Gnus gesamthaft vorhanden sein dürften.
Gnuzählen ist nicht Selbstzweck. Es ist die einzige Möglichkeit, Veränderungen der Tierpopulation im Laufe der Jahre einigermassen zuverlässig festzustellen und die Wirkung allfälliger Schutzmassnahmen zu beurteilen. So ergaben die Gnuzählungen in den Jahren von 1977 bis 1991 jeweils einen Bestand zwischen 1,2 und 1,6 Millionen Tiere. 1994 aber mussten die Wildtierforscher einen Bestand von nur noch 0,9 Millionen zur Kenntnis nehmen.
Diese Verminderung ist angesichts des sehr grossen Zählfehlers allenfalls nur scheinbar. Die Parkverantwortlichen können es sich jedoch nicht leisten, mit der Suche nach Ursachen zu warten, bis sich ein eventueller Aderlass auch in der Statistik eindeutig zeigt. Eine mögliche Erklärung für die kleinere Zahl von 1994 sind die aussergewöhnlich geringen Regenfälle des Jahres 1993 in der Serengeti, wobei die nördlichen Gebiete, in denen die Gnus während der saisonalen Trockenzeit sonst noch genügend Wasser finden, besonders stark betroffen waren. Deshalb waren die Tiere in jener Saison auch vermehrt in bewohnte Gebiete ausserhalb des Parkes gewandert. Eine systematische Suche nach Tierkadavern in den nördlichen Randgebieten des Parks ergab Ende 1993 tatsächlich eine überaus hohe Zahl von Überresten toter Gnus in den nördlichen Randgebieten des Parks. Drei Viertel davon waren offensichtlich von Menschen getötet worden - zur Ergänzung des Speisezettels.
Eine Hochrechnung über das ganze Gebiet ergab einen Verlust von 200 000 gewilderten Gnus. Und da auch die Kadaver, die keine Fremdeinwirkung zeigten, Zeichen starker Unterernährung trugen, dürfte 1993 in der Tat die grosse Trockenheit den Gnubestand dezimiert haben. Zum besseren Schutz der Gnus will man jetzt die Herde ganzjährig im Auge behalten, wozu einige der Tiere mit einem Radiosender ausgerüstet werden. Den Menschen ausserhalb des Parkes kann man jedoch die Nutzung der wandernden Nahrungsquelle schwerlich gänzlich verbieten. Mittels Aufklärung und Unterstützung der parknahen Dörfer in Notzeiten sollte es aber möglich sein, die Übergriffe auf die Gnuherde im ökologisch verträglichen Rahmen zu halten.
Elefanten und Büffel machen auch gerne grössere Ausflüge; den Hang zum Volksmarsch wie die Gnus kennen sie jedoch nicht. Sie leben ganzjährig vorwiegend im zentralen und östlichen Teil der Serengeti, in verschieden grossen Herden bis zu hundert Elefanten und tausend Büffeln, gelegentlich aber auch als einsame Gesellen. Eine Bestandesaufnahme ist nur möglich, wenn man das ganze Gebiet in einzelne Zonen unterteilt und in jeder Zone sämtliche Tiere zählt. Dazu wird die Zone systematisch mit dem Flugzeug abgesucht. Entdeckt die Equipe Büffel oder Elefanten, kreist die Maschine über den Tieren, und die Crew zählt. Sind es mehr als zwanzig, kommt wiederum das Luftbild zum Einsatz. Natürlich ist auch eine solche «Totalzählung» nicht fehlerfrei - etwa wenn ein Elefant grad unter dichtem Blätterwald Kühlung sucht. Doch die Zählergebnisse verschiedener Jahre können, da die Fehlerquote sich wohl gleichbleibt, miteinander verglichen werden.
Den Serengeti-Forschern ist das Ergebnis der Büffelzählung 1994 in die Knochen gefahren. Denn die Gesamtzahl von 21 291 bedeutet, dass innert zweier Jahre über 17 000 Tiere verschwunden sind - eine böse Erinnerung an die achtziger Jahre, als die Büffelbestände von gut 70 000 auf 40 000 schrumpften. Waren damals Wilderer für die Verluste verantwortlich, vermutet man jetzt wiederum die Dürre von 1993 als Hauptgrund. Die Tatsache aber, dass in den nordöstlichen Randgebieten des Parks in den beiden Jahren 95 Prozent der Büffel verschwanden, lässt ebenfalls auf massiven Druck durch die zunehmende Besiedlung schliessen.
Glücklicherweise sehen die Zahlen für die Elefanten besser aus. Zwar mussten auch die mächtigsten Tiere der Serengeti in den achtziger Jahren gewaltige Verluste erleiden - von 2800 Tieren 1977 auf nur mehr 470 im Jahr 1986. Dank Jagd auf die Wilderer und internationalem Verbot des Elfenbeinhandels erholte sich der Bestand 1992 auf 980 Tiere, und die jüngste Erhebung lässt mit 1357 Individuen wieder auf rosigere Elefantenzeiten hoffen. Dass heute das Schlachten der Dickhäuter erfolgreich bekämpft werden konnte, haben die Forscher bei ihren Überwachungsflügen auch ohne Zählen sehen können: Während Anfang der achtziger Jahre pro zwei lebende Elefanten ein seiner Stosszähne beraubter Kadaver am Boden lag, fand sich 1994 in der ganzen Serengeti kaum eine Elefantenleiche. Dafür tummelte sich zwischen den Müttern und Tanten eine Kinderschar, wobei in gewissen Herden die Hälfte aller Tiere Jungtiere waren.