Gibt es eine höhere Auszeichnung für ein Dokument, als wenn sich Leute die Mühe machen, es zu fälschen? In Indien wurde kürzlich ein Mann festgenommen, der auf seinem Drucker illegal ISO-9001-Zertifikate produzierte und für 2700 Franken an Firmen verkaufte.
Die Nachfrage war gross. Glaubt man der Werbung der Zertifizierungsstellen, wird der Geschäftsvorteil eines ISO-9001-Zertifikats nur gerade von der Nützlichkeit der Kaffee maschine im Pausenraum übertroffen. Mittlerweile hat der Hockeyclub Fribourg-Gottéron eines, der costaricanische Kaffeehersteller Café Britt, der chinesische Kondomhersteller Contex Latex, das Kinderwunschzentrum am Universitätsspital Bern, das Alters- und Pflegeheim Sunnewies in Tobel und der Bombenhersteller Pakistan Ordinance Factories in der Nähe von Islamabad
«Viele Leute glauben, ISO 9001 sei die einzige Norm der ISO», sagt Christian Favre, früherer Generalsekretär der Internationalen Organisation für Normung (ISO). Aber ISO 9001 ist bloss die berühmteste von über 14 900 Normen, die die ISO in den letzten fünfzig Jahre erarbeitet hat.
Selbst im kargen Konferenzraum am ISO-Sitz in Genf sieht Generalsekretär Alan Bryden seine Normen überall an der Arbeit. «Alle Materialien, die Sie hier sehen, Holz, Plastic, Farbe, Papier, sind Gegenstand von ISO-Normen. Es gibt ISO-Normen für Möbel, Kreditkarten und für Ihre Brille.» Und wer glaubt, damit sei die Welt doch normiert genug: Täglich publiziert die ISO zwei neue.
Doch nur wenigen davon ist das Rampenlicht von ISO 9001 vergönnt. Die «Testmethode für die Bestimmung der Maschengrösse bei Fischnetzen» (ISO 16663) wird nie Schlagzeilen machen und das Weindegustationsglas (ISO 3591) höchstens als Kuriosität in den vermischten Meldungen. Normen sind die Mauerblümchen des technischen Fortschritts. Obwohl nicht ein einziges Rennauto ohne sie funktionieren würde, träumt kein Zehnjähriger davon, Generalsekretär bei der ISO zu werden.
Den wenigsten Leute ist bewusst, dass die Welt ohne diese internationalen Übereinkünfte augenblicklich auseinanderfiele. Man könnte in Frankreich nicht tanken, von Australien nicht nach Hause telefonieren – wenn man denn nicht schon vorher bei einem Kinobrand umgekommen wäre, weil man das Notausgangsschild (ISO 7001) für den Wegweiser zur Männertoilette gehalten hätte.
ISO 9001 wurde berühmt, weil sie eine atypische Norm ist. Als die Organisation im Jahr 1946 in London gegründet wurde, hatte niemand an Altersheime und Hockeyclubs gedacht. In den ersten dreissig Jahren ging es um die Referenztemperatur für industrielle Längenmessungen (ISO 1), metrische Schraubengewinde (ISO 68 - 1), Schreibmaschinenfarbbänder (ISO 3540), einen Schneidetest für Kakaobohnen (ISO 1114), Tests für Kühlschränke (ISO 8187). Das Gebiet der Standardisierungsingenieure waren Prüfverfahren, Herstellungsprozesse, Produktesicherheit, Prozessdefinitionen. «ISO 9001 ist ziemlich weit weg von solch handfesten Dingen», sagt Alan Bryden über sein bestes Pferd im Stall. Die Qualitätsmanagementnorm ISO 9001 ist eine sogenannte horizontale Norm, die sich nicht auf ein bestimmtes Produkt bezieht, sondern auf die Abläufe in einem Betrieb: Stellt die Firmenleitung genug Ressourcen für die Qualitätssicherung zur Verfügung? Wissen die Angestellten, was sie dabei zu tun haben? Werden die Erwartungen der Kunden erfüllt? Anders als eine Gewindenorm lässt sie sich auf alle möglichen Betriebe anwenden, ganz egal, was ihr Produkt oder ihre Dienstleitung ist.
