NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Das erste Mal -- Shirley Horn, für wen singen Sie?

Von Ursula von Arx

Shirley Horn, 1934 in Washington geboren, ist Jazzsängerin und -pianistin. Früher Klavierunterricht, Musikstudium an der Howard University, Auftritte in Clubs wie Blue Note oder Village Vanguard in New York, einige Schallplatten - lange blieb Mrs. Horn eine Lokalheroine aus Washington mit Bewunderern wie Miles Davis oder Quincy Jones. Heute ist die siebenfache Grammy-Preisträgerin Kult und für manche der jüngeren Generation, etwa für Diana Krall, ein Vorbild.

Shirley Horn, lassen Sie uns über Ihre Anfänge reden.

Das ist lange her. Was soll ich da sagen? Ich bin keine grosse Rednerin.

Wie waren Ihre Eltern? Auch so musikalisch wie Sie?

Mit den Eltern anzufangen, macht Sinn, immerhin verdankt man ihnen sein Leben. Also: Meine Eltern waren sehr liebenswürdige Menschen. Meine Mutter sang immer, und wenn nicht, lief das Radio. Ich war von Musik umgeben. Das prägt. Bei meiner Grossmutter stand ein Piano. Ich war vier, als ich meine ersten Klavierstunden bekam. Meine Lehrerin war streng, oh, Gott. Ich zitterte jeweils sehr vor ihr. Später besuchte sie ab und zu meine Konzerte.

In Ihren Konzerten soll jeweils das Publikum vor allem aus Musikern bestehen. Miles Davis etwa war ein grosser Fan und Förderer von Ihnen.

Ich war gerade dabei, ein Huhn auszunehmen. Da ist jemand für dich, der behauptet, er sei Miles Davis, sagte meine Schwiegermutter kichernd und drückte mir den Telefonhörer in die Hand. Aber er war es tatsächlich. Miles hatte meine erste Platte gehört und wollte mich in New York haben, im «Village Vanguard». Er machte zur Bedingung, dass ich engagiert werde, sonst spiele er auch nicht, sagte er. So wurde ich engagiert. Denn Miles war Miles.

Wer war Miles?

Natürlich konnte er arrogant sein und roh und ein Snob. Aber er war auch jemand, der sich um die Leute kümmerte und zu ihnen Sorge trug. Zu mir war er wie ein Onkel. Er sah mich nicht gerne rauchen, er mahnte mich, nicht zu viel zu trinken. Als er starb, starb ein Teil von mir.

Sie sind bekannt für Ihre Pausen, die Sie so zu setzen wissen, dass sie beredt sind. Sie sind bekannt für Langsamkeit. Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?

Ich singe, wie ich rede: langsam. Ich halte nichts von Hetze, ganz generell nicht. Man hat mehr vom Leben, wenn man es in Langsamkeit nimmt und auch immer einmal eine Pause einlegt. Man sollte nicht alles mit Worten oder rastlosem Tun zudecken. Genuss hat mit Weile zu tun.

Die Platte «The Main Ingredient» entstand bei Ihnen zu Hause. Sie haben Ihre Musikerfreunde eingeladen und sie bekocht. Was ist der Zusammenhang zwischen Kochen und Musikmachen?

Ich nähe auch. Fast alle Kleider, die ich bei meinen Auftritten trage, habe ich selber entworfen. Der Zusammenhang zwischen Nähen und Kochen und Musikmachen ist Schönheit. Ich will Schönheit schaffen.

Wie wichtig sind Ihnen die Worte?

So wichtig wie die Musik selber. Deshalb will ich auch, dass man mich versteht. Es gibt ja Sänger und Sängerinnen, da versteht man kein Wort. Ich mag das nicht. Wenn man eine gute Geschichte zu erzählen hat, dann hat man auch gute Musik. Bei mir entsteht die Musik aus den Worten heraus.

Sie singen oft von Liebe. «Beautiful love», «You won't forget me», «If you go» oder «Come back to me» sind die Titel Ihrer Songs. Werden solche Worte mit der Zeit nicht bedeutungslos?

Je älter ich werde, desto bedeutungsvoller werden sie.

Denken Sie denn an jemand Bestimmten, wenn Sie solche Sachen singen? Irgendwie müssen Sie sich ja in Stimmung bringen.

Aber die Antwort auf diese Frage kennen Sie.

Ja? Ich glaube, eigentlich nicht.

An Miles natürlich. Ich denke immer an Miles.

Was ist Leidenschaft?

Ja, was ist Leidenschaft.

Was ist Liebe?

Das weiss ich noch viel weniger. Um solche Fragen beantworten zu können, muss ich mindestens drei Drinks intus haben. Und vor acht Uhr abends arbeitet mein Gehirn sowieso nicht richtig. Wir sind vier Stunden zu früh dran, Darling.

Warum gibt es im Jazz nur Sängerinnen und nicht auch berühmte Frauen am Schlagzeug oder an der Trompete?

Es galt früher nicht als ladylike, nehme ich mal an. Ich zum Beispiel war am Cellospiel interessiert, aber dann kam meine Mutter einmal in ein Konzert, sah, wie ich mit gespreizten Beinen am Cello sass, und befand, das sei kein Instrument für eine Frau.

Sie waren Grossmutter, bevor Sie als Musikerin Karriere machten. Waren Sie eine überzeugte Mutter?

Ich war eine optimistische Mutter. Ich hatte Vertrauen, dass schon alles richtig kommt. Ich glaube, ich habe einen guten Job gemacht.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Alles. Ohne Musik wäre ich längst tot.


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