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Von Tieren -- Eine Kostprobe
Menschen müssen immer erst probieren, um festzustellen, ob etwas giftig ist. Woher wissen eigentlich Tiere, welche Pflanzen sie vertragen und welche nicht?
Von Herbert Cerutti
Der Konflikt ist so alt wie das Paradies. Entgegen der Legende vom trauten Zusammensein der Naturgeschöpfe war der Alltag schon immer Fressen und Gefressenwerden. Der Kampf ums Überleben spielt sich keineswegs nur zwischen dem jagenden Löwen und der fliehenden Gazelle ab. Auch das scheinbar friedliche Nebeneinander von Pflanze und Tier ist ein unablässiges Wettrüsten mit dem Ziel, nicht unterzugehen, bevor die eigenen Gene einer nächsten Generation weitergereicht wurden.
Da Pflanzen nicht wegrennen können, müssen sie sich mit andern Mitteln gegen die Mäuler jener Tiere wehren, die als Vegetarier auf die grüne Nahrung angewiesen sind oder saftige Blätter und süsse Beeren als Zusatzkost schätzen. Stacheln, Dornen und borstige Haare bieten mechanischen Schutz. Schlechter Geruch mag vom Konsum abhalten. Am wirkungsvollsten aber sind Pflanzengifte, die einen Übergriff mit körperlichen Beschwerden oder sogar dem Tod bestrafen.
Die Pflanzenwelt hat eine schier unglaubliche Fülle an chemischer Abwehr entwickelt, wobei solcher Schutz in den üppigen Tropen besonders variantenreich existiert. Tannine sind stark adstringierend. Sie ziehen die Zunge zusammen, trocknen Gaumen und Hals aus und stören schliesslich die Verdauung. Tanninreiche Pflanzen werden deshalb von den weidenden Tieren verschmäht. Den grössten Giftschrank liefern indes die Alkaloide, die in 20 Prozent aller Blütenpflanzen zu finden sind. Wer den bitteren Geschmack nicht als Warnung ernst nimmt, muss erfahren, wie diese Nervengifte in seinem Hirn wirken.
Vom Atropin in der