NZZ Folio 02/01 - Thema: Interaktiv   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Verräterische Fingersprache

Von Herbert Cerutti

WIE WIR als Kinder zählen lernten, prägt uns fürs ganze Leben. Giovanni mag noch so gut Deutsch gelernt haben - wenn er rechnet, murmelt er wieder italienisch. Doch die Prägung geht noch weiter, wie folgende Geschichte zeigt. Während des Zweiten Weltkriegs hatte eine Inderin einen Bekannten aus England zu Besuch. Ein Mädchen aus Japan, dem Feindesland Grossbritanniens, weilte ebenfalls bei ihr. Die Gastgeberin stellte die Japanerin dem Engländer als Chinesin vor. Da bat der Brite das Mädchen, es möge mit den Fingern auf fünf zählen. «Wusst' ich's doch», rief er, «sie ist Japanerin!» Das Mädchen hatte, wie in Japan üblich, mit der offenen Hand begonnen und einen Finger nach dem andern gekrümmt. In China aber zählt man wie bei uns und streckt die Finger der Reihe nach aus.

Das Zählen mit den Fingern ist wohl das älteste Rechenverfahren. Findige Völker haben die Grenze zehn gesprengt, indem sie nicht die Finger, sondern die Fingerglieder zählten: In Südostasien zeigt man mit der einen Hand erst auf das unterste Glied des kleinen Fingers der andern Hand und zählt so alle Glieder bis 14. In China berechneten Frauen ihren Monatszyklus, indem sie Tag für Tag einen Faden um ein nächstes der insgesamt 28 Fingerglieder knüpften.

Auf Grabmalereien der Pharaonen wie auch auf Rechenmarken der Römer sind Fingerstellungen dargestellt, die für die eine Hand von 1 bis 99 reichen und für die andere von 100 bis 9000. Die Zahl 5034 etwa geht so: Man zeigt mit der Daumenspitze der rechten Hand auf die Handfläche (5000), formt Zeigefinger und Daumen der linken Hand zu einem Ring (30) und krümmt Mittel- und Ringfinger der linken Hand (4). Und der englische Mönch Beda erweiterte unter Zuhilfenahme weiterer Körpergesten den Zählbereich bis über hunderttausend.

Kaufleute und Gelehrte rechneten mit Fingersystemen, bis im späten Mittelalter endlich das schriftliche Rechnen mit arabischen Ziffern in Mode kam. Wo akustische Verständigung schwierig ist, etwa beim Buchmacher auf dem Rennplatz und beim (altmodischen) Börsenmakler im Ring, hat sich das Übermitteln vielfältiger numerischer Informationen mit Handzeichen bis heute erhalten.


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