NZZ Folio 03/94 - Thema: Im Gehirn   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Invasion der Schneeflöhe

Von Herbert Cerutti

DER STATIONSVORSTAND des Bahnhofs Worblaufen schwenkt die Kelle: freie Fahrt für den Zug Richtung Zollikofen. Langsam beginnen sich die Räder der Lokomotive zu drehen, doch der Zug steht still. Sofort ist der Stationsvorstand zur Stelle, um nach dem Rechten zu sehen. Als sein Blick auf die Schienen fällt, traut er seinen Augen nicht: Millionen von Schneeflöhen bedecken die Schienen, und der ölige Körpersaft der zerquetschten Tiere hindert die Räder am Greifen. Der Schienenweg muss mit dem Besen freigewischt werden.

So schilderte unlängst der Zoologiestudent Erich Bächler in der Berner Universitätszeitschrift eine Episode aus dem Jahre 1869, wie sie der Zoologe Johann Carl der Fachwelt mitgeteilt hatte. Andere Berichte aus früherer Zeit erzählen von Leuten, die im Bremgartenwald Laub für ihre Matratzen sammelten - und dabei bis zur Brust hinauf von einer dicken Schicht Schneeflöhe bedeckt waren. Trotz seinem gelegentlich eindrücklichen Auftreten ist Ceratophysella sigillata, wie das millimeterkleine Tierchen im Zoologenlatein heisst, noch wenig erforscht. Jürg Zettel vom Zoologischen Institut der Universität Bern untersucht mit seiner Arbeitsgruppe seit vier Jahren den Lebenszyklus und das Verhalten der seltsamen Wesen. Um Genaueres über die Verbreitung und den Lebensraum der Tiere zu erfahren, ist Zettel an Meldungen aus der Bevölkerung sehr interessiert.

Wie man Schneeflöhe erkennt? Ist das Klima im Winter feucht und nicht zu kalt, krabbeln sie zu Hunderttausenden, ja Millionen auf dem Waldboden. Als violetter bis blaugrauer Schleier überziehen sie Moder und faules Geäst. Dabei misst das Einzeltier mit seinem ovalen, aus einem halben Dutzend Ringsegmenten bestehenden Körper nur etwa einen Millimeter. Doch die Riesenkolonie wird zum lückenlosen Teppich, der bisweilen auch Baumstämme erobert und dort wie ein farbiger Flecken wirkt.

Temperaturen zwischen 5 und 15 Grad Celsius scheinen den Schneeflöhen besonders zu behagen. Dann fressen sie unablässig Algen, Pilzfäden und andere Mikroleckereien. Und springen immer wieder in die Luft, was man mehrere Meter weit als feines Rascheln hören kann. Angst muss der Beobachter vor den Tierchen keine haben, denn entgegen ihrem Namen sind die Schneeflöhe keine Flöhe, sondern Springschwänze. Diese stammesgeschichtlich uralten Insekten besitzen am Unterleib eine Sprunggabel; mit grosser Muskelkraft gegen den Boden geschnellt, katapultiert sie die Tierchen bis zwanzig Zentimeter weit.

Von Zeit zu Zeit - die Wissenschafter haben noch keine Ahnung warum - werden die Schneeflöhe vom Wandertrieb gepackt. Wie zähe Farbe aus einem ausgeleerten Topf fliessen dichte Tierfronten über das Gelände. Einzelne Fronten können sich zu viele Meter langen Bändern vereinen; das längste von den Berner Forschern beobachtete Band mass siebzig Meter. Können die Vordersten eines grösseren Hindernisses wegen nicht mehr weiter, werden sie von den Nachfolgenden überklettert. So wächst das Schneeflohvolk im winterlichen Wald zur mehrere Zentimeter dicken Schicht, die nicht selten tagelang liegenbleibt.

Ist die Oberfläche des Bodens jedoch trocken oder sinkt die Temperatur gegen Null, verziehen sich die Tiere in den Boden. Ende März verschwinden sie dann aus anderem Grund. Mittels Häutung verwandeln sie ihre Gestalt und widmen sich etwa drei Wochen lang der Fortpflanzung. Aus den im Dunkel der Erde gelegten Eiern schlüpfen Anfang Mai schneeweisse Kinder, die sich bald schon rosa und schliesslich violett färben. Zusammen mit den Eltern zieht das Jungvolk an die Oberfläche zum ersten grossen Fressen, bis im Frühsommer die Temperatur zu warm und der Boden zu trocken geworden ist. Dann kehrt der Schneefloh in den Schoss der Erde zurück und hält dort bis Oktober Sommerschlaf. So durchläuft Ceratophysella sigillata im Laufe des Jahres mehrere Phasen von Aktivität und Ruhe. Und während man bei anderen Schneefloharten bisher nur Lebenszyklen von höchstens einem Jahr kennt, kann Sigillata zwei Jahre und vielleicht noch älter werden, sich ein dutzendmal häuten und mehrere Fortpflanzungsphasen erleben.

Die Welt der Schneeflöhe ist der schützende und nahrungsreiche Wald. Warum sie damals den Bahnhof Worblaufen heimsuchten, ist rätselhaft. 1985 passierte in Gwatt bei Thun eine ähnliche Geschichte. Die den Auenwald durchwandernde Armada machte am Waldrand nicht halt, erreichte die Reformierte Heimstätte, kletterte die Hauswand hoch und ergoss sich als dunkle Lache über den Fussboden des Saales. Der Hauswart war kein Hasenherz. Mit Besen und Schaufel füllte er die Bescherung in den Eimer und brachte die Kolonie in den Wald zurück. Vorher hatte er die Fracht noch auf die Waage gestellt. Im Eimer waren sechs Kilogramm - was bei einem Gewicht von etwa zwei Millionstel Gramm des Einzeltiers immerhin drei Milliarden Schneeflöhe macht.


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