Als ich acht Jahre alt war, zog ich von Kingston, Jamaica, nach London zu meinem Vater. Während der Reisevorbereitungen und der zweiwöchigen Reise freute ich mich voller Aufregung auf das Wiedersehen. Doch obgleich dieses Wiedersehen ein glückliches Ereignis war, merkte ich bald, dass England nicht ein Paradies war, wie man mich glauben gemacht hatte.
In den ersten Monaten träumte ich jede Nacht von Jamaica. Ich träumte von meinen Freunden, die ich zurückgelassen hatte, und von den Spielen, die wir gespielt hatten. Ich träumte, dass ich auf der Veranda stand und zuschaute, wie in den fernen Bergen der Regen fiel, ich träumte vom Duft reifer Mangos und wie ihr gelber, süsser, dicker Saft mein Kinn herunterrann. Ich träumte von der Sonne, vom Himmel und vom Meer.
In dieser Zeit des Heimwehs erschien mir London als hässlicher, grauer, schmutziger Ort, wo die meisten Pflanzen gestorben waren. Es war Winter, und ich hatte noch nie Bäume oder Büsche ohne Blätter gesehen und konnte deshalb nicht glauben, dass sie noch am Leben waren. Und dann diese Kälte und die Schichten von Kleidern, die ich tragen musste, um mich vor ihr zu schützen. Eingemummt in lange Hosen, Unterhemd, Pullover, Jacke, dicke Wollsocken, mit dicksohligen Schuhen, sehnte ich mich nach dem freien Gefühl in meinen Khakishorts und kurzärmeligen Hemden, nach dem kühlenden Lufthauch an meinen nackten Armen und Beinen in der Nachmittagshitze.
Man hatte mir versprochen, dass mich der Schnee entzücken werde, und tatsächlich versetzte mich der erste Schneefall in grosses Staunen. Als sich aber der Schnee in tückisches, glattes Eis verwandelte und dann in dunklen Matsch, der unter den Rädern vorbeifahrender Autos schmatzte und meine Kleider vollspritzte, verblasste der Zauber rasch. Im Frühling hielt mein Staunen länger an. Zuzusehen, wie aus knorrigen braunen Büschen und kahlen Bäumen die Blätter hervorsprossen, leuchtend und durchsichtig, erschien mir wie eine göttliche Belohnung für die erlittenen Entbehrungen des Winters. So lernte ich, mich den Jahreszeiten anzupassen; ihre wechselnden Erscheinungsformen zu schätzen; Schönheit und Leben wahrzunehmen, wo ich vorher nur Hässlichkeit und Tod erblickt hatte.
In Jamaica war ich gerne zur Schule gegangen, und ich galt als aufgewecktes Kind mit vielversprechender Zukunft. In London wurde die Schule zur Qual. Die weissen Schüler verfügten über einen unerschöpflichen Vorrat an Schimpfwörtern - Nigger, Neger, Kaffer, um ein paar wenige zu nennen -, die sie mit grausamer Freude den schwarzen Kindern nachriefen.
Man hatte mir beigebracht, dass Schimpfwörter nicht verletzend gemeint waren. Hätte ich wenigstens zurückgeben können, so wären sie vielleicht weniger schmerzhaft gewesen. Aber ich kannte kein einziges solches Wort. Ich lernte schnell - instinktiv und von erfahreneren Einwandererkindern -, dass die einzige Möglichkeit, solch rassistischen Schmähungen beizukommen, physische Vergeltung war. Am Ende meiner Primarschulzeit, mit elf Jahren, hatte ich mehrere blutige Kämpfe gewonnen, was mir auf dem Schulhof einen furchteinflössenden Ruf eingetragen hatte.
Meine Lehrer waren davon unbeeindruckt. War ich in Jamaica von den Erwachsenen ermutigt und gelobt worden, verdammten sie mich hier nun als aufsässiges, unaufmerksames und ressentimentgeladenes Kind, was mich besonders irritierte und meinen Groll noch verstärkte. Sie zeigten wenig Mitgefühl für meine Not. Und oft hatte ich das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, dass sie auf der Seite meiner Peiniger standen.
Schaue ich zurück, waren diese frühen Jahre eine Zeit stummer, unaussprechlicher Qual. Die Welt, die ich gekannt und so sehr geliebt hatte, war verschwunden, und an ihre Stelle war diese kalte, feindliche Welt getreten, in der jeder Tag eine neue Konfrontation und einen neuen Kampf mit sich brachte. Es waren auch einsame Jahre.
