MITTEN IM ÜBERFLUSS erscheint ein Gespenst des Mangels. Männer, Frauen und Kinder, eben noch rechtschaffen beim digitalen Tagewerk, klagen wie Bibelvolk: «Bitte nicht, nicht jetzt!» Doch es hilft nichts. Ein rotes Lämpchen flackert kurz, dann tun Notebook, Handy oder Gameboy den letzten Beep.
Sie könnten wenigstens ein Requiem spielen, für all die verlorenen Daten, unterbrochenen Gespräche und abgestürzten Höhenflüge. Aber die Technik inszeniert ihren kleinen Tod so unauffällig wie möglich. In Wahrheit ist er nämlich ein Skandal.
In einem Schlaraffenland voller Steckdosen sollte es keine Stromnot geben. Dennoch bringen es nur begnadete Maschinisten auf jene sechs Stunden Betrieb, die von den Herstellern seit je versprochen werden. Je besser der Akku, umso hungriger die Prozessoren: Selbst ausgeklügelte Alchemien mit Lithium-Ionen und Polymer-Geleé vermochten daran nichts zu ändern.
Vielleicht lässt sich der Spuk ja mit einem Untersuchungsausschuss beenden, der endlich die Verschwörung aufdeckt, die eine Wendung zum Besseren seit Jahrhunderten verhindert.
Das Problem mit den Energiespeichern ist so aufregend, dass man ihm sein Alter gar nicht anmerkt. Aber es existierte schon, als Ampère, Ohm und Watt noch Leute waren, die man grüsste. Die unheimlichen Konglomerate aus scheusslichen Salzen, ätzenden Flüssigkeiten und giftigen Metallen, die heute noch in Umlauf sind, wären den alten Meistern jedenfalls bekannt vorgekommen.
Dass mobile Geräte gelegentlich wegen Explosionsgefahr zurückgerufen werden, hätte sie auch nicht weiter überrascht - auch in ihren Labors hat es oft gebrannt. Erschreckt hätte sie allenfalls der Absolutismus der Hightech-Industrie: Alles für das Volk, nichts durch das Volk.
Heutzutage wird zwar viel entwickelt, aber nur mehr ganz wenig erfunden. Erfinden heisst, die Kleinigkeit zu sehen, die noch fehlt. Dem Engländer Trevor Baylis gelang das Kunststück ganz ohne millionenschweres Forschungsbudget. Er sah, dass eine Kurbel fehlte. Mit diesem Antrieb stattete er ein Radio aus, gedacht für arme Leute in stromlosen Gegenden. Millionen von reichen Leuten spielten Musik damit.
Da hatte auch die grosse Industrie ein Einsehen: Kurbel-Handys, Kurbel-Notebooks, Kurbel-Rasierapparate, Kurbel-Ladegeräte purzeln nur so von den Laufbändern. Und wenn wir bis zur Auslieferung nicht gestorben sind, werden wir uns fühlen wie im Märchen.