NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Die Frauen und der Bell Captain

© Wim Wenders
Fès, Marokko, 2006. Linktext
In der arabischen Welt keimt der Freiheitsdrang der Frauen – trotz wachsendem Einfluss der Islamisten. Nicht zuletzt wirtschaftlicher Druck führt vielerorts zur Einsicht, dass man die zweite Hälfte der Menschheit nicht länger ins Haus sperren kann.

Von Anja Jardine

Es herrschte ein für revolutionäre Zellen ungewöhnlicher Umgangston, anstelle von Kampfparolen war oberste Etikette geboten: «Im Namen Gottes, des Gnädigen und Mitfühlenden, freue ich mich, Ihre Hoheit Sheikha Sabeka Bint Ibrahim al-Khalifa, Gattin Ihrer Majestät des Königs von Bahrain, Ihre Majestät Königin Rania Al-Abdullah von Jordanien, Ihre Exzellenz Suzanne Mubarak, Gattin des Präsidenten von Ägypten, Ihre königlichen Hoheiten und Exzellenzen, ehrenwerte Gäste, Damen und Herren, begrüssen zu dürfen.»

Im November 2006 trafen sich in Bahrain die First Ladies aus 20 arabischen Nationen beziehungsweise deren Repräsentantinnen, um die Weltordnung in Frage zu stellen. Es ging darum, wie der weiblichen Hälfte der Einwohner arabischer Länder, immerhin 150 Millionen Frauen, zu einem angemessenen Platz in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verholfen werden könne. Auch Frauenrechtlerinnen der Vereinten Nationen sowie der Europäischen Union nahmen an dem dreitägigen Gipfeltreffen teil; ausserdem Vertreter regional agierender Nichtregierungsorganisationen, die sich gegen Gewalt und Unterdrückung der Frauen einsetzen. Ihrer aller Vision: die Gleichberechtigung der Geschlechter als Schlüssel zu Fortschritt, Entwicklung und Frieden in der arabischen Welt.

Ein Ansatz, den der «Human Development Report» der Vereinten Nationen aus dem Jahre 2002, erstellt übrigens von arabischen Autoren, durchaus stützt. Die Untersuchung zum «Zustand der menschlichen Entwicklung» sieht – neben der geringen Freiheit aller Bürger sowie dem Mangel an Bildung – in der Rechtlosigkeit der Frauen eine der drei Hauptursachen für die desolate Lage der arabischen Länder. Davon sind die arabischen Frauenrechtlerinnen schon lange überzeugt. Neu allerdings ist, dass sich die mit Macht und Privilegien ausgestatteten Ehefrauen der Könige, Scheichs, Emire, Präsidenten und Diktatoren für diese Bewegung engagieren oder zumindest vorgeben, dies zu tun.

Die Region ist im Umbruch. Der Tod von König Hussein von Jordanien, des Emirs Isa bin Salman von Bahrain und König Hassans II. von Marokko sowie des Präsidenten Hafiz al-Asad von Syrien, die allesamt fast ein halbes Jahrhundert an der Macht waren, hat einen Führungswechsel im arabischen Raum eingeläutet. Stellt sich die Frage, wie sich die neuen Männer den Herausforderungen stellen. Werden sie mehr Demokratie wagen? Rechtsstaatlichkeit verwirklichen? Korruption und Selbstbedienungsmentalität ein Ende setzen, um den wirtschaftlichen Niedergang zu stoppen? Die Frischzellenkur gibt in Marokko, Jordanien und Bahrain Anlass zur Hoffnung: Die neuen Staatschefs fahren einen deutlich wirtschaftsfreundlicheren Kurs, erlauben mehr Mitbestimmung, scheinen die starren Machtverhältnisse aufbrechen zu wollen. Die Frauen an ihrer Seite jedenfalls gelten als Indiz für Modernisierung und Reform.