Meine Eltern arbeiteten wie die meisten Einwanderer lange, harte Stunden, den Blick fest auf den fernen Tag gerichtet, an dem sie mit den Früchten ihrer Arbeit nach Jamaica zurückkehren könnten. Bildung, so glaubten sie, würde mir ihre Art von Arbeit ersparen und mir eine goldene Zukunft als Beamter, Anwalt oder Arzt garantieren. Dass ich zu unglücklich sein könnte, um von meiner Ausbildung zu profitieren, kam ihnen nicht in den Sinn. Schlimmer noch, sie hatten auch eine völlig abwegige Vorstellung von der Unfehlbarkeit von Schullehrern. Im ländlichen Jamaica ihrer Kindheit hatte der Respekt vor Lehrern an Verehrung gegrenzt. Mein Vater führte mir seine Haltung beim ersten Elternabend in meiner neuen Schule vor Augen. In meiner Gegenwart forderte er den Lehrer auf, mich gründlich zu bestrafen, wann immer ich mich danebenbenähme. Der Ruf, den ich mir in der Primarschule erworben hatte, folgte mir in die Sekundarschule, eine grosse Gesamtschule im Zentrum von London. Zu ihrem Einzugsgebiet gehörten grosse Wohnquartiere der weissen Arbeiterklasse und mein eigenes Viertel, wo vornehmlich Einwandererfamilien lebten. Kämpfe zwischen Schwarz und Weiss waren an der Tagesordnung. Provoziert wurden sie meist von Weissen, die nicht zur Kenntnis nehmen wollten, dass wir schwarzen Schüler ihre Schmähungen nicht ertrugen.
Ich konnte natürlich nicht immer zurückschlagen und musste dann meine Demütigung in stummem Schweigen hinnehmen. Eines Abends, als mein Freund und ich im Bus nach Hause fuhren, wurden wir von zwei älteren weissen Schulkollegen brutal angepöbelt. Sie waren sehr viel grösser als wir, und wir wussten, dass sie Mitglieder einer berüchtigt bösartigen Bande waren. Sie begnügten sich nicht mit Beschimpfungen; einer der Jungen spuckte mir einen riesigen Rotzklumpen mitten auf die Stirn. Der Bus war voll, aber keiner der Erwachsenen kam uns zu Hilfe. Damals starb ein Teil von mir.
Die meisten karibischen Kinder waren in den untersten beiden Leistungsklassen, Klassen, von deren Schülern man nicht erwartete, dass sie erfolgreich lernten. Ich fand, ich hatte Glück: Ich war nur in der zweituntersten Klasse. Kinder in der untersten Klasse wurden beschäftigt mit Spielen oder technischen Dingen wie Holz- oder Metallarbeiten. Man nahm nicht an, dass sie in der Lage waren, einen theoretischen Stoff zu verstehen. Dieser «Unterklasse» konnte ich entfliehen, als ich einmal nachsitzen musste und ein Lehrer mit mir einen Lesetest machte. Er war völlig perplex angesichts meiner Lesefertigkeit. Im nächsten Schuljahr wurde ich zwei Klassen nach oben versetzt. Hätte ich beim Lesen die Minimalanforderungen verfehlt, wäre ich zurückversetzt oder, schlimmer noch, auf eine Sonderschule geschickt worden.
Das hätte sehr leicht passieren können. Viele Kinder aus meiner Nachbarschaft gingen auf solche Schulen. Es gab eine in der Nähe unserer Wohnung, und oft sah ich den Schulbus, wenn die Kinder ein- oder ausstiegen, ihre Gesichter voller trauriger Verlegenheit. Ich vermute, dass manche der karibischen Kinder, die man in diese Schule schickte, alles andere als zurückgeblieben, sondern einfach traumatisiert waren durch ihre Verpflanzung nach London.
Eines der unglücklichsten Wesen aus meiner Umgebung besuchte eine Schule für Minderbegabte. Sie hiess Mona und war das jüngste Kind einer grossen dominikanischen Familie. Mona war mit etwa zwölf Jahren nach London gekommen. Ihre Geschwister, alles Buben, lebten schon seit langem hier. Mindestens fünf Jahre trennten Mona von ihrem nächstälteren Bruder. Als sie ankam, war Mona ein mageres, helles, lebhaftes Kind. Allmählich verwandelte sie sich in eine korpulente, schwerfällige, unansehnliche Person, mit der merkwürdigen Angewohnheit, stundenlang aus dem Fenster ihrer elterlichen Wohnung auf die Strasse zu starren. Sie lebte nur einige Häuser von uns entfernt, und ich sah sie fast jeden Tag. Obwohl wir nie miteinander sprachen, fühlte ich mich Mona nahe. Ihre traurigen schwarzen Augen spiegelten etwas von meinem eigenen Gefühl von Verlorenheit wider. Aber während ich damit irgendwie umgehen konnte, war Mona weniger erfolgreich im Überleben. Vier Jahre nach ihrer Ankunft in London ertränkte sie sich im nahen Kanal. Ich erinnerte mich noch lange an sie als «Mona am Fenster».
Viele meiner Freunde begannen mit etwa 13 Jahren das Interesse an der Schule zu verlieren. Sie verbrachten ihre Tage damit, durch London zu streifen, und manche gaben sogar ein höheres Alter an, um Gelegenheitsarbeiten verrichten zu können. Wenn man sie in die Schule zurückschickte, verschwanden sie aufs neue.
