NZZ Folio 12/99 - Thema: Jesus   Inhaltsverzeichnis

Die Akte Jesus

Wer tötete den Mann aus Nazareth?

Von John Dominic Crossan

Wer tötete Jesus? Die Antwort auf diese Frage liegt für Leser des Neuen Testaments scheinbar nahe: Jesus wurde von der jüdischen hohepriesterlichen Autorität in Zusammenarbeit mit den imperialen römischen Machthabern hingerichtet. Für die ersteren hatte er sich der Gotteslästerung schuldig gemacht, letztere fürchteten seinen subversiven Einfluss. Bei näherer Betrachtung ergeben sich aber eine Menge historischer Probleme aus dieser Antwort.

Ein Problem ist das folgende: Wenn alle Einzelheiten den ersten Gefährten Jesu schon bekannt waren, warum waren dann die anderen Evangelisten (Matthäus, Lukas und Johannes) auf die Informationen von Markus angewiesen? Wenn es nämlich eine frühe mündliche Überlieferung dieser Geschichte gäbe, dürfte man erwarten, dass die Berichte aller Evangelisten entsprechende Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten aufweisen. Nicht aber, dass drei von ihnen offenbar nur aus Markus schöpfen und nichts anderes tun, als seine Fassung der Geschichte zu redigieren.

Ein anderes Problem: Warum sind viele Einzelheiten zu Zeit, Ort, Wort und Tat nur bei Markus zu finden, Einzelheiten, die während des ersten Jahrhunderts der Christenheit sonst überall unerwähnt bleiben? Paulus zum Beispiel interessiert sich zweifellos für seine eigenen Leiden um Jesu willen, erwähnt aber nirgends, nicht einmal nebenbei, die Einzelheiten des Todes Jesu. Auch Ignatius erwähnt in den Briefen, die während seiner triumphalen Reise von seinem Bischofssitz in Antiochien zum Ort seines Martyriums in Rom entstanden sind, keine der vielen Einzelheiten, die man in den Evangelien vom Tode Jesu findet (verlassen, verspottet, bespuckt, geschlagen, gegeisselt).

Und hier liegt das schwerwiegendste aller Probleme: Die Evangelien folgen sowohl in Einzelheiten als auch in grösseren Zusammenhängen und sogar im Szenario der Kreuzigung Mustern alttestamentarischer Texte, die von den Leiden zu Unrecht Angeklagter und ungerecht Verurteilter erzählen. Die Leiden Jesu werden also in einem Gewebe von Anspielungen auf frühere Leiden seines Volkes beschrieben. Er war nicht der erste Jude und würde auch nicht der letzte sein, der unter unsäglichen Leiden gestorben ist.

Man lese zum Beispiel Psalm 22 und wähle zwischen folgenden Möglichkeiten: Entweder stimmen die historischen Einzelheiten in diesem Psalm mit denjenigen des Todes Jesu zufällig überein, oder aber die Evangelisten haben den Psalmisten nachgeahmt. Meine eigene Rekonstruktion geht von der zweiten Möglichkeit aus und kommt zum Schluss, dass die detaillierten Szenen der Passionsgeschichte mit all ihrem Der-sagte-dies und Jener-tat-das nicht als erinnerte Geschichte zu nehmen sind, sondern als historisierte Prophetie. Die Evangelisten erzählen, wie Jesus gestorben sein muss, denn so haben die Gerechten von jeher den Tod gefunden. Bei der Leidensgeschichte haben sie aber ihrer Phantasie nicht einfach freien Lauf gelassen, sondern sie bemühten sich, die Tötung Jesu so zu schildern, dass sie möglichst an das vergangene unschuldige Leiden, an die Unterdrückung und die Hinrichtungen erinnerte, die dem eigenen Volk widerfahren waren. Man könnte die Kreuzigung ein kollektives Widerfahrnis nennen. Gegen diese Sicht der Dinge gibt es einen Einwand: Liegt uns nicht ein mit den Evangelien fast gleichlautender Bericht des jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus vor, der im letzten Jahrzehnt des 1. Jahrhunderts seine «Jüdischen Altertümer» schrieb? Von der Hinrichtung Jesu sagt er, dass ihn «Pilatus auf Betreiben der Vornehmsten unseres Volkes zum Kreuzestod verurteilte» (18,3,3). Damit bestätigt er die Annahme eines Zusammenwirkens der jüdisch-aristokratischen mit der römisch-imperialen Obrigkeit, und ich nehme an, dass Josephus mit den «Vornehmsten unseres Volkes» die Angehörigen der hohepriesterlichen Familie des Annas und seines Schwiegersohns Kaiaphas meint, die auch in den Evangelien erwähnt werden.