Salma Bennani, die Frau des marokkanischen Königs Mohammed VI., ist Computerexpertin. Sie tritt unverschleiert an der Seite des Monarchen auf und ergreift durchaus auch das Wort, während es von Latefa, der Mutter des Königs, bis heute kein Bild gibt. Latefa war als Geschenk eines Berberstamms in den Harem von Mohammed V. geraten und mit dessen Sohn Hassan II. verheiratet worden, dem Vater des heutigen Königs. Als Hassan II. 1999 starb, löste sein Sohn als erstes dessen Harem auf, in dem neben seiner Mutter auch noch zwanzig gealterte Konkubinen seines Grossvaters lebten. Mit Harems ist nun Schluss. König Mohammed VI. hat nicht nur die Polygamie im Lande verboten, sondern auch das modernste Personenstandsgesetz der Region erlassen, das den Frauen einen eigenen Rechtsstatus sichert.

Asma Asad, die knapp 30-jährige First Lady Syriens, wurde in London geboren und arbeitete als Analytikerin bei der Deutschen Bank und JP Morgan. Drei Monate nach ihrer Hochzeit trat sie ohne Schleier und mit knielangem Rock im Fernsehen auf, was als politisches Signal gedeutet wurde. Sie hat offiziell ein eigenes Büro im Regierungspalast und nimmt an Begegnungen mit internationalen Würdenträgern teil. Ihr Mann hat erstmals Posten in der Justiz an Frauen vergeben und eine Sozialministerin ernannt.

Königin Rania von Jordanien arbeitete für Apple Computer und Citibank, bevor sie König Abdullah heiratete. Sie sitzt im Vorstand des World Economic Forum sowie zahlreicher anderer Organisationen, äussert sich explizit zu kontroversen Themen wie dem Israel-Palästina-Konflikt, wird international auch ohne Ehemann empfangen, von politischen Magazinen interviewt, als einflussreiche Persönlichkeit wahrgenommen.

Dennoch überrascht es, dass die Ehefrauen von Monarchen und fast allmächtigen Regierungschefs einen demokratischen Prozess in Gang zu setzen versuchen. Sheikha Sabeka, die First Lady von Bahrain, reiste 2002 durchs Land, um ihre Geschlechtsgenossinnen zu ermutigen, vom neugewonnenen Wahlrecht Gebrauch zu machen. In den Golfstaaten scheint eine Art Wettstreit ausgebrochen, wer am fortschrittlichsten sei, was die politischen Rechte der Frau anbelangt. Oman gewährte den Frauen 2000 das Wahlrecht, Katar 2003 und Kuwait 2006. Nur in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudiarabien sind die Frauen noch stimmenlos. Katar ernannte prompt nach der ersten Wahl das erste weibliche Kabinettsmitglied; mittlerweile halten Frauen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar, Bahrain und Oman Ministerposten inne. Bahrain wählte die erste Frau an die Spitze der Industrie- und Handelskammer und berief im September 2006 eine Frau zur Präsidentin der Uno-Vollversammlung. Wie Trophäen werden die wenigen Damen in den Spitzenpositionen präsentiert. Auffällig ist allerdings, dass diese Frauen immer entweder den Herrscherfamilien entstammen oder aber zumindest der oberen Gesellschaftsschicht.

In der Lobby des Safir International Hotel in Kuwait City ist es kühl wie in einer Gruft, während die Welt draussen bei knapp 50 Grad ihren Aggregatszustand verändert; die Skyline der sandfarbenen Bauklötze verschwimmt unter flirrender Hitze. Mit wehenden Rockschössen ihres bodenlangen Gewandes kommt Fatima al-Abdali angerauscht. Das Handy ans Kopftuch gepresst, bestellt sie einen Fruchtsaft und hockt sich auf die Sesselkante, Fatima hat nicht viel Zeit, sie muss zurück aufs Ölfeld. Sie ist Ingenieurin der Kuwait Oil Company und Aktivistin der kuwaitischen Frauenbewegung. Das Engagement der First Ladies quittiert sie mit einem Schulterzucken. «Die Eliten spüren, dass die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten ist, und statt von ihr überrollt zu werden, stellen sie sich lieber an die Spitze der Bewegung», sagt Fatima al-Abdali. «Die Kunst liegt für die Damen darin, gerade so viele Reformen zuzulassen, dass das Machtgefüge nicht kollabiert.»

