NZZ Folio 11/93 - Thema: Kurden   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Zwei? Drei? Fünf?

Von Daniel Weber

ES WIRD DUNKEL. Draussen fliegt krächzend ein Rabe auf. Der Landgasthof ist leer - bis auf B, der, sinnierend und beinahe in Verzweiflung, in der Ecke bei einer Flasche Tokaier sitzt. Da wird die Türe aufgerissen, und herein stürmt A.

 A:   (sehr erregt) Wo ist der Kerl? Tritt hervor, Schurke! (packt B beim Kragen) Ha, hab ich dich endlich, Betrüger, verfluchter Schuft! 
 B:   (wehrt sich) Sind Sie von Sinnen? Ich kenne Sie überhaupt nicht.
 A:   (hält erschrocken inne) O ich Verworfenster aller Verworfenen! (zerknirscht) Verzeihen Sie, verzeihen Sie. Ich bin der Abkömmling eines Geschlechtes, an dem von alters her eine starke Einbildungskraft und ein leicht erregbares Gefühlsleben auffiel. Und ich hätte schwören können, dass der Fremde in diesem Haus verschwand.
 B:   Welcher Fremde? (lauernd) Er ist nicht zufällig ein reisender Maler? 
 A:   Nein, ich suche einen, der so aussieht wie ich, so heisst wie ich und der am nämlichen Tag wie ich, am 19. Januar 1809, geboren wurde.
 B:   (völlig verwirrt) Aber ich suche ja auch einen, der sich gleich nennt wie ich, der herumreist wie ich und die gleichen Bilder malt wie ich. Wo immer ich hinkomme, war er schon da. Es macht mich toll.
 A:   Ich kenne das, die Wut, den Hass - seit meiner Schulzeit verfolgt mich der Nebenbuhler. Es gelang mir zwar, ihn jahrelang zu vergessen, aber er kam mir immer wieder in die Quere, auch nachdem er für meine Vertreibung aus Oxford wegen Falschspiel gesorgt hatte. Ich war damals in einer wahren Todesqual, von Schreck und Scham gefoltert, geflohen. (resigniert) Aber mein böses Geschick verfolgte mich mit satanischem Frohlocken. Paris, Rom, Wien, Berlin, Moskau - bis ans Ende der Welt floh ich  .  .  . und floh vergebens. Doch hier werde ich mich ihm nun stellen.   
B:   (ermutigt) Und ich werde hier meinen Rivalen stellen, der unterwegs sein soll zu seiner Liebsten, die ja aber meine Frau ist, ach, mein armes Tonerl - es ist entsetzlich. (sinkt in sich zusammen) Ich habe ihr geschrieben, sie solle mich um Gottes willen nicht mit dem andern verwechseln; aber ich habe nichts von ihr gehört. Und es wird noch schlimmer, nun gibt es schon zwei, die vorgeben, sie seien ich.   
A:   (heiser) Gerne würde ich Ihnen helfen, aber ach! die unsühnbaren Verbrechen meiner letzten Jahre machen mich zum schlechten Ratgeber.   
B:   (aufbrausend) Ich brauche keinen Rat, ich will sie sehn, ich will sie erwürgen, bevor ich rasend werde. (schluchzt) Ich bin doch nur ein armer kleiner Maler.   
A:   (versucht, ihn abzulenken) Was malen Sie denn?   
B:   Ich male im Winter Portraits, und im Sommer reise ich damit herum und verkaufe sie.   
A:   Aber  .  .  .   
B:   Diese Verfahrungsart ist die befriedigendste für mich und meine Käufer: Ich male Gesichter nach Belieben, die Leute müssen nicht über langes Sitzen klagen und können sich ihr Bildnis selbst aussuchen. Gelegentlich füge ich auch einige Züge oder die Individualität des Schnurrbartes unentgeltlich bei.   
A:   Ich wollte, ehrliche Arbeit hätte auch meinen Lebenswandel bestimmt. All die Verirrungen, die Ausschweifungen, die Gottlosigkeiten!   
B:   Herr Jesus!

Nach seinem Aufschrei verstummt B: drei Gestalten - zwei davon sein Ebenbild - haben den Gasthof betreten. A, dessen Schöpfer übrigens am gleichen Datum Geburtstag hat wie seine Figur, zieht den Degen und stürzt sich auf den dritten Ankömmling.

Wer und wer? Sam I. Liwwillon und Elmer Wühl, natürlich!
Auflösung: A ist William Wilson aus der gleichnamigen Erzählung von Edgar Allan Poe (1840); B ist Wehmüller aus Clemes Brentanos "Die mehreren Wehmüller und ungarischen Nationalgesichter" (1817).




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