NZZ Folio 01/92 - Thema: Entsagung   Inhaltsverzeichnis

Marcel Rüedi und die Faszination des Bergs

Von Oswald Oelz

Der Winterthurer Marcel Rüedi war einer der profiliertesten Alpinisten der Schweiz und gehörte in den frühen achtziger Jahren zu den erfolgreichsten Höhenbergsteigern der Welt. Der energiegeladene und unentwegt fröhliche Mann führte mit gleicher Begeisterung ein Metzgerei-Unternehmen, wie er zwischen 1980 und 1986 einen Achttausender nach dem andern erkletterte.

Das hier in Auszügen publizierte Tagebuch beschreibt Marcel Rüedis Erlebnis bei einer Expedition zum 8156 m hohen Manaslu in Nepal im Frühjahr 1984. Der lange Anmarschweg (über 200 Kilometer) und die extremen Klimaschwankungen, mit sengender Hitze in den riesigen Gletscherbecken und rasch einfallenden eisigen Stürmen (die Temperaturen können von 30 Grad plus auf unter 20 Grad minus fallen), sind Besonderheiten dieser Reise. Obwohl die technischen Schwierigkeiten der 1956 von den Japanern eröffneten und auch von Rüedis Expedition benützten Normalroute als nicht besonders hoch einzustufen sind, ist der Berg sehr gefährlich. Auf den weiten Eishängen zwischen rund 5000 und 7000 m Höhe herrscht besonders nach den oft reichlichen Schneefällen eine ausgeprägte Lawinengefahr. Gegen 40 Bergsteiger wurden bis heute auf diesem Aufstiegsweg von Lawinen getötet.

Auch Rüedis Expedition, der im weiteren Hans Eitel, Peter Wörner, Werner Burgener, Norbert Joos und Erhard Loretan (Lori) angehörten, hatten mit den Tücken des Wetters zu kämpfen. Schneestürme zwangen die Expedition nach einem ersten Aufstieg auf rund 5300 m am 31. März 1984 wieder ins Basislager zurück. Weitere Versuche schlugen ebenfalls fehl: «Zum Basislager abgestiegen. Oben haben wir keine Chance gehabt: über einen Meter Pulverschnee», notierte Rüedi in seinem Tagebuch.

Ziemlich genau einen Monat nach der Ankunft im Basislager (und nach verschiedenen Auf- und Abstiegen zu diversen Camps) bezwang Rüedi den Manaslu: Am 27. April verliess die Gruppe erneut das Basislager und erreichte drei Tage später den Gipfel.

Rüedi liebte sein Leben der kontrastierenden Herausforderungen von Beruf und Bergsteigen; er genoss die Schönheit und Erfüllung der Momente über den Wolken. Besonders glücklich war er über ein trotz widrigsten Umständen erreichtes Ziel.

Marcel Rüedi starb am 26. September 1986 im Alter von 48 Jahren beim Abstieg von seinem zehnten Achttausender, dem 8481 m hohen Makalu. Oswald Oelz

Prof. Dr. Oswald Oelz ist Chefarzt am Zürcher Stadtspital Triemli und selbst Alpinist. Er hat bereits an zwei Manaslu-Expeditionen teilgenommen.


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