Die ISO hat sich das Terrain mit den beiden anderen grossen internationalen Normenorganisationen ITU und IEC aufgeteilt. Die Internationale Fernmeldeunion (ITU) beschäftigt sich, wie ihr Name sagt, mit der Telekommunikation, die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) mit Elektro- und Informationstechnik (ihre härteste Nuss sind die Steckdosen), die ISO mit dem ganzen Rest, von Erdölraffinerien über Möbel bis zu Dokumentationssystemen. Obwohl diese Aufteilung relativ klar scheint, kam es aus historischen Gründen immer wieder zu Überschneidungen und Grabenkämpfen, wer für welche Norm zuständig sei. Weil die Informationstechnik in allen möglichen Gebieten eine Rolle spielt, hat die ISO mit der IEC für die sich überschneidenden Bereiche eine gemeinsame technische Kommission geschaffen.
Die Entstehung einer ISO-Norm ist für Laien ein wirrer Prozess. Bevor ein Dokument die Stufe 60.60, «Internationale Norm, publiziert», erreicht, führt sein Weg durch unzählige Arbeitsgruppen, Ausschüsse, Kommissionen und passiert mehrmals komplizierte Abstimmungen. Viele Normen bleiben auf der Strecke, drehen Runden in einer ewigen Schlaufe bei 10.92, «Vorschlag an Antragsteller zur genaueren Definition zurückgegeben», oder gehen später bei 30.98, «Projekt gelöscht», in die Knie. Selbst Leute, die in den Normengremien mitarbeiten, geben zu, dass sie zwei Jahre benötigten, um das Verfahren im Detail zu verstehen.
Das beginnt mit der ISO selber: Obwohl die stimmberechtigten Mitglieder die nationalen Normenorganisationen sind, ist die ISO keine Regierungsorganisation, denn die nationalen Normenorganisationen sind keine demokratisch gewählten Vertretungen der Länder. Bei der Schweizerischen Normenvereinigung (SNV) oder dem Deutschen Institut für Normung (DIN) können alle Mitglied werden, die von Normen betroffen sind und bei der Schaffung neuer Normen mitreden wollen: Firmen, Branchenverbände, Behörden, Prüfinstitute, Konsumentenorganisationen.
Die ISO zählt 97 stimmberechtigte Länder zu ihren Mitgliedern. Jedes hat eine Stimme. Eine Regel, an der sich vor allem die Amerikaner stören: Die europäischen Länder, die ihre Normen untereinander im Europäischen Komitee für Normung (CEN) aufeinander abstimmen, kommen auf das 25fache Stimmengewicht der USA. Dass die ISO deshalb eine europäische Organisation sei, wie gelegentlich behauptet wird, stellt Bryden in Abrede: «Die ISO ist in den letzten Jahren immer internationaler geworden. Mehr und mehr der wichtigen asiatischen Länder engagieren sich in der internationalen Normung.»
Der Anstoss zu einer neuen Norm kann von jedem Mitglied einer nationalen Normenorganisation kommen. Diese gelangt mit dem Vorschlag zuerst ans ISO-Zentralsekretariat in Genf, das die entstehende Norm auf ihrer Odyssee begleitet. Normen werden in Genf keine entwickelt, von dort aus werden vielmehr die Hunderte von Arbeitsgruppen in aller Welt betreut.
Eine der ersten Hürden für den Vorschlag ist die Entscheidung der zuständigen technischen Kommission, ob sie das Projekt überhaupt verfolgen will. Die ISO hat in ihrer 58-jährigen Geschichte über 200 technische Kommissionen und noch viel mehr Unterkommissionen gegründet. Von TC 1, «Schraubengewinde», über TC 162, «Türen und Fenster», bis zu TC 225, «Markt- und Meinungsforschung». Jedem Land steht frei, in welchen Kommissionen es mitmachen will. Die Schweiz ist über die SNV in 369 Gremien vertreten. Die technische Kommission erarbeitet eine Norm aber nicht selber, sondern setzt Experten ein, die sie entwickeln. Haben sie einen Entwurf bereit, konsultieren die nationalen Normenorganisationen ihre Mitglieder und segnen ihn danach in der technischen Kommission ab oder weisen ihn zur Überarbeitung zurück.
