NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Energy Milk und Lutscher mit doppeltem Boden

Auf Einkaufstour im Schlaraffenland.

Von Daniel Weber

Ein Kunde, sagt Herr Ehrler, ist ein Kunde, ob er etwas für 5 Rappen kauft oder für 500 Franken. Der Satz kommt nicht unerwartet aus dem Mund eines Kioskbesitzers, aber Jörg Ehrler nimmt man ihn ab. Er hat freundliche blaue Augen und eine sanfte Stimme; Höflichkeit, sagt er, ist wichtig. Wir sind mit dem Auto unterwegs in der Industriezone der Agglomeration Zürich. Ziel ist das Schlaraffenland. Es misst 6000 Quadratmeter und befindet sich in einer unscheinbaren Lagerhalle, in die nicht jeder hineingelassen wird. Die Eingeweihten nennen es nur CCA, was soviel heisst wie Cash + Carry Angehrn, das einzige CC ausschliesslich für Lebensmittelhandel und Gastronomie.

Kaufen und nach Hause tragen kann man hier Tausende von Artikeln des täglichen Bedarfs, vom Salat über den Staubsauger bis zu Schleckereien. Aber im Unterschied zu einem Supermarkt muss niemand zum Kaufen animiert werden. Die Waren werden in der riesigen Halle nicht attraktiv präsentiert, sondern auf Paletten gelagert: Mayonnaise in Kübeln à 10 Kilo, Essig in Kanistern à 15 Liter, Gummibärchen in Kilopackungen und Fünf-Rappen-Kaugummis in Säcken à 400 Stück für 15 Franken 81. Entscheidend ist, dass alles übersichtlich und klar angeschrieben ist.

Im CC kaufen Restaurant- und Kantinenbetreiber ein, Quartiergeschäftsbesitzer oder eben selbständige Kioskinhaber wie Jörg Ehrler. Natürlich kauft er nicht alles selber ein. Er ist Mitglied des Schweizerischen Kioskinhaber-Verbands, der seinen 350 Mitgliedern als Einkaufsorganisation dient. Für ihn ist der Verband der wichtigste Lieferant. Er versorgt ihn mit den gängigsten Zigarettenmarken, diversen Markenschleckwaren und Glaces. Zeitungen und Zeitschriften dagegen bringt die Kiosk AG, darauf hat sie das Monopol.

Von den 3500 Kiosken, die es in der Schweiz gibt, sind fast die Hälfte Filialen der Kiosk AG, die zur Valora-Gruppe gehört. Da aber Jörg Ehrlers unabhängiger Kiosk mehr ist als ein Kiosk, nämlich eine Art kleiner Quartierladen, in dem man auch WC-Papier und Waschpulver kaufen kann, wenn man es in der Migros vergessen hat, braucht er noch eine ganze Reihe weiterer Zulieferer: für Milch, Sandwiches, Getränke, Backwaren. Ob Champagner, Kartoffelsalat oder Büchsenbohnen mit Tomatensauce, ob Kehrichtsäcke oder Glühbirnen, sein Kiosk hat's.

Herr Ehrler schiebt den Einkaufswagen, der gut und gerne einer ausgewachsenen Kuh Platz böte, bedächtig über den grauen Betonboden durch die breiten Gänge, vorbei an den Gabelstaplern, mit denen die Regale aufgefüllt werden. Einmal pro Woche fährt er in den CC und besorgt die Produkte, die ihm seine Kioskverkäuferinnen auf einem Zettel notiert haben. Beim Bestellen redet er ihnen so wenig wie möglich drein. Mit sicherem Griff holt er zwei Grosspackungen mit kleinen Wodka-Fläschchen aus dem Regal. Prostituierte im Quartier kaufen sie schon morgens und trinken den ersten Schluck noch im Kiosk, um wieder auf Touren zu kommen.

Etwas weiter vorne wandern drei Packungen mit Milch-Energy-Drinks in den Wagen. Die sind bei Junkies sehr beliebt. Herr Ehrler hat keine Probleme mit ihnen, Kunde ist Kunde, und die Drögeler, sagt er, sind angenehmer als mancher andere. Überhaupt mag er seine gemischte Kundschaft, er hat jahrelang an der Langstrasse gewohnt, mitten in Zürichs Vergnügungs- und Ausländerviertel, und er fühlt sich wohl, wenn's multikulturell zu und her geht. Ihm ist es nicht wichtig, wie einer aussieht und woher er kommt; die meisten Menschen sind nett zu ihm, und also behandelt er sie ebenso.

