DIE GELUNGENSTE Demonstration, was wirklich ein «Jahrhundertjahrgang» ist, bleibt mir unvergessen. Wir waren zu Gast bei Michel Delon, Doyen der Bordelaiser Weinproduzenten und Gutsherr von Château Léoville-Las Cases; es wurde ein Déjeuner gegeben und dazu eine Blindverkostung der verschiedensten Weine, die für etwelche Verblüffung sorgte. Einen Pétrus 1978 beurteilten wir als charmantes, aber eher harmloses Gewächs. Nachher folgte ein Wein, der einem kurz zuvor degustierten 82er Haut-Brion durchaus wesensverwandt schien, aber doch von völlig anderem Kaliber war: Unglaublich dicht, wuchtig, massiv und anhaltend, ein herrliches Aroma von Zedernholz verströmend. Der 82er, obwohl viel jünger, wirkte dagegen beinahe schmächtig. Beim unbekannten Wein handelte sich um den 61er Haut-Brion (dessen 45er übrigens nach wie vor exzellent ist). Delon meinte lakonisch, dass 1961 wirklich die Bezeichnung «Jahrhundertjahrgang» verdiene.
Tatsächlich besitzen die meisten 61er eine Intensität und Kraft, die ihresgleichen sucht. Dabei sind sie sehr lange haltbar und zeigen sich - gute Lagerung vorausgesetzt - noch immer in erstaunlicher Verfassung. Der Grund für die aussergewöhnliche Qualität war eine Laune der Natur, der es gefiel, die Erntemenge derart zu reduzieren, dass die wenigen noch verbleibenden Trauben sehr klein, sehr aromatisch und mit dicken Schalen gelesen werden konnten.
Die phänomenale Qualität dieses Jahrgangs bestätigte auch der rare 61er Pétrus, den der Sammler Wolfgang Grünewald kürzlich entkorkte. Der Wein hatte ein geradezu betörendes Bouquet, das eine barocke Reichhaltigkeit mit einer überaus subtilen, tiefgründigen Süsse verband. Am Gaumen war der 61er Pétrus nach wie vor ungewöhnlich voll und üppig, sehr lebendig und in seiner Souplesse unerhört verführerisch.
Auch 1945 reduzierte die Natur die Erntemenge durch Frost und Hagel drastisch. Es resultierten einzigartig konzentrierte, wenn auch ziemlich tanninreiche Weine. Insgesamt sind es sehr beeindruckende Weine, die allerdings (mit Ausnahme des grandiosen Moutons) nicht ganz die bewundernswerte Harmonie der 61er zu besitzen scheinen. Der hohe Gerbstoffgehalt erdrückt die schwindende Frucht und bewirkt, dass viele jetzt am «Austrocknen» sind.
Unbestreitbar ein Jahrhundertwein ist indes der 47er Cheval-Blanc, der eine beinahe portweinähnliche Struktur mit einer Noblesse vereint, die ihresgleichen sucht. Mein letzter 47er Cheval-Blanc, eine Magnum aus dem Keller von Jacques Hébrard, die der Sammler Walter Eigensatz spendierte, hatte ihren fabelhaften Charakter bewahrt. Leider gibt es immer mehr Fälschungen dieses Weines, und es ist erhebliche Vorsicht beim Kauf angebracht. Ein anderer denkwürdiger Jahrgang im Bordelais war schliesslich der 1900er. Als besondere Réussite gilt hier Château Margaux, den ich einmal degustieren durfte und der in seiner finessenreichen und sublimen Art ein unvergessliches Erlebnis war.
In Bordeaux, in diesem von der Natur so verwöhnten Landstrich, sind viele der besten Weine dieses Jahrhunderts erzeugt worden. Zu den faszinierendsten, delikatesten Gewächsen gehören aber auch die grossen Burgunder. In dieser Region Begeisterndes zu finden ist zwar nicht leicht; Weine der Traubensorte Pinot noir sind kapriziös und fragil. Doch wenn man auf einen wirklich erstklassigen Wein stösst (wie etwa den Clos de la Roche «Vieilles Vignes» 1990 von Ponsot), vergisst man nur zu gerne die erlittenen Enttäuschungen und versteht, weshalb sich die Zisterzienser für diese Traubensorte entschieden haben. Die Weine der Domaine de la Romanée Conti, die zu den teuersten überhaupt gehören, sind oft Inbegriff für Eleganz und Finesse. Hervorragend beispielsweise - um beim gleichen Jahrgang zu bleiben - der 90er La Tâche, kürzlich von Nicolà Barandun geöffnet: Überaus komplex und vielschichtig, dabei fast zart in seiner Struktur, mit einem bezaubernden Wohlgeschmack, der äusserst lange anhält. Als ebenbürtig in Erinnerung ist mir da nur noch der 90er Richebourg von Lalou Bize-Leroy, der mit seiner beinahe «süssen» Frucht jeden Ungläubigen im Nu zum Katholizismus bekehren dürfte.
Bei den Weissweinen liegt meine Präferenz eindeutig bei den Rieslingweinen Deutschlands. Diese Gewächse können auch über Jahrzehnte lagern, ja erst im Laufe der Zeit verwandeln sie sich - zumal die erstklassigen Abfüllungen - in reinsten Nektar. Zwei meiner Lieblinge hier: die 59er Trockenbeerenauslese von Maximin Grünhaus, einem der besten Weingüter Deutschlands, sowie eine nicht minder beeindruckende 49er Feine Auslese des Weingutes Joh. Jos. Prüm. Aber auch die weniger süssen Weine der Auslese-Kategorie können bezaubernd sein. Ein Beispiel dafür: Prüms 90er Wehlener Goldkapsel.
Weisser Burgunder, wie etwa der kürzlich degustierte 89er Montrachet von Comte Lafon, verdient gleichfalls einen Platz in der Galerie herausragender Weine: Üppig und anhaltend, mit der typisch mineralischen Note aller grossen Chardonnays, erfrischte dieser Wein Herz und Gaumen zugleich.