Eine der wichtigsten Funktionen internationaler Normen besteht darin, Handelsbarrieren abzubauen. Welthandelsabkommen bringen zwar nach und nach die traditionellen Zölle zum Verschwinden; weil Normen aber grundsätzlich freiwillig sind, sind sie schwieriger in den Griff zu bekommen. Trotz Bekenntnissen zum freien Handel setzen viele Länder Normen als Instrumente der Aussenhandelspolitik ein. Eine nationale Norm ist für ein ausländisches Unternehmen eine Art technischer Zoll, denn seine Produkte der fremden Norm anzupassen, kostet Geld, das ein Unternehmen im Land selbst nicht aufwenden muss. Aber nicht nur Länder, auch eine Vielzahl von Branchenverbänden oder Industriekonsortien stellen eigene Normen auf, von denen sie sich einen Vorteil im Markt erhoffen. «Hier wird eine neue Front von Handelsbarrieren eröffnet», sagt der Direktor der Schweizerischen Normenvereinigung, Hans-Peter Homberger.
Die Leute, die sich bei der ISO an einen Tisch setzen, kommen also nicht unbedingt als selbstlose Wohltäter auf der Suche nach der besten Norm für alle, sie sind im Gegenteil oft Konkurrenten: Gesandte der Industrie etwa, die einen Vorteil für ihr Produkt herausschlagen wollen, oder Behördenvertreter, die die Politik ihrer Regierung international durchsetzen möchten. Die Harmonisierung von Normen kann ziemlich unharmonisch verlaufen.
Als zum Beispiel nach den Terroranschlägen vom 11. September die Frage aufkam, ob für die Normung auf dem Gebiet der Biometrie eine neue Kommission gegründet werden sollte, kam es zum Streit. In der Kommission SC 17, «Identifikationskarten», war man mehrheitlich der Meinung, die Biometrie gehöre zum eigenen Hoheitsgebiet, die Amerikaner hingegen bestanden auf der Gründung eines neuen Gremiums. Die Zusammensetzung der Kommission SC 17, war zu vernehmen, sei nicht amerikafreundlich genug. Dieser Konflikt spiegelt die Weltpolitik: das erhöhte Sicherheitsbedürfnis der Amerikaner einerseits und die hohe Gewichtung des Datenschutzes in Europa andererseits. Die USA setzten sich durch. Um ihre Zuständigkeiten auszuhandeln, mussten sich Vertreter der neuen Kommission SC 37, «Biometrie», und Leute aus der alten SC 17 zu Friedensverhandlungen treffen.
Ist die Entscheidung für eine neue technische Kommission gefallen, teilt der technische Lenkungsausschuss einem Land das Sekretariat zu. Für die Schweiz führt die SNV 13 ISO-Sekretariate, zum Beispiel TC 39, «Werkzeugmaschinen», oder TC 114, «Zeitmesstechnik». Die Sekretariate haben einen grossen Einfluss auf die entstehende Norm, so beeinflussen sie unter anderem das Arbeitstempo einer Kommission. Christian Favre hat während seiner langjährigen Tätigkeit für die ISO oft erlebt, dass ein Ländervertreter das TMB warnte: «Gebt das Sekretariat auf keinen Fall denen da, die wollen bloss bremsen.»
Das Sekretariat für TC 67, «Werkstoffe, Ausrüstung und Hochseeanlagen für die Erdöl-, Petrochemie- und Erdgasindustrie», führte lange Zeit Rumänien. Dort fristete es einen Dornröschenschlaf: die grossen Ölfirmen waren alle amerikanisch, ihr Bedarf nach internationalen Normen war gleich null. Als Norwegen in der Nordsee Öl fand, änderte sich die Situation, und das Sekretariat wurde von Rumänien in die USA transferiert. Und wer sich wundert, warum ausgerechnet Iran das Sekretariat von TC 217, «Kosmetik», führt: Die islamische Republik drängte sich vor, um mehr Kontrolle über den Einsatz von Schweineprodukten in der Kosmetik zu haben.
Ihre dezentrale Organisation hat der ISO den Scherznamen International Sightseeing Organization eingetragen: An wild über den Globus verteilten Sitzungen erarbeiten die Arbeitsgruppen der Experten Normenvorschläge, die an ebenfalls wild über den Globus verteilten Sitzungen der technischen Kommissionen beraten und mit Änderungswünschen zurückgeschickt werden. Die Sitzungsagenda der ISO-Kommissionen liest sich wie die Stationen einer Reise zu den Sehenswürdigkeiten der Welt: Paris, Athen, Rio, San Diego, Sydney.
