NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

(Un)orthodoxes Glossar

© Suzanne Schwiertz
«Als Gott die Schimpfwörter verteilte, bekam das Jiddische die Hälfte davon ab.» Benjamin Frenkel, 30, Lehrer. Linktext
Der Lehrer Benjamin Frenkel erklärt, was man als junger Jude im Zürcher Schtetl alles beachten muss: von A wie Antisemiten über T wie Toiletten (öffentliche) bis Z wie Zürich.

Von Benjamin Frenkel

Antisemiten

An schlechten Tagen wimmelt es in Zürich von Antisemiten: der Tramchauffeur, der genau dann abfährt, wenn man auf den Türknopf drückt; der Autofahrer, der den Fahrradstreifen blockiert, und der Tankstellenwart, der schon wieder die Benzinpreise erhöht hat.

Books ’n’ Bagels

Jüdischer Bücherladen in Zürich Enge nach amerikanischem Vorbild. Links die Kabbala, rechts die Kinderbücher. Und hinten gibt es Bagels, Koscher-Lampe, Koscher-Wecker, Moses als Puppe und Abraham als Salzstreuer – T wie Tinnef oder K wie Kitsch?

Chabad

Religiöse Strömung innerhalb des Judentums, kommt aus Amerika. Funktioniert wie Starbucks: Der Gläubige fühlt sich willkommen und darf den ganzen Tag bleiben. In Zürich hat Chabad grossen Einfluss und zieht Jugendliche an. Inzwischen gibt es (wie bei Starbucks) Chabad-Niederlassungen in Luzern, Lugano, Basel und Genf.

Date

Jüdische Erfindung. Weil sich Zürcher Juden in der Regel schon seit dem Kindergarten kennen, ist die Suche nach einer Frau schwierig. Das Internet und halbprofessionelle Verkuppler helfen weiter. In Zürich werden die meisten Ehen binational geschlossen. Dabei gelten Berner Juden auch als Ausländer. Häufig werden auf jüdischen Date-Portalen äusserst präzise Angaben zum Grad der Religiosität verlangt («Welche Kippa tragen Sie?»).

Enge

Im Zürcher Quartier Enge wohnen so viele Juden, dass der Denner eine Koscher-Abteilung führt, ein Herrencoiffeur seinen Laden am Schabbat schliesst und es nicht ratsam ist, etwas Unkoscheres in der Migros zu kaufen, da irgendwo sicher jemand steht, der das Gesehene rapportiert.

Fussball

In Zürich gibt es seit Urzeiten den Fussballverein Hakoah. Er spielt seit Urzeiten in der untersten Liga, mit kurzen Abstechern in die zweitunterste. Begegnungen mit muslimischen Fussballclubs enden versöhnlich: Hakoah verliert zweistellig und wird von den Gegnern getröstet.

Genealogie

Ahnenforschung ist eine jüdische Domäne. Die Familien Bloch, Bollag, Guggenheim und Wyler sind schon seit Jahrhunderten in der Schweiz ansässig. Stolz wird auf den Urururgrossvater verwiesen, der in Endingen und Lengnau, den ehemaligen Judendörfern, Kühe verkaufte. Es gibt aber auch nervige Zeitgenossen, die eine halbe Stunde laut darüber grübeln können, ob man über den Cousin fünften Grades miteinander verwandt sei oder nicht.

Hiltl

Vegetarische Restaurants, in die auch Koscher-Interessierte einkehren. Da das Hiltl aber nicht unter religiöser Aufsicht steht, wird es nicht von allen besucht. Die Frage «Gehst du ins Hiltl?» ist ein gutes Religiositätsbarometer.

Israel

Mallorca der Juden, Familienhort und heiliges Land. Muss häufig als Lackmustest für Zürcher Juden herhalten: «Falls Israel gegen die Schweiz Fussball spielt – für welches Land bist du?» Häufige Antwort: «Ähm, öhm.» Vielleicht einfacher zu beantworten, wäre Köbi Kuhn jüdisch.

Jischkoach

«Danke» auf jiddisch. Gehört zum Basic-Wortschatz eines jeden Juden, ob religiös oder freidenkend. Ferner: Meschugge, Schickse, Ganef, Beiz, Stuss, Schlamassel und Schlemihl. Als Gott die Schimpfwörter verteilte, bekam das Jiddische die Hälfte davon ab.

Kippa

Religiöse Kopfbedeckung. Das «kleine Schwarze» des Mannes. Inzwischen gibt es die Kippa in vielen bunten Farben, Stoffarten und Motivgestaltungen (Batman- bis FCZ-Logo). Beschleunigt den Haarausfall und bedeckt ihn dann zierlich. Wird häufig mit Haarklammer am Resthaar verankert.

Liste

Der Wegweiser in der Diaspora. Welche Spaghetti sind koscher (Koscherliste), welcher Rabbiner erlaubt mir, ohne Kippa herumzulaufen (Rabbinerliste), und in welcher Synagoge kommt man mit dem anderen Geschlecht am besten in Kontakt (Synagogenliste)?

Mamme

Bekannt auch unter jiddische Mamme: Chefin, Nörglerin, Panikmacherin und Brautbestimmerin. Schickt ihrem Sohn Fresspakete während der Rekrutenschule oder nach der Heirat. Deswegen auch Schwiegerdrache genannt (von der Gattin). Will beim Nachwuchs vor allem Enkel und Doktortitel sehen. Steht am Freitag um fünf Uhr morgens auf, um alles für den Schabbat vorzubereiten. Und wartet auf den Sohnemann bis tief in die Nacht, um ihn bezüglich seines Dates mit Fragen zu löchern.