Einer langen Wand entlang stapeln sich im CC die Sonderaktionen. Jörg Ehrler setzt die Brille auf, studiert die Waren, prüft, wägt ab. Beim Preisvergleich kommt es auf den Rappen an. Und mit Zahlen kann er umgehen, schliesslich ist er gelernter Treuhänder. Den Kiosk hat er erst vor kurzem übernommen, am 1. Mai 1999, und sein Treuhandbüro führt er vorderhand auf Sparflamme weiter. Er kannte allerdings schon den Vorgänger seines Vorgängers, der den Kiosk 1984 gründete; bei dessen Hochzeit war er Brautführer. Er bekam mit, wie der Kiosk zu florieren begann, das Besitzerpaar lebte im Quartier, war integriert, und die Sandwiches, die sie verkauften, strichen sie selber. Damals standen auch noch Geldspielautomaten im Kiosk, damit wurden Zehntausende von Franken im Jahr umgesetzt. Aber wessen Geld? Manch eine Bewohnerin des nahen Altersheims war regelrecht süchtig und reagierte unwirsch, wenn man ihr Mässigung empfahl. Herr Ehrler ist jedenfalls nicht unglücklich darüber, dass die Apparate nach dem Verbot verschwinden mussten.

Bei der letzten Einkaufstour hat Herr Ehrler auch eine Grosspackung Waschmittel gekauft. Eine Stammkundin hatte ihn darum gebeten, denn die kleinen Beutel, die der Kiosk führt, sind nur ein Notbehelf, und für die schwerkranke Frau ist der Weg ins Einkaufszentrum zu weit. Er wird ihr das grosse Paket dann schnell nach Hause bringen. Sein Vorgänger führte den Kiosk nur fünf Jahre lang. Als eingebrochen und in einem der beiden anderen Kioske, die er besass, eine Verkäuferin überfallen wurde, hatte er genug und verkaufte. Jörg Ehrler, der ihm die Buchhaltung führte, sah seine Chance. Zwei Jahre zuvor hatte ihn die Zuckerkrankheit gezwungen, seine Arbeit als Treuhänder einzuschränken, der Stress wurde ihm zuviel. Der Kiosk, das sagten ihm die Zahlen, war ein gutes Geschäft.

Ein Geschäft, bei dem wie bei keinem anderen gilt: Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert. Am meisten Umsatz machen die Zigaretten, danach folgt, wenn ein fetter Jackpot lockt, das Lotto, dann Esswaren und Schleckzeug. Die Marge auf Zeitungen und Zeitschriften wird von der Kiosk AG bestimmt und ist nicht sehr hoch, im Schnitt zehn bis fünfzehn Prozent. Sexzeitschriften laufen nicht schlecht, und das Angebot ist recht gross, schliesslich gibt es da verschiedene Fakultäten, sagt Herr Ehrler lachend. Er achtet einfach darauf, dass die Hefte im obersten Regal placiert sind, ausserhalb des Blickfeldes der Kinder.

Der Renner unter den Süssigkeiten ist zurzeit Two to One für 1 Franken 70, ein Lutscher mit doppeltem Boden, in dem ein kleines Spielzeug steckt. Drei Packungen davon lädt Herr Ehrler auf den Einkaufswagen, das wird wieder für eine Woche oder zwei reichen. Das breite Sortiment hat er von seinem Vorgänger übernommen, aber er hat schon gelernt, dass es sich lohnt, die Palette gezielt zu erweitern, Neues auszuprobieren. Der Multivitamin-Fruchtsaft zum Beispiel, den er kürzlich eingeführt hat, verkauft sich sehr gut. Und er greift sich ein Triopack mit einem neuen Energiegetränk aus dem Regal, mal schauen, ob das Anklang findet.

Obwohl der ehemalige Bürolist ein Neuling im Geschäft ist, scheint er dafür wie geschaffen. Er weiss genau, wie entscheidend es ist, die Stammkunden, deren Anteil er auf sechzig Prozent schätzt, zufriedenzustellen. Und wenn er halt nur einen einzigen hat, der noch Frégate raucht, besorgt er regelmässig eine Stange. Wahrscheinlich ist sein Talent, ein Menschenfreund zu sein. Auch als Treuhänder ist er nie ein Abreisser gewesen, eine Steuererklärung kostet bei ihm sechzig bis achtzig Franken. Das hat sich herumgesprochen, und seine Dienste werden vor allem von Ausländern und alten Leuten in Anspruch genommen.

