NZZ Folio 12/94 - Thema: Luxus   Inhaltsverzeichnis

Wer und wer? -- Unter zwanzig

Von Gunhild Kübler

IN EINER Winternacht begegnen sich in den verlassenen Strassen einer Grossstadt A und B. Beide sind unter zwanzig. A trägt einen dünnen Regenmantel und eine Schirmmütze mit dem Schild im Nacken. B hat eine Rupfenjacke an, die er sich selber genäht hat, mit Kupferdraht, und seine alten Jeans.

 A:      Höllische Kälte. Ich friere mir fast den Arsch ab. Vor ein paar Wochen hat mir einer von meinen Mitschülern den Kamelhaarmantel aus meinem Zimmer gestohlen, samt den pelzgefütterten Handschuhen, die noch in der Tasche steckten. Diese Schule ist voller Gauner. Je teurer eine Schule ist, um so mehr Gauner gibt es dort - ganz im Ernst. Herr im Himmel, ist mir diese Schule verhasst!

 B:      Ich geh schon lang nicht mehr in die Schule. Im dritten Lehrjahr hab ich die Lehre geschmissen und bin von zu Hause weg. Jetzt schlage ich mich als Anstreicher durch und wohne gleich hier drüben in einer Laube. Früher wollte ich Maler werden, bloss dass sie mich hier an der Kunsthochschule nicht wollten.

 A:      Ich sag's ja, Schulen sind grässlich. Du hättest mal in meine Schule kommen sollen. Dort sind lauter verlogene Heuchler, und man soll nur immer lernen, damit man sich später einen verdammten Cadillac kaufen kann. Mir kommt das Kotzen. Die meisten Erwachsenen sind nämlich mit den Autos nicht bei Trost. Sie nehmen es furchtbar tragisch, wenn der kleinste Kratzer dran ist.

 B:      Ich hab überhaupt mal gedacht, man dürfte nicht älter werden als siebzehn, achtzehn. Danach fängt es mit dem Beruf an oder mit irgendeinem Studium oder mit der Armee, und dann ist mit keinem mehr zu reden. Ich hab jedenfalls keinen gekannt.

 A:      Und was wird aus den Mädchen? - Die meisten heiraten irgendwelche blöden Männer. Esel, die immer davon reden, wie viele Liter Benzin ihr Auto braucht. Esel, die wütend und kindisch werden, wenn man sie beim Golf schlägt oder auch nur bei irgendeinem so blöden Spiel wie Pingpong. Esel. Tödlich langweilige Esel, die nie ein Buch lesen.

 B:      Dabei gibt es so tolle Schwarten! Hör Dir das an (er zieht ein zerlesenes Reclam-Heftchen aus der Gesässtasche seiner Jeans und zitiert): «Es ist mir ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den grössten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrigbleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, um es loszuwerden.»

 A:      Spricht mir aus dem Herzen. Was ist das?

 B:      Weiss nicht. Das olle Titelblatt ging flöten auf dem Klo in der Laube. Das ganze Ding ist in diesem unmöglichen Stil geschrieben. Erst dachte ich, das kann kein Schwein lesen. Man gewöhnt sich aber dran. Willst du noch mehr hören?

 A:      Leg los.

 B:      (zitiert) «Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht - einen Engel! Und doch bin ich nicht imstande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist. Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir und meinem Schicksal. Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart.»

 A:      Geht mir genauso, am liebsten hab ich mit Jane Dame gespielt. - Aber die meisten Leute in meiner New Yorker Schule interessiert nur Sex, richtiger Sex, wenn Du verstehst, was ich meine.

Ins Gespräch vertieft, verschwinden A und B in der Laubenkolonie, wo B zurzeit zu Hause ist. B hat mittlerweile in A den Helden seines Lieblingsbuchs erkannt, das etwa zwanzig Jahre vor seinem eigenen Auftritt in der Literatur erschienen ist.

Wer und wer? A ist Holden Caulfield aus J. D. Salingers «The Catcher in the Rye» (1951); B ist Edgar Wibeau aus Ulrich Plenzdorfs «Die neuen Leiden des jungen W.» (1973).


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