In diesem Alter entfernte ich mich auch immer mehr von den wenigen weissen Freunden, die ich hatte. Es schien, als ob es keine gemeinsamen Interessen mehr gab. Sie waren zum Beispiel grosse Fussballfans, begeisterte Anhänger einer der Londoner Fussballmannschaften, deren Spiele sie sich mindestens einmal in der Woche anschauten. Aber so gerne ich selber Fussball spielte und obwohl auch ich meine bevorzugte Mannschaft hatte - mein Enthusiasmus ging nicht so weit, dass ich die Samstagnachmittage in einem vollen Fussballstadion verbrachte und meiner Mannschaft zujubelte. Inzwischen nämlich waren Fussballstadien in meinen Augen zu riskanten, gefährlichen Orten für einen Schwarzen geworden. Fussballfans und Rassenkrawalle, so schien es mir, waren untrennbar miteinander verbunden. Deshalb fand meine Begeisterung für das Spiel ihr Ventil nur in der Schulmannschaft und beim Fernsehen.
Weil mir der Mut fehlte, mich meinen schwarzen Freunden bei ihren Freizeitunternehmungen anzuschliessen, und weil ich Fussball, den Zeitvertreib meiner weissen Freunde, fürchten gelernt hatte, machte ich mir das Alleinsein immer mehr zur Gewohnheit. Als ich um die 14 Jahre alt war, entdeckte ich die Freuden des Lesens und wurde ein regelmässiger Besucher unserer örtlichen Bibliothek. Doch selbst dieses Refugium des Einsamen barg noch seine Gefahren.
Meine Geschichtsstunden in der Schule handelten alle von Grossbritannien und Europa, von der normannischen Eroberung, von den Napoleonischen Kriegen und von grossen europäischen Königen. In der Bibliothek fand ich Bücher über die Sklaverei in Westindien und die Black-Power-Bewegung in den USA. Schilderungen der unmenschlichen Bedingungen der Sklaverei und das leidenschaftliche Begehren der schwarzen Amerikaner nach Gerechtigkeit bewegten mich tief.
Diese Bücher las ich vor dem Hintergrund eines elenden Gefühls, das ich mit Worten nicht beschreiben konnte. Und obwohl ich wahrscheinlich ihren Inhalt nicht völlig verstand, verstand ich genug, um zum Schluss zu kommen, dass die Weissen, mit ihrer Geschichte des Sklavenhandels und ihren heutigen rassistischen Vorurteilen, die Ursache meines Unglücks waren. Aus meinem stummen Schmerz wurde stumme Wut.
In dieser Phase meiner Jugend wurde ich Zeuge eines Ereignisses, das mein neu erwachtes Gefühl, Opfer weiser Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu sein, noch verstärkte. An einem sonnigen Sonntagnachmittag im Sommer fand in unserem Viertel eine Black-Power-Demonstration statt. Männer mit dunklen Brillen, weiten Hemden - die man, wie ich später erfuhr, nach einem afrikanischen Gewand Dashikis nannte - marschierten durch die Gegend, schwenkten Transparente und riefen wütend: «Nieder mit den Schweinen!»
Nach dieser Demonstration fühlte ich mich weniger allein mit meinem erwachenden Rassenbewusstsein. Sie zeigte mir, dass meine Gefühle nicht anormal waren. Und ich fing an zu begreifen, dass das Herumziehen meiner schwarzen Freunde eine Form des Protests war: Sie hauten aus der Schule ab wegen der Vorurteile, mit denen sie dort konfrontiert wurden. Meine Streifzüge in die Bücherei regten meinen Wissensdurst an, und deswegen wollte ich auch nicht die Schule bei erstbester Gelegenheit aufgeben. Während so die meisten meiner Freunde zufriedene Mechaniker-, Drucker-, Sanitär- und Elektrikerlehrlinge wurden, blieb ich auf der Schule und versuchte, einen höheren Abschluss zu machen.
Aber wenn ich meine alten Freunde traf, wurde ich wieder unsicher, ob ich weiter zur Schule gehen sollte. Sie verdienten Geld und konnten sich die neuste Mode leisten; sie strahlten ein Selbstvertrauen aus, das ich nicht besass. Manchmal hatte ich gegen übermächtige Gefühle von Eifersucht anzukämpfen, die ihr Erfolg in mir wachrief. Doch irgendwie schaffte ich es, der Versuchung zu widerstehen, wie sie einen Job anzunehmen.
Gerne würde ich schreiben, dass mir meine weissen Lehrer durch diese Phase der Unsicherheit geholfen hätten. Aber wenn sie es getan haben, dann völlig ungewollt. Sie erwarteten keinerlei Leistungen von mir. Einige waren sogar sichtlich schockiert, als sie von meiner Absicht erfuhren, über das Alter von 15 Jahren hinaus in der Schule zu bleiben. Ein brennendes Verlangen, ihre niedrige Meinung von meinen Fähigkeiten zu widerlegen, trieb mich an.
Als normales, glückliches Kind war ich in London angekommen. Mit sechzehn war ich mürrisch, zurückgezogen und misstrauisch gegenüber der Welt, genauer, der weissen Welt gegenüber. Wie ich diese ersten acht Jahre in London überlebt habe, war mir damals ein Rätsel, und das ist es mir bis heute geblieben.
Ferdinand Dennis, 1956 geboren, lebt als Journalist und Schriftsteller in London.