Fatima ist eine zierliche Person, elegant gekleidet, sorgfältig geschminkt, mit sanfter, aber fast einschüchternder Autorität. Als im Juni 2006 bekannt wurde, dass die Frauen in Kuwait zum ersten Mal bei den Parlamentswahlen dabei sein würden, hat Fatima sich unverzüglich als Kandidatin aufstellen lassen. Mehr als fünfzehn Jahre hatte sie für diesen Moment gekämpft, mit einer höchst eigenwilligen Methode: Sie war Jahr für Jahr in die Registrierstelle ihres Wahlbezirks gegangen, um ihren Namen in die Wählerliste aufnehmen zu lassen. Da laut Verfassung alle Bürger in Kuwait seit über 40 Jahren gleichberechtigt sind, hielt es Fatima geradezu für ihre Bürgerpflicht, den Staat an sich zu erinnern.

Und Jahr für Jahr bat sie die Herren, ihr schriftlich zu bescheinigen, dass man ihren Namen nicht notiert habe. Das taten die Beamten gern, denn Ordnung musste sein, und so dokumentierten sie geflissentlich den Verfassungsbruch. Fatima dankte höflich, und ohne dass das Lächeln aus ihrem Gesicht wich, pflegte sie hinzuzufügen: «Seien Sie versichert: Bis zur nächsten Parlamentswahl setzen wir die Verfassung in Kraft.» So benehmen sich Feministinnen in Kuwait.

Im Wahlkampf diesen Sommer hat sie sich weder von Todesdrohungen noch von Verschandelungen ihrer Wahlplakate einschüchtern lassen, hat in Begleitung eines männlichen Verwandten die Diwaniyas, die exklusiven Teezirkel der Herren, aufgesucht, um ihr Programm vorzustellen, und hat schliesslich, wie ihre 28 Mitbewerberinnen, doch kein Mandat erhalten – obwohl 57 Prozent der 340 000 Wahlberechtigten weiblich sind. «Den Wählerinnen fehlt es noch an politischer Reife, die meisten machen ihr Kreuz dort, wo ihr Mann es sagt. Sie sind den Stammestraditionen genauso verhaftet wie die Männer.» Diese Strukturen aus Beduinenzeiten haben alles – von der industriellen Revolution über die Einführung der Verfassung bis hin zur Globalisierung – ohne einen Kratzer überstanden.

Die Kuwaiter waren, wie ihre Nachbarn am Golf, Seeleute, sind nach Perlen getaucht und haben Boote gebaut. Aus der Luft haben ihre Städte mit den verschachtelten Lehmmauern ausgesehen wie Geduldspiele, bei denen man ein Kügelchen in die Mitte eines Labyrinths bewegen muss. Und dort, in den abgeschotteten Höfen ihrer Häuser, sassen die Frauen – von der Geburt bis zur Bahre, haben am Meer gewohnt und das Meer nie gesehen. Selbst die Stimme verlauten zu lassen, war: harram! Verboten im Namen der Ehre. Der kleinste Regelverstoss bedeutete die Todesstrafe.

Als in den 1940ern klar wurde, dass die Region förmlich auf Öl schwimmt, modernisierte sich vor allem Kuwait radikal. Die Lehmstadt wurde eingestampft, eine neue aus Beton gegossen. Fotografien aus den 1960ern zeigen Frauen in knielangen Kostümen mit kurzem Haar. Die höheren Töch ter studierten im Ausland und gingen arbeiten. «Wir waren einst die Avantgarde am Golf, wir durften als erste zur Schule gehen, studieren, Auto fahren, den Schleier abnehmen. Sogar das Wahlrecht hatten wir nach der Invasion so gut wie in der Tasche», sagt Fatima. Als irakische Soldaten 1990 in Kuwait einmarschierten, um das Emirat Saddams «Mesopotamischem Grossreich» als 19. Provinz einzuverleiben, waren es die Frauen, die den Laden während der sieben Monate Besatzung am Laufen hielten. Sie haben Lebensmittel beschafft, Flugblätter gedruckt, den Widerstand organisiert – auch den bewaffneten. «Dieses Foyer hier zum Beispiel», sagt Fatima nicht ohne eine Spur Genugtuung, «wurde von einer Frau in die Luft gesprengt.»