Dass es ihm gut geht, war ihm immer das wichtigste, und damit meint er nicht das Materielle, ein gewisser Standard reicht ihm. Er ist Junggeselle, seinen Lebenswandel nennt er schmal, und dass beim einen oder anderen Treuhänder ein schnelles Auto vor dem Büro steht, hat ihn nie mit Neid erfüllt. Herr Ehrler wollte den Leuten einfach seine Dienste anbieten, sagt er, aber wenn eine ältere verwitwete Frau ihm die Steuererklärung in die Hand drückte und ihm von ihrem schweren Schicksal erzählte, hörte er nicht weg. Zu Beginn ging ihm das nahe, manchmal so nahe, dass er nachts kaum schlief vor lauter Sinnieren, sagt er; aber eigentlich fand er das dann doch übertrieben, und mit der Zeit hat er sich daran gewöhnt. Jetzt steht Herr Ehrler vor einer Maschine zur Zubereitung von Hot Dogs und denkt laut nach. Im Sommer verkauft er Glace, warum im Winter nicht etwas Warmes? Hot Dogs wären ideal, viele Kunden kommen schnell vorbei, bevor sie an der Haltestelle vor dem Kiosk ins Tram steigen. Suppe hat er verworfen, die würde nur verschüttet. Andererseits ist es wohl auch nicht besonders angenehm, wenn's im Kiosk wie in einer Würstchenbude riecht. Na ja, bis zum Winter dauert es noch ein Weilchen, ihm wird schon etwas einfallen.

An der Kasse im CC stehen weniger Leute an als in der Migros, aber auf ihren Wagen türmen sich die Waren. Die Kassenmänner hieven die grossen Packungen vom Wagen, halten sie, damit sie erfasst werden können, kurz vor einen Scanner und laden sie danach in einen leeren Wagen um. Zum CC-Service gehört, dass man nebenan einen Kaffee trinken kann, während die Einkäufe registriert und abgerechnet werden. Die detaillierte Rechnung enthält alle Informationen, die für die korrekte Buchhaltung erforderlich sind. Jörg Ehrler kauft vergleichsweise bescheiden ein, die Ware hat problemlos im Kofferraum Platz. Sein Kiosk misst ungefähr 70 Quadratmeter, das Hinterzimmer vielleicht 40. Etwa 700 Artikel hat er im Sortiment, da lassen sich keine allzu grossen Lagerbestände anlegen.

Im Grunde genommen ist es nicht schwer, einen Kiosk zu führen, sagt Herr Ehrler auf der Rückfahrt, aber man muss halt präsent sein. Wenn er einmal pro Woche die Frühschicht übernimmt, muss er um Viertel nach vier aufstehen, will er den Kiosk pünktlich um sechs öffnen. Sonst sieht er eigentlich keine Nachteile, es gefällt ihm, die Verantwortung für einen Kleinbetrieb zu haben. Die Verkäuferinnen sind sehr selbständig; aber wenn's etwas zu flicken gibt im Kiosk oder eine Glühbirne auszuwechseln, ist das natürlich seine Sache. Und in den Keller runter muss auch er, weil es dort angeblich Mäuse hat. Er ist jetzt um die fünfzig; später einmal, so stellt er sich einen guten Lebensabend vor, will er selber öfter im Kiosk stehen. Auf die Kunden freut er sich, er wechselt gerne ein paar Worte mit ihnen, manche sind einsam, und denen tut es schon gut, wenn man sie nur fragt, wie's geht.

Das sind Stammkundinnen, sagt Herr Ehrler und deutet mit einem breiten Lächeln auf zwei zehnjährige Mädchen, die Kaugummi kauend Hand in Hand die Strasse überqueren, als wir mit dem Auto vor dem Kiosk vorfahren. Und jene gebückt gehende alte Frau mit der übergrossen Handtasche ist auch eine. Heute gibt sie ihren Lottoschein ab, sagt Herr Ehrler, er würde ihr einen Gewinn gönnen. Dann öffnet er den Kofferraum und trägt den Nachschub ohne Eile ins Hinterzimmer seines Kiosks.




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