Vor einiger Zeit kam der Verdacht auf, dass die rege Aktivität einiger Normenprojekte vor allem auf die Wahl der exotischen Sitzungsorte zurückzuführen sei. «Die haben in Bali unnütze Normen entworfen», sagt Mike Smith, Senior Advisor der Normenabteilung von ISO. Vor zwei Jahren hat die ISO deshalb strenge Zielvorgaben und Kontrollen eingeführt und darauf 3000 Projekte abgebrochen. «Heute sitzt man oft fünf Tage von früh bis spät in klimatisierten Sitzungsräumen eines Hotels, ohne sonst etwas zu sehen.»
Die Konferenzorganisation wird normalerweise von der Normenorganisation des Gastlandes übernommen. Die Reisespesen tragen die Teilnehmer – oder besser: ihre Arbeitgeber. Für Behörden und grosse Firmen ist das kein Problem, doch kleine Organisationen können sich die Reisen oft nicht leisten. James Sullivan, der für verschiedene kirchliche Organisationen am Entwurf der Umweltmanagementnorm ISO 14 000 mitarbeitete, musste das Geld für die Spesen jeweils zusammenkratzen. «Die Sitzungen finden immer in den besten Hotels statt, und wenn du die Leute der US-Delegation treffen willst, dann zu ihren Bedingungen: in den teuersten Restaurants der Stadt.»
Verhandlungen um die Norm selbst lassen sich am besten unter dem Begriff technische Diplomatie zusammenfassen. Es werden Kompromisse gesucht, Allianzen gebildet, Tauschgeschäfte gemacht. «Geh nie mit leeren Händen an eine Normungssitzung», sagt Jan van den Beld von der Normenorganisation Ecma für Informationstechnologie und Unterhaltungselektronik. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Nicht selten geschieht der Durchbruch abends an der Hotelbar nach einem Drink zu viel.
Zuweilen ist Kreativität gefragt, um einen Kompromiss zu finden. Als die ISO in den 1950er Jahren an einer Norm für Frachtcontainer zu arbeiten begann, kamen die Verhandlungen bald ins Stocken: Jedes Land wollte jene Masse als Norm definieren, die es bereits benutzte. Obwohl das Ziel eine einzige Norm war, schuf die technische Kommission 104 schliesslich drei: Container der Serie 1 mit neuen Massen, der Serie 2 in der Grösse, wie sie in metrischen Ländern üblich war, und der Serie 3 mit osteuropäischen Massen. Die Container der Serie 1 setzten sich im Markt sofort durch, und ein paar Jahre später verschwanden Serie 2 und 3 aus der Norm.
Auch in Gebieten, die keine kommerzielle Bedeutung haben, kann es zu erbitterten Auseinandersetzungen kommen. Weil man sich 1960 nicht darüber einigte, ob das Bogenmass und der Raumwinkel in die Kategorie der Grundeinheiten oder der abgeleiteten Einheiten gehörten, erfand man kurzerhand eine neue: die der Zusatzeinheiten. Zwar wusste niemand, was eine Zusatzeinheit eigentlich war, aber der Streit war beigelegt. Es dauerte 35 Jahre, bis die aus Verlegenheit geschaffene Kategorie in jene der abgeleiteten Einheiten übergeführt und aufgelöst wurde. «Aus der Sicht der Praxis bedeutet die Entscheidung nicht sehr viel», hiess es in einer Pressemitteilung der ISO, aber hier gehe es ums Prinzip.
Manchmal helfen aber auch Fingerspitzengefühl und Kunstgriffe nichts: Die Normung scheitert. So klafft in den ISO-Normen immer noch eine schmerzhafte Lücke, was das Dezimalzeichen angeht. Im englischen Sprachraum wird ein Punkt verwendet, sonst ein Komma. Obwohl die technische Kommission 12 eine Unterkommission «Dezimalzeichen» gegründet hat, ist eine Lösung nicht in Sicht.
Ebenfalls gescheitert ist das Vorhaben der technischen Kommission 191, eine Norm für die «humane Tierfalle» zu schaffen, an der vor allem die Pelzindustrie interessiert war. Für viele der konsultierten Tierschützer war klar: So etwas wie eine humane Tierfalle gibt es nicht. Die Verhandlungen kamen nicht vom Fleck. TC 191 ist heute inaktiv.