Als der Emir seinen Thron wieder eingenommen hatte, versprach er, die Frauen zukünftig an der Politik zu beteiligen, doch das war schnell vergessen. «Das Frauenthema», erklärt Fatima, «ist ein Spielball der Herren.» Was bedeutet: Es wird dann aufgebracht, wenn man der gegnerischen Seite etwas zum Ablehnen anbieten muss, damit etwas anderes durchkommt. Am Spiel beteiligt sind – wie in den meisten arabischen Staaten – die Herrscherfamilien auf der einen Seite sowie Islamisten und Liberale auf der anderen.

In den 1990er Jahren erlebten die Islamisten starken Zulauf, an den Schulen und Universitäten in Kuwait wurde wieder die Geschlechtertrennung eingeführt. Ursache für diese Strömung war unter anderem die wohl nicht ganz unberechtigte Furcht, die Amerikaner könnten ihre Präsenz am Golf als Einfallstor westlicher Lebensart nutzen. Solange die Frauen sich «ihrer Natur entsprechende» Aufgaben suchten, also Krankenpflege, Lehramt, Sachbearbeitung im Sozialministerium, war alles in Ordnung. Als sie jedoch zielstrebig andere Posten anvisierten, ging ein besorgtes Raunen durch die Diwaniyas. Kurzerhand erliessen die Herren ein Gesetz, das es den Frauen nahelegt, mit 35 Jahren in Pension zu gehen, besser noch, sobald das erste Kind kommt. Heilige Mutterpflicht. Vor allem die Jungen sind hin und her gerissen.

Unvergessen die Begegnung mit einer selbstbewussten jungen Frau im Informationsministerium. Auf die Frage, ob sie von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht habe, antwortete sie mit weit aufgerissenen Augen: Frauen sollten sich nicht mit Politik beschäftigen, sie seien zu emotional, um rational zu denken. Diese Frau leitete die EDV-Abteilung des Ministeriums. Ein Widerspruch, der symptomatisch scheint für die Identitätssuche einer ganzen Generation. Jeans neben Burka, Highheels unter der Abaya, Tanktops oben drüber. Lidschatten in Nonnengesichtern. Tausendundeine Nacht, Gottes Wille und MTV.

Es sind Frauen wie die Ingenieurin Fatima al-Abdali, die wohl am ehesten Veränderungen bewirken können. Sie haben in den USA oder Europa studiert und sind beruflich erfolgreich in Männerdomänen vorgedrungen. Sie haben ein Verhältnis zu Gott entwickelt, das von Islamisten nicht instrumentalisiert werden kann. «Der Koran ist nicht das Problem», sagt Fatima. «Der Prophet lässt keinen Zweifel daran, dass Männer und Frauen gleichwertig sind.» Aktivistinnen wie Fatima entstammen der Mittelschicht, sind anders als die Frauen der Elite nicht am Erhalt der Clanstrukturen samt eigenen Privilegien interessiert.

Doch gerade diese Mittelschicht ist marginal. Die arabischen Länder haben eine andere Sozialstruktur als die europäischen: Es gibt 10 Prozent Superreiche, 20 bis 30 Prozent überwiegend schlechtbezahlte Beamte und Angestellte, die die Mittelschicht ausmachen, und Millionen Menschen in Armut, die sich von Tag zu Tag schleppen. In den Golfstaaten sind dies die Fremdarbeiter: eine Heerschar rechtloser Heinzelmännchen aus Bangladesh, Indien oder den Philippinen, die den Einheimischen rund um die Uhr zu Dienste stehen. Fremdarbeiter zu sein und weiblich, ist übrigens so ziemlich der rechtloseste Zustand, den ein Mensch in den Golfstaaten haben kann, wie Amnesty International 2005 herausfand: Die Frauen werden zum Teil wie Arbeitssklaven gehalten.

Das Wahlrecht gilt Aktivistinnen wie Fatima als Schlüssel zu allen weiteren Veränderungen: im Strafrecht, im Scheidungs-, im Erb- und im Persönlichkeitsrecht. Ohne die Erlaubnis des Vaters dürfen in Kuwait selbst Vierzigjährige nicht heiraten. Alleinerziehende Mütter, die selbstverständlich wieder bei den Eltern leben, bedürfen der Zustimmung des Kindsvaters, um für das Kind auch nur ein Sparkonto zu eröffnen. «Unsere Situation ist paradox», sagt Fatima. «Sehen Sie mich an: Als Expertin meines Fachbereiches vertrete ich mein Land in offiziellen Delegationen auf internationalen Konferenzen, doch um einen Reisepass zu beantragen, muss ich meinen Mann um seine Unterschrift bitten.»

