NZZ Folio 09/91 - Thema: Die Mafia   Inhaltsverzeichnis

Wunderblock -- Sollte gar Tiberius . . .?

Von Daniel Weber

Seit es ihn gibt, ist der grösste Feind des Touristen der Tourismus. «Sprechen deutsch»: Längst hängen die Schilder überall, muntere Insignien der Weltläufigkeit, die der weltläufige Tourist verbittert zur Kenntnis nimmt. Wovon wegzukommen er aufbrach, ist immer schon da. Kaum mehr eine Aussicht ohne Eintritt, und wo immer es etwas zu sehen gibt, gilt es, sich mit den Ellenbogen der Ellenbogen Gleichgesinnter zu erwehren.

Aber damit soll es auf den zehn Quadratkilometern einer einschlägigen touristischen Hochburg vorbei sein. Costantino Federico, Bürgermeister von Capri, lässt den Fährbetrieb zur Insel reduzieren; er zwingt die Ladenbesitzer, ihre Neonschriften abzumontieren und durch Schilder aus Holz oder Metall zu ersetzen; und bei Androhung von Busse verbietet er den Reisegruppen, zu lange am selben Ort stehenzubleiben. Alles Massnahmen, die der Bürgermeister zur «Wahrung des Inselcharakters» veranlasst hat.

Scheint da unversehens eine Vision auf, die schon einmal einer auf Capri hatte? Kaiser Tiberius war aus Rom auf die Insel gekommen. Was ihn dort bleiben liess, war die Vorstellung, unerreichbar zu sein, fern von den Staatsgeschäften - und nicht nur von ihnen. Dem unwillkommenen Fischer, der todesmutig die Klippen bezwungen hatte, um dem Kaiser seinen Fang zu schenken, liess Tiberius wütend mit einem Krebs das Gesicht zerfleischen. Und manch ein vornehmerer Besucher wurde auf sein Geheiss vom Felsen gestossen, auf dem sein Palast thronte.

So weit wird Costantino Federico nicht gehen wollen. Als kluger Mann wird er wissen, dass sein Kampf nicht zu gewinnen ist; aber wenigstens ehrenvoll verloren werden kann.




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