Falls es nicht zu grösseren Problemen kommt, dauert es im Durchschnitt 42 Monate, bis eine Norm publiziert wird. In manchen Branchen macht sich dann Enttäuschung breit. «Da kommt vielleicht der Schreinermeisterverband und findet seine eigene Norm viel besser», sagt Urs Fischer, Vizedirektor der Schweizerischen Normenvereinigung. «Das kann gut sein, aber sie hat niemals die Legitimation einer internationalen Norm, an der Handel, Wissenschaft und Konsumenten aus der ganzen Welt mitgearbeitet haben.» Ein Grundsatz im Normengeschäft heisst: besser heute eine gute Norm als morgen eine perfekte. Überhaupt beklagt man in der SNV, dass sich die Leute oft im Nachhinein über Normen beschweren, anstatt bei der Normenfindung selbst mitzuarbeiten. «Firmen, die sich nicht um Normen kümmern, begehen einen strategischen Fehler», sagt SNV-Direktor Homberger.
Eine Norm ist kein Gesetz. Sie kann zwar von einer Regierung zu einem erklärt werden, aber grundsätzlich basiert sie auf Freiwilligkeit. Es gibt Beispiele von ISO-Normen, die es erfolgreich bis zur Publikation geschafft haben, dann aber nicht beachtet wurden. Mal mit fatalen Folgen, wie bei der lückenhaften Repräsentation des Datums in Computern, die zum Jahr-2000-Problem führte, mal mit überhaupt keinen, wie bei ISO 11180, «Postadressierung», die wieder zurückgezogen wurde, weil gegen die unterschiedlichen Gewohnheiten, wo der Ort und wo die Postleitzahl zu stehen kommt, kein Kraut gewachsen ist.
Obwohl niemand gezwungen werden kann, sich an eine Norm zu halten, sind einige Normen stärker als Gesetze: Wer sie nicht befolgt, den bestraft der Markt. Zu einer solchen Norm hat sich in einigen Gebieten die Qualitätsmanagementnorm ISO 9001 entwickelt. Es gibt viele grosse Firmen, die nur Zulieferer akzeptieren, die ISO 9001 erfüllen. Das müssen sie mit einem Zertifikat belegen, das sie nach der Prüfung ihrer Qualitätssicherungsmassnahmen durch eine unabhängige Prüfstelle erhalten. Dieses Verfahren soll dem Abnehmer die einzelne Prüfung aller seiner Zulieferer ersparen und dem Zulieferer die ständigen Kontrollbesuche aller seiner Abnehmer.
Allerdings müssen sich heute auch viele Firmen nach ISO 9001 zertifizieren, die vorher dieses Problem gar nicht hatten. Die Erfüllung der Norm erfordert Beratung, Schulung, Umstrukturierung, sie kann auch einen kleineren Betrieb weit über 100000 Franken kosten. Profitiert von der neuen Norm hätten nur die Zertifizierungsfirmen, heisst es da und dort, ein messbarer Qualitätszuwachs habe sich nicht gezeigt.
Mit der Qualitätsmanagementnorm 9001 , der Umweltmanagementnorm 14001 und dem Entscheid vom Januar 2005, eine neue technische Kommission zur Erarbeitung von Normen im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (Corporate Social Responsibility) zu schaffen, sieht sich die ISO zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, für eine Normenflut zu sorgen. Auch taucht die Frage auf, ob beim Thema ethisches Verhalten die Grenzen der internationalen Normierbarkeit nicht überschritten werden. Sozial verantwortliches Handeln wird in jeder Kultur anders definiert.
Auf diese Kritik reagiert man in Genf gelassen. Alle diese Entwicklungen würden vom Markt getrieben. Es seien ja die Betroffenen selber, die die Normen wünschten und entwickelten. Auch der Wunsch nach der Zertifizierung einer Norm komme von der Industrie. Und durchgeführt werde sie von unabhängigen Prüfinstituten, die ISO verdiene daran nichts. «Sonst wären wir sehr reich», sagt Alan Bryden.
Die Leute im ISO-Generalsekretariat in Genf wissen, dass sie das Image von Erbsenzählern haben. Sie selbst sprechen von Leidenschaft und Berufung, wenn es um ihre Arbeit geht, und sehen sich auch als Kämpfer für eine bessere, fairere Welt. Und tatsächlich hat einer, der dafür sorgt, dass eine Schraube aus China auf eine Mutter aus Peru passt, vielleicht mehr für die Völkerverständigung getan, als die meisten Aussenminister je fertigbringen.
Auf den Vorwurf, dass Normen der Welt die Kreativität rauben, antwortet Christian Favre mit ISO 16: «Der Kammerton A ist auf 440 Schwingungen pro Sekunde festgelegt, die Möglichkeiten der Musik bleiben trotzdem unbeschränkt.»
Reto U. Schneider ist NZZ-Folio-Redaktor.