Doch der Druck auf das System wächst. Seit seiner Entdeckung erledigt das Öl die volkswirtschaftliche Wertschöpfung in der Region fast allein, der Staat hat seine Bürger von aller Mühsal freigekauft. 93 Prozent aller berufs tätigen Kuwaiter stehen bei ihm im Dienst. Das kann nicht ewig so weitergehen. Schon heute kann der absurd aufgeblasene Staatsapparat das Bevölkerungswachstum von jährlich 4 Prozent nicht mehr absorbieren. Und eines Tages, mag er auch fern sein, wird das schwarze Gold versiegen, man schätzt in spätestens 100 Jahren. Gott möge verhüten, dass zuvor ein alternativer Kraftstoff erfunden wird, der das Öl ersetzt.

In jedem Fall ist es an der Zeit, die Wirtschaft zu diversifizieren: Tourismus, Dienstleistungen, Bankwesen, irgendetwas. Parallel dazu, so der Plan, sollen die Emirate «emiratisiert» werden. Eigens zu diesem Zweck wurde in Abu Dhabi die Behörde Tammia gegründet, denn bisher sind in den Vereinigten Arabischen Emiraten nur 10 Prozent aller Arbeitsplätze von Einheimischen besetzt. In Zukunft sollen Schlüsselpositionen in Unternehmen und staatlichen Institutionen von Einheimischen übernommen werden. Deswegen werden nun auch Frauen angehalten, eine aktive Rolle im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben zu spielen. Sheikha Fatima Bint Mubarak hat eine Stiftung zur Förderung junger Frauen für künftige Führungspositionen gegründet. Als Vorbild thront über allen Wirtschaftsministerin Sheikha Lubna al-Quasimi, die erste arabische Frau in einem solch zentralen Amt.

«Kennen Sie den?» fragt der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen; er heisst Gaffah, ist Inder und seit 30 Jahren in Kuwait. «Ein Wissenschafter kommt vor der Invasion zum ersten Mal nach Kuwait und bemerkt, dass die Frauen auf der Strasse grundsätzlich hinter ihren Männern herlaufen. Als er nach der Befreiung zurückkehrt, ist er überrascht, zu sehen, dass die Frauen nun vor ihren Männern gehen. ‹Der Status der Frau hat sich in kurzer Zeit enorm verbessert›, sagt er freudig zu einem Kuwaiter, ‹was hat diesen Fortschritt bewirkt?› – ‹Landminen›, antwortet der Mann.» Und Gaffah will sich totlachen.

London, England. «Sogar der Prophet hat eine Geschäftsfrau geheiratet. Khadija war ihr Name, sie war sein Boss, sie hat ihn rekrutiert», sagte Wirtschaftsministerin Sheikha Lubna mit Schalk im Blick, und das Publikum staunte. 300 überwiegend weibliche und überwiegend arabische Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik hatten sich im Mai 2006 im Mansion House, dem Herzstück des Londoner Finanz- und Wirtschaftsdistrikts, versammelt. Anlass war das Fünf-Jahre-Jubiläum des Arab International Women Forum (AIWF). Unter dem Motto «Brücken bauen, Geschäfte machen» haben sich 2000 Ökonominnen, Politikerinnen, Journalistinnen, Architektinnen, Ingenieurinnen, Unternehmerinnen, Anwältinnen, Maklerinnen, Designerinnen aus 22 arabischen und 15 nichtarabischen Ländern zusammengetan, um Frauen zu vernetzen.

«Wir sind keine Suffragetten», sagt Haifa Fahoum al-Kaylani, die Gründerin des AIWF, mit Nachdruck. «Ich bin Ökonomin, nicht Feministin.» Haifa hat einen festen Händedruck, das Gebaren eines CEO und kann ihr Lächeln an- und ausknipsen, wie Menschen es vermögen, die es gewohnt sind, zu repräsentieren. «Man geht davon aus, dass in der arabischen Welt bis zum Jahre 2020 etwa 80 Millionen Arbeitsplätze geschaffen werden müssen, um die Spirale aus Arbeitslosigkeit und Armut zu unterbrechen, das bedeutet ein jährliches Wachstum von 7 Prozent! Langsam sickert die Erkenntnis durch, dass es sich kein Land leisten kann, die Hälfte seines Humankapitals brachliegen zu lassen.»