Im Bericht des Josephus fehlen allerdings einige wichtige Elemente der Passionserzählung. Zunächst fehlen natürlich die oben erwähnten vielfachen Anspielungen auf ältere biblische Berichte über unschuldig erlittene Qualen. Es fehlt auch jeder Hinweis darauf, dass Pilatus vom Volk der Stadt Jerusalem oder von der Tempelobrigkeit genötigt worden wäre, die Verurteilung zum Kreuzestod auszusprechen. Josephus deutet auch nirgends an, dass Pilatus Jesus für unschuldig hielt. Wenn man also annimmt, dass Hohepriester und Präfekt tatsächlich zusammenarbeiteten - was soll man dann von den Einzelheiten halten, die die Evangelisten berichten? Sind sie historisch korrekt? Pilatus ist einer der wenigen römischen Gouverneure von Palästina im ersten Jahrhundert, über den uns sowohl der jüdische Historiker Josephus als auch der jüdische Philosoph Philo unterrichten. Bei ihnen macht er zwar nicht eine so gute Figur wie in den Evangelien. Aber sie sprechen genau von dem, was uns hier interessiert: nämlich wie Pilatus mit Volksmengen umging und von seiner Rechtspflege. Josephus erwähnt sein brutales Vorgehen bei Massenaufläufen, auch gegen unbewaffnete Demonstranten: «Gleichwohl liessen die Juden von ihrer Hartnäckigkeit nicht ab, und da sie den Bewaffneten wehrlos gegenüberstanden, kamen viele von ihnen um, während andere verwundet weggetragen werden mussten. So wurde dieser Aufruhr unterdrückt» (18, 3, 2). So viel zu Pilatus' Umgang mit friedlichem Protest.

Das Bild, das Philo in seiner Schrift «Über die Gesandtschaft an Gaius» von Pilatus zeichnet, ist wahrscheinlich rhetorisch überzogen, betrifft aber auch dessen Verhalten gegenüber protestierenden Volksmengen und seine allgemeine Ungerechtigkeit: «Er war ein Mann unbeugsamen Charakters und zugleich sehr mitleidlos und sehr hartnäckig. Da waren seine korrupte Regierung, seine herausfordernde Unverschämtheit und seine Raubtaten und seine Gewohnheit, die Menschen zu beleidigen, und seine Grausamkeit und seine fortgesetzten Hinrichtungen ohne Gerichtsverhandlung und Urteil und seine nicht endende, willkürliche und höchst bedauerliche Unmenschlichkeit. Und stets war er ein Mann der wildesten Leidenschaften» (301?302). So viel zu Pilatus' Rechtsverständnis.

Und man erinnere sich, dass sechs Jahre später die römische Obrigkeit sowohl Pilatus als auch Kaiaphas absetzte. Ich nehme daher an, dass die Zusammenarbeit von Pilatus und Kaiaphas nicht so ausgesehen hat, wie die Evangelien berichten, sondern eher so, wie Josephus davon spricht. Weder das Volk noch Kaiaphas zwang Pilatus, den von ihm für unschuldig gehaltenen Jesus zu verurteilen. Kaiaphas und Pilatus gingen vielmehr gemeinsam gegen Jesus vor, der in ihren Augen die römische Ordnung und den jüdischen Frieden bedrohte.

