DIE ERINNERUNG an Schulzimmergeruch (Pelikanol, abgekaute Bleistifte), an Wandbilder mit Pfahlbauern und Höhlenbewohnern, die einen am Eingang des Landesmuseums in Erwartung von Steinäxten und Ritterrüstungen jäh anfällt, verflüchtigt sich, ehe sie einen richtig ergreifen kann: fast keine Ritterrüstungen mehr, kaum Steinäxte, überhaupt nicht mehr viel von dem, was einen all die Jahrzehnte seit dem verordneten Museumsbesuch von diesem Ort ferngehalten hat.
Natürlich ist man darob nicht nur erleichtert, sondern auch enttäuscht. Das eine bekommt Olga Sansone, Aufseherin im Museum, das gross und burgähnlich hinter dem Zürcher Hauptbahnhof steht, täglich mit: Da kommt der Grossvater mit dem Enkel und wird richtig böse, wenn nichts mehr an seinem Platz ist, oder schlimmer: gar nicht mehr da. Das andere empfindet sie selbst: Freude daran, dass aus dem Museum, in dem sie als Aufseherin arbeitet, der «Mief» so gründlich herausgelüftet worden ist.
Olga Sansone, die in ihrer Heimatstadt Neapel Romanistik studierte, hat Museen von früh auf geliebt. Als Kind bekam sie vom Vater zu Weihnachten stets auch ein Buch über ein Museum geschenkt, und wenn sie später etwas Geld übrig hatte, ging sie sich eins anschauen. Unterdessen hat sie Hunderte gesehen, ihr Leben an der Seite eines international tätigen Chemikers hat sie in alle Welt, bis nach Japan, geführt. Vor zwanzig Jahren liess sich die Familie in Wollerau, Schwyz, nieder, vor neun Jahren sind sie und ihr Mann und die drei Töchter Schweizer geworden, vor acht Jahren wollte sie nach einem erfüllten Leben als Ehefrau, Hausfrau und Mutter einen Job.
«The weapon room? This way, please.» Freundlich weist Olga Sansone einem schüchternen japanischen Paar den Weg. Sie versucht jeweils die Herkunft der Gäste zu erraten und staunt, wie viel schon ein paar Worte in deren Muttersprache ausrichten. Es ist nicht ihre Aufgabe, aber sie gibt gern auch Auskunft über die Exponate, über die sie eine ganze Menge weiss, weil sie regelmässig an Führungen teilnimmt. Ihre Aufgabe ist es, aufzupassen, und da hat sich in den neun Jahren ihr Blick geschärft. Wenn jemand etwas berührt, was nicht berührt werden darf, dann hat sie das immer schon kommen sehen. Wenn sie Kinder zurechtweist, bekommt sie von den Eltern nicht selten zu hören: «Wir bezahlen Steuern, wir dürfen das!» Hilfe hat sie noch nie holen müssen, in Olga Sansones Liebenswürdigkeit steckt jene selbstverständliche Autorität, die man sich in der Firma namens Familie erwirbt.
Abends müssen die Aufsichtspersonen das Museum kontrollieren: sichergehen, dass sich kein Besucher mehr darin aufhält, Türen schliessen oder öffnen - wie es das Sicherheitskonzept eben befiehlt. Einmal hatte sich am Eingang das Hündchen einer Dame, während diese heftig Einlass begehrte (Hündchen dürfen aber nicht hinein), von der Leine befreit, war durch Waffensaal und Trachtenzimmer und historische Interieurs geflitzt und hatte die Alarmanlage ausgelöst.
Auf einem Stühlchen neben der Tür sitzen und aufpassen wäre nicht Frau Sansones Ding, sie sitzt überhaupt nicht während der Arbeit; die Aufsichtspersonen, die sich zu dritt eine Schicht teilen, haben zu patrouillieren. Am regsten ist das Museum in den Sommerferien besucht, Rekorde bringen aber, wie wohl in allen Museen der Welt, die Regensonntage. Olga Sansone hat eine 35-Prozent-Stelle. Früher waren die Aufsichtspersonen fast nur Frauen, deren Kinder aus dem Haus waren, jetzt sind es vermehrt auch Männer: Künstler etwa, die neben ihrer Kunst einen sicheren Job brauchen.
Ihr liebster Raum ist der mit den Kachelöfen, die Familiengeschichten erzählen, ihr Lieblingsstück der Ofen von 1698 von David und Heinrich Pfau. Sie erlebte, wie er («von einem Maestro!») neu gesetzt worden ist. Sie verfolgt immer mit Spannung, wenn neue Ausstellungen entstehen wie gerade die über Leonardo da Vinci. Und ruft, wie sie einen mit Besitzerstolz durch die Räume führt, immer wieder: «Schauen Sie nur: wie schön!»
Sie mag ihr Museum, und - man merkt es an der Art, wie man ihr überall begegnet - ihr Museum mag sie.