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Schlagschatten -- Knut Hamsun, Nestbeschmutzer
© Angelo Boog
Die einen sahen in ihm den Urvater der modernen Literatur, andere ächteten ihn, weil er Hitler lobte. Das Leben des Norwegers begann in Armut – und blieb verkorkst bis zuletzt.
Von Wolf Schneider
Franz Kafka und Bert Brecht bewunderten ihn, Thomas Mann rühmte «die unvergleichlichen Reize seiner Kunstmittel», und der Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer nannte ihn den Urvater der Literatur des 20. Jahrhunderts – noch 1967, lange nachdem Hamsun in aller Welt geächtet worden war, weil er Hitler gelobt hatte über dessen Tod hinaus. Zu seinem 150. Geburtstag am 4. August, immerhin, erscheint in Norwegen der erste von 24 Bänden einer neuen Gesamtausgabe seiner Werke, und in mehreren Städten finden Hamsun-Wochen statt; doch einen Platz in Oslo nach ihm zu benennen, lehnte der Bürgermeister ab.
Als viertes von sieben Kindern kam Knud Pedersen, der sich später Knut Hamsun nannte, 1859 auf einem Bauernhof zur Welt. Als Neunjähriger wurde er einem Onkel übergeben, der an der Parkinsonschen Krankheit so stark litt, dass das Kind ihn füttern musste – vom Onkel geschlagen und mit der Ausmalung von Höllenstrafen bedroht, wenn er es an Sorgfalt fehlen liess. Nach fünf schrecklichen Jahren schlug Hamsun sich als Ladengehilfe, Hausierer und Bauarbeiter durch; mit 24 zog es ihn nach Amerika, wo er von Gelegenheitsjobs lebte, später als Sekretär eines norwegischen Sektenpfarrers und schliesslich als Strassenbahnschaffner in Chicago. Gründlicher verkracht hätte eine Existenz nicht sein können.
Dreissigjährig aber betrat er mit dem Roman «Hunger» jäh die Bühne der Welt – der Geschichte eines darbenden, zerrissenen jungen Mannes, in der Ichform erzählt: «Die wahnsinnigsten Einflüsterungen» gab der Hunger ihm ein, «denen ich der Reihe nach gehorchte.» Als er der Versuchung widersteht, eine Bettdecke zu versetzen, die ihm nicht gehört, feiert er sich selber als «weissen Leuchtturm in einem trüben Menschenmeer». Da wurde alsbald ein wüstes Genie in den Salons herumgereicht.
1892 der Roman «Mysterien»: Johann Nielsen Nagel, ein Aussenseiter in gelbem Anzug, wirbelt ein norwegisches Hafenstädtchen durcheinander mit Liebesaffären und sarkastischen Sprüchen. In seinem Geigenkasten bewahrt er gebrauchte Wäsche auf; in einem Festsaal jedoch greift er sich plötzlich eine Geige, spielt virtuos und endet schrill «mit einem empörenden Jammerlaut» – um dem Teufel auf den Schwanz zu treten, sagt er dazu.
1898 erschien das Buch, das Hamsun den Weltruhm eintrug: «Victoria» – eine spielerisch hingeplauderte Tragödie, von vielen bewundert als schönste Liebesgeschichte der Welt. Der Dichter heiratete zweimal. Zum Schreiben zog er sich immer in ein Hotel oder eine Berghütte zurück und schickte Boten nach Hause, wenn er frische Wäsche brauchte. 1911 kaufte er sich einen Bauernhof, 1917 stiess er ihn wieder ab, denn das Landleben widerte ihn an.
Das hinderte ihn nicht, in ebenjenem Jahr den «Segen der Erde» zu loben, der ihm 1920 den Nobelpreis eintrug: Da sang ein Lästermaul das Lob der Scholle. Als die Bäuerin aufbegehrt, stösst der Bauer sie «schwer auf den Boden, und sie war dankbar, dass er ihr nicht eine höhnische Antwort gab». Und dann noch der kitschige Schluss: «Klingeling! sagen die Kuhglocken… Sie schreitet hoch und stattlich durch ihr Haus, eine Vestalin… Und nun wird es Abend.» Schon drei Jahre später aber ohrfeigte Hamsun alles Blut-und-Boden-Pathos mit dem hinterhältigen Zynismus der «Weiber am Brunnen»: Ein Matrose hat durch einen Sturz vom Mast ein Bein verloren und seine Männlichkeit dazu. Seine Frau kriegt ein Kind nach dem andern, mal dem Konsul ähnlich, mal dem Rechtsanwalt des Hafenstädtchens. Den Anwalt erpresst der Held ein bisschen, zufrieden hinkt er durchs Leben. Das Buch schliesst lakonisch mit einem Satz, der Gottfried Benn begeisterte: «Kleines und Grosses geschieht, ein Zahn fällt aus einem Munde, ein Mann aus den Reihen heraus, ein Spatz auf die Erde herunter.»
Als Hitler 1940 in Norwegen eingefallen war, rief Hamsun seine Landsleute auf: «Werft die Gewehre weg! Die Deutschen kämpfen für uns alle.» 1943 gewährte Hitler ihm auf dem Obersalzberg eine Audienz, brach sie jedoch wütend ab, als Hamsun ihm riet, den Reichskommissar für Norwegen abzulösen, da er durch übertriebene Härte der deutschen Sache schade. Im Mai 1945 wurde Hamsun, 85 Jahre alt, taub und nach zwei Schlaganfällen, erst in ein Altersheim, dann in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Das Strafverfahren wegen Landesverrats wurde 1946 eingestellt; im Jahr darauf wurde er jedoch enteignet. Landsleute warfen ihm seine Romane über den Gartenzaun. 1952 ist er gestorben.
Ja, es war viel schmutzige Wäsche in seinem Geigenkasten. Aber wenn er auf der Geige spielte, lauschte ihm die Welt.
Wolf Schneider ist Schriftsteller; er lebt in Starnberg (D).
Leserbriefe:
Zu Schlagschatten -- Knut Hamsun, Nestbeschmutzer - NZZ-Folio Abfall (07/09)
Auch wenn sich Wolf Schneider mit F. Kafka, B. Brecht und T. Mann darum bemüht, es bleibt der bittere Nachgeschmack bei Knut Hamsun erhalten. Verständnis habe ich für das Verhalten der Norweger nach ihrer Befreiung 1945. Dass auch Gottried Benn wie der norwegische Nobelpreisträ-ger der NS-Ideologie begeistert zustimmte, das verschweigt leider Autor Schneider dem Leser. Schade – gehört wohl nicht zur bürgerlichen Sicht auf diese Jahre. Karl-H. Walloch, Hamburg
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