Damit wäre die Frage nach der Täterschaft beantwortet. Eine andere sehr wichtige Frage bleibt aber offen: Warum zeichnen die Evangelien ein so unwahres Bild von der Rolle Pilatus' bei der Hinrichtung Jesu? Ist das einfach krude Propaganda, etwa nach der folgenden Logik: Wir wissen zwar, dass er ein römisches Kreuz trug, aber können wir die Römer nicht irgendwie auf unsere Seite bringen, selbst wenn wir zu diesem Zweck lügen müssen? Können wir nicht einfach den Juden die Schuld geben und die Römer entlasten? Ein Evangelium ist eine gute Nachricht oder frohe Botschaft. Das ist, was der Begriff meint und was das Neue Testament enthält. «Gut» ist immer abhängig vom Standpunkt des Urteilenden, und Nachrichten sind nur so lange aktuell, bis neue einlaufen. Ein Evangelium ist deshalb nicht Geschichte, obwohl es Geschichte enthält. Und es ist auch keine Lebensbeschreibung, obwohl es biographische Angaben enthält.

Matthäus zum Beispiel schrieb seine Passionsgeschichte bei Markus ab, aber nicht, ohne sie auf sein Publikum zuzuschneiden. Jesus selbst war zwar eine Figur der späten zwanziger Jahre. Doch bei Markus äusserte er sich zu Problemen der frühen siebziger und bei Matthäus zu Problemen der mittleren achtziger Jahre. Charakteristisch für die kanonischen Evangelien ist also eine seltsame Dialektik zwischen «Jesus - damals» und «Jesus - jetzt», eine starke Wechselwirkung zwischen einem Jesus, dessen Ort ein für allemal die späten zwanziger Jahre sind, der aber jeweils so spricht und handelt, als sei er ein Zeitgenosse der Evangelisten.

Ihren Lesern eine frohe Botschaft zu verkünden - das war das erklärte Ziel der Verfasser der Evangelien. Wenn wir von ihnen eine den Tatsachen entsprechende Berichterstattung verlangen, dann ist das unser Problem. Und wie sie die Worte und Taten Jesu den veränderten Zeitumständen anpassten, so haben sie auch seine Freunde und Feinde angepasst. So etwa wurde die Richtung der Christusgläubigen im Judentum im Laufe des ersten Jahrhunderts von einer wachsenden Zahl anderer Richtungen im Judentum abgelehnt, im gleichen Zug wachsen die Feinde Jesu in den Evangelien von «einer Menge» bei Markus über «das ganze Volk» bei Matthäus zu «den Juden» bei Johannes. Diese Entwicklung reflektiert durchaus eine historische Realität, allerdings nicht diejenige von Jerusalem im Jahre 30, sondern vielmehr diejenige verschiedener anderer Orte zwischen 70 und 95.

Welche auch immer die älteste Passionsgeschichte sein mag - manche sehen sie im Bericht des Markusevangeliums, andere im Bericht des ausserkanonischen Petrusevangeliums -, in beiden trägt die jüdische Obrigkeit die Hauptverantwortung für die Verurteilung Jesu, während die römische Obrigkeit nur zögernd einwilligt. So eben musste die Frohe Botschaft zur Zeit der Niederschrift dieser Texte in den frühen vierziger Jahren lauten. Damals nämlich war Herodes Agrippa I. König der Juden, wie vor ihm sein Grossvater Herodes der Grosse, und das gesamte Land der Juden war unter seiner Herrschaft. Selbstverständlich wurde er von den mächtigen Römern unterstützt, aber anders als zur Zeit des Pilatus gab es im Lande keinen römischen Präfekten.

In den ersten Berichten über die Kreuzigung Jesu, die vor allem zur Tröstung der Christen unter der herodianischen Verfolgung verfasst wurden (etwa in der Apostelgeschichte 12, 1?4), erscheint die römische Obrigkeit daher wohlwollend (wie immer, wenn sie weit weg war), die jüdische aber wirkt böswillig. Und daher auch erscheint Pilatus in den ersten evangelischen Berichten von der Passion Jesu im wesentlichen schuldlos, während Kaiaphas die Hauptschuld an der Hinrichtung Jesu trifft. Nichts von alledem ist historisch verbürgt, aber es wurde für wahr genommen; dieses Missverständnis war in der Vergangenheit sehr verhängnisvoll und kann es auch in Zukunft sein.


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