Als global agierende Geschäftsfrau und Ehefrau eines Botschafters bewegt Haifa sich seit Jahrzehnten auf internationalem Parkett, und immer wieder ist sie fassungslos, mit welchem Erstaunen ihr die Menschen begegnen: «Was, Sie sind wirklich Araberin?» Das im Westen verbreitete Stereotyp der arabischen Frau – eine diffuse Mischung aus schmachtenden Haremsdamen und den mit unzähligen Tüten beladenen Türkinnen, die drei Meter hinter ihren Männern durch westliche Metropolen schlurfen – hat Haifa stets empört. Und statt immer wieder zu erklären: «Ja, ich habe studiert, ich kleide mich westlich und bin trotzdem Muslimin, bin berufstätig, spreche fünf Sprachen», hat sie irgendwann beschlossen, arabische Frauen als Botschafterinnen ihrer selbst einzuladen. «Menschen müssen sich begegnen, um einander zu verstehen.» So fing es an.

Als nichtreligiöse und nichtprofitorientierte Nichtregierungsorganisation kooperiert das AIWF mit den ganz Grossen: der Europäischen Union, den Vereinten Nationen, Unifem, der Weltbank, der Arabischen Liga und wird finanziell unterstützt von Firmen wie Shell, Pepsico, GM, IBM und PricewaterhouseCoopers. Die Damen haben in Konferenzen unter dem Dach der EU in Brüssel und dem der Arabischen Liga in Kairo konkrete Empfehlungen erarbeitet, um die Frauen als «Motoren der Wirtschaft» zu etablieren. «Wenn Frauen sich entwickeln können, gedeihen Familien und Kommunen», sagt Haifa, das hätten viele einschlägige Projekte wie zum Beispiel die Vergabe von Mikrokrediten an Frauen bewiesen. «In vielen arabischen Ländern wird die Kluft zwischen Arm und Reich immer grösser. Nur wenn wir in Ausbildung, in Informationstechnologie investieren und im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen Wachstum schaffen, können wir die Extremisten isolieren.»

Königin Rania von Jordanien bezeichnet Fundamentalisten als «Steinzeitmenschen mit der technischen Ausstattung des 21. Jahrhunderts». Die Abneigung ist gegenseitig. Islamisten und Konservativen im Land ist die junge Königin ein Dorn im Auge. Als sie 2002 mit König Abdullah ein Footballspiel besuchte, skandierten Zuschauer: «Lass dich von ihr scheiden! Lass dich von ihr scheiden!» Doch der Monarch behauptet, Rania sei nicht nur seine Liebe auf den ersten Blick gewesen, sondern auch in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild seiner Gedanken. Sie ist die Tochter eines Arztes, der 1967 aus dem Westjordanland nach Kuwait geflohen war, wo Rania aufwuchs, bevor sie an der Amerikanischen Universität in Kairo studierte. Sie entstammt der Mittelschicht, und ihr unermüdliches Engagement gilt der Schaffung eines umfassendes Bildungswesens.

So haben Rania al-Abdullah und ihr Mann mit dem World Economic Forum und dem amerikanischen Hightechgiganten Cisco Systems eine Initiative gestartet, die internetgestütztes Lernen im Mittleren Osten etabliert. Zwei Drittel der Studenten sind Frauen. Rania hat in Zusammenarbeit mit Unifem, einem Uno-Entwicklungsfonds, unter dem Namen e-Village ein Projekt lanciert, das Frauen auf dem Lande den Anschluss ans Computerzeitalter ermöglicht. Und allein in diesem Jahr haben König Abdullah und sie 3 Milliarden Franken für die Ausbildung jordanischer Jugendlicher gespendet. Dieses Engagement zeigt Früchte: Im Vergleich zum Durchschnitt der arabischen Welt, wo die Analphabetenrate der Frauen bei 50 Prozent liegt, können 85 Prozent der Frauen in Jordanien lesen und schreiben.