News

Hast du gehört, Chaim hat sich mit der Rivka verlobt, Mendel ist konkursgegangen, und der Rabbiner geht wahrscheinlich nächstes Jahr weg. Das Schtetl Zürich ist zu klein für Geheimnisse. Ob man will oder nicht, man wird in den Strudel von Indiskretionen hineingezogen.

Öffentlichkeit

Als Jude mit Kippa steht man im Brennpunkt der Öffentlichkeit, oder es fühlt sich zumindest so an. Was denkt wohl der Sitznachbar im Tram? Regt er sich über Israels Politik auf, sieht er in mir einen heiligen Hebräer – oder bin ich ihm egal? Für junge Gymnasiasten ist der Entscheid, Kippa zu tragen, kein leichter. Erwachsene tragen lieber Hut oder Schiebermütze: Man verbirgt die Glatze und fällt nicht auf.

Pizzeria

In Zürich gibt es die einzige Koscher-Pizzeria der Schweiz: «Milk ’n’ Honey». Idealer Ort, um Chassidim zu beobachten und Ofenpizza mit israelischer Bedienung zu geniessen.

Quadratur des Kreises

Oder: jüdisch und Schweizer. Für viele Juden und Nichtjuden ist es schwierig, sich vorzustellen, wie man das kombinieren kann. Zwei Seelen, ach, in einer Brust. Von Montag bis Freitag im WK, am Schabbat in der Synagoge und am Sonntag im Letzigrund den FCZ anfeuern – geht das überhaupt? Ja, warum nicht?

Rabbiner

In Zürich gibt es viele Rabbiner. Liberale, traditionelle, orthodoxe und sogar einen Jugendrabbiner, der Fussball spielt – aber nicht besonders gut. Die Eminenz wird unterschiedlich angesprochen: Herr Rabbiner, Rebbe, Rabbi oder du. Der Rabbiner entscheidet, was koscher ist. Er ist Seelentröster, Geschichtenerzähler, Motivator – und hat Konkurrenz aus dem Internet: www.asktherabbi.com.

Schalom

Bedeutet Frieden und ist der Name des einzigen Zürcher Koscher-Restaurants mit Fleischmenu («Schalom-Burger»). Wird von bulligen Sicherheitsleuten streng bewacht. Doch hat man die langwierige Sicherheitsprüfung bestanden, darf man wie Papageno in der Zauberflöte jubilieren.

Toilettenliste

Oder: der Fluch der Moderne. Viele öffentliche Toiletten spülen elektronisch, was einem religiösen Juden am Schabbat Probleme bereitet. Die Betätigung eines elektronischen Schaltkreises ist am Tag der Ruhe verboten. Noch schlimmer sind stille Örtchen, die den Benutzer mit Rieselmusik und Lichtspiel begrüssen. Wenige Toiletten sind schabbatkoscher. Ausnahmen: das ordinäre Pissoir am Bürkliplatz oder die Toilette beim Lindenplatz.

Übertreibung

Der Einfluss der Juden wird regelmässig übertrieben. Es leben keine 500 000 Juden in der Schweiz (wie häufig geschätzt wird), sondern nur 18 000. Auch steuern Juden nicht die Medien; es dauerte mehr als 16 Jahre, bis sie sich geballt im NZZ Folio zu Wort melden durften.

Verein

Die jüdische Gemeinschaft in Zürich ist reich an Vereinen. Ältere Frauen treffen sich zum Beispiel, um Totengewänder auf Vorrat zu nähen. Bei den allwöchentlichen Nähabenden werden etwa zwei Totengewänder gefertigt und leider auch massenweise News von Kindern und Enkeln verbreitet.

Wahlen

Was wählen die Juden? SVP, SP, CVP, FDP, GLP, SD(!) – es gibt kein jüdisches Wählerprofil. Es ist höchstens die Aussage zulässig, dass Juden bei Wahlen gern mitmachen. Ausser bei den Nationalratswahlen und den Abstimmungen zu Sachthemen darf ein Zürcher Jude auch in seiner Religionsgemeinde fleissig zur Urne gehen. Zum Beispiel für das vorberatende Wahlgremium Rasuko (Rabbiner-Suchkommission) und Rafiko (Rabbiner-Findungskommission).

Xanthippe

Dem zanksüchtigen Weibsstück steht das jüdische, vielgepriesene und vielbesungene «biedere Weib» gegenüber. «Wer ein biederes Weib gefunden, höher als Perlen ist ihr Preis» (Sprüche 31, 10). Na ja, abseits der biblischen Theorie findet man natürlich auch jüdische Xanthippen. Und so wird eine passende Verbindung zwischen Mann und Frau mit der Spaltung des Schildmeeres verglichen. Ist also eigentlich etwas Unmögliches. Beten Sie!

Yankee

Der Zürcher Jude mag im Vergleich zu einem Aargauer Juden hip sein, doch der jüdische Yankee setzt den Massstab. Chassidischer Hip-Hop (Matisyahu) stürmt in den USA die Charts; Madonna und Britney Spears sind Mitglieder einer kabbalistischen Sekte; und irgendwann einmal wird es einen jüdischen Präsidenten geben. Und bei uns? Daniel Jositsch hat es immerhin in den Nationalrat geschafft.

Zürich

Keine Stadt der Schweiz hat eine so grosse jüdische Bevölkerung (8000). Hier lebten Juden schon, da lag Wilhelm Tell noch in den Windeln. Im alten Murer-Plan (1576) von Zürich ist eine Synagoge an der Strytgasse (heute Froschaugasse) vermerkt. Warum Strytgasse? Weil man immer über die Zürcher Juden stritt? Das wäre nicht schön. Schawinski, Braginsky, Lewinsky … Ohne überheblich zu werden: Was wäre Zürich ohne uns?

Benjamin Frenkel ist Lehrer; er lebt in Zürich.

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