Zudem hat König Abdullah 2003 eine Frauenquote im jordanischen Parlament eingeführt (6 von 110 Sitzen), 7 Frauen in den Senat berufen (55 Sitze) und 3 Frauen ins Kabinett. Dennoch sind die politischen Kräfte noch immer so gelagert, dass Rania mit manchem Anliegen scheitert. So wies das Parlament von ihr unterstützte Anträge zur Änderung des ungerechten Scheidungsrechts sowie zur Anhebung des Mindestheirats alters für Mädchen von 15 auf 18 zurück. Auch gegen sogenannte Ehrenmorde an Frauen, die angeblich Schande über die Familie gebracht haben, sowie gegen den extrem milden Umgang mit deren Mördern hat sie bisher nichts ausrichten können. Und so geht sie andere Wege.

Am Tag der Menschenrechte besucht sie zum Beispiel eine Schule. Dann marschiert diese sagenhaft schöne Frau mit langem, offenem Haar, schicken Kleidern und hohen Absätzen – eine Königin wie ein Popstar – ohne jedes Brimborium in ein Klassenzimmer voller Mädchen in dunkelblauer Uniform und mit verschleiertem Haar und liest mit schulmeisterlichem Ton: «Freiheit bedeutet, dass es keine Diskriminierung geben darf aufgrund von Rasse, Sprache, Religion, Politik, Herkunft oder Geschlecht. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.» Es ist ein Text eng in Anlehnung an die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Die Königin ist schon längst wieder weg, da ist das Strahlen in den Augen der Mädchen noch immer nicht erloschen.

Kairo, Ägypten. Egal zu welcher Stunde, immer scheint es, als seien alle 20 Millionen Einwohner gerade am Midan al-Tahrir versammelt und versuchten, ohne jedes Hilfsmittel in Form einer Ampel, geschweige denn einer Verkehrsregel, sich ihren Weg über den Platz zu bahnen mit seinen aus allen Richtungen und Höhen anlandenden, sich kreuzenden Strassen. Hier steht nicht nur die Amerikanische Universität, an der Königin Rania studiert hat, sondern auch das «Mugamma» – ein Gebäude wie steingewordene Ohnmacht: das Zentrum der ägyptischen Bürokratie. Es gibt einen Spielfilm, in dem ein Mann hier eine Lappalie zu erledigen hat und nach drei Tagen vergeblicher Bemühungen, sich Gehör zu verschaffen, zum Terroristen mutiert. Eine Geschichte, die Symbolcharakter hat für die mentale Verfassung der Nation. Es herrscht Frust.

Bildungs- und Gesundheitswesen sind eine einzige Katastrophe, Arbeitslosigkeit und Lebenshaltungskosten steigen, die Muslimbrüder gewinnen an Einfluss, die Mittelschicht verarmt, Präsident Hosni Mubarak bringt keine Reformen zustande. Mit dem Wegbrechen staatlicher Infrastruktur wird von Regierung und Religion immer lauter das Hohelied der Familie angestimmt. Es bleibt auch gar nichts anderes übrig: Junge Leute können sich weder eine eigene Wohnung noch die Brautgabe leisten, um zu heiraten, und so bleiben sie immer länger im Haus der Eltern. Ein Ort der Geborgenheit natürlich, vor allem aber kleinste wirtschaftliche Einheit und Kontrollzentrum.

Miral al-Tahawi wurde noch als bald 30-jährige Lehrbeauftragte der Universität von einem ihrer Brüder zur Arbeit begleitet und abgeholt – ein Gefallen, um den sie die Brüder bitten musste, andernfalls hätte sie den Job gleich kündigen können. Überhaupt musste sie seit dem Tod des Vaters jede Lebensentscheidung mit den fünf Brüdern diskutieren. Das war auch für die kein Zuckerschlecken: «Ich wollte raus – ohne Begleitung! Auf Reisen gehen, weiterstudieren, auf keinen Fall einen Cousin heiraten.»

Miral stammt aus einer Beduinenfamilie in Sharqiyya im Nildelta. Sie ist Schriftstellerin, ihr erster Roman erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in einem von einer hohen Mauer umgebenen Haus aufwächst. Ihr Leben lang versucht sie, Bäume hochzuklettern, um zumindest einen Blick in die Welt zu erhaschen. Sie stürzt immer wieder ab und bricht sich die Beine, bis sie am Ende nicht mehr laufen kann. Als alte Frau entdeckt sie, dass das grosse Tor nur noch angelehnt ist, doch für sie ist es zu spät.

«Das Zelt» wurde in 14 Sprachen übersetzt, Journalisten aus aller Welt kamen, um Miral zu interviewen, luden sie zu Lesungen in ihre Länder ein, und irgendwann wurde der logistische Aufwand zur Bewachung dieser Schwester so gross, dass die Brüder entnervt der Heirat mit einem Journalisten aus Kairo zustimmten, den Miral selbst auserwählt hatte. Als verheiratete Frau darf sie sich in Kairo allein bewegen und reist auch allein ins Ausland. «Aber das Problem der Freiheit», sagt Miral, «ist nicht nur ein juristisches, es liegt auch darin, dass die Psyche darauf trainiert ist, sich zu unterwerfen.»

Miral hat «Das Zelt» ihrem Körper gewidmet. «Ich habe den Schleier abgelegt, als ich entschieden habe, mich nicht länger für meinen Körper zu schämen. Es ist die Doppelmoral, die mir zuwider ist.» Sex vor der Ehe ist verboten, aber sich im Gedränge im Bus an der nächsten Mitbürgerin zu reiben, nicht. Sexuelle Belästigung ist ein grosses Problem in Kairo. Und weil Miral solche Missstände benennt, steht ihr Name im Internet auf einer Liste sogenannter Feinde des Islam. «Doch das bin ich nicht», sagt Miral. «Worum es hier geht, sind Menschenrechte.»

Mauretanien, Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Somalia, Sudan, die Komoren, Djibouti, Bahrain, Jemen, Katar, Oman, Saudiarabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, der Irak, Jordanien, Kuwait, Libanon, Syrien und das palästinensische Autonomiegebiet: Das sind die Mitgliedstaaten der Arabischen Liga. Für viele Ägypter hat Gamal Abdel Nasser, der grosse Volkstribun, die Vision von der «Arabischen Einheit» verkörpert; überhaupt stand die Nasser-Ära für Fortschritt und Modernisierung. Doch der Traum scheint ausgeträumt, zu unterschiedlich sind die Interessen der 22 arabischen Nationen.

Vielleicht ist es da ein Zeichen der Hoffnung, dass am sterbenden Ast der Liga nun die Arab Women Organization keimt, jene Organisation, die regelmässig nicht nur die First Ladies, sondern vor allem die zahlreichen Basisaktivistinnen zusammentrommelt, um das Unrecht gegen Frauen zu bekämpfen. Frauenrechte sind Menschenrechte.

Das letzte Wort hat der Bell Captain. Eigentlich ist er jetzt Taxifahrer, aber bis vor kurzem war Ibrahim der Boss aller Kofferträger und Liftboys im «Marriott». Die Fahrt zum Flughafen ist zäh, überall Stau, und Ibrahim erzählt gern: «Ich war letztes Jahr in Mekka. Danach habe ich mein Leben geändert und den Job gekündigt. Zwanzig Jahre lang war ich Bell Captain, ein einflussreicher Job. Aber ich war ein schlechter Mensch. In allen Restaurants und Clubs war ein Tisch für mich reserviert, weil ich Gäste dorthin geschickt habe, Alkohol, Mädchen, das Geld kam und ging, Sie wissen schon. Das Schlimmste waren die Ladies vom Golf. Ich konnte es an den Augen immer schon erkennen, wenn sie unten in die Halle kamen. Unter einem Vorwand rufen die dich aufs Zimmer, Klimaanlage kaputt oder so. Und eh du dich versiehst, kommen sie zur Sache. Was sollen sie auch machen? Sie haben Geld und nichts zu tun, und ihr Mann interessiert sich nicht für sie. Meistens warteten im Nebenzimmer noch zwei, drei Schwägerinnen und Cousinen. Ich habe zehnmal so viel verdient wie jetzt als Taxifahrer», sagt Ibrahim. «Aber ich war ein schlechter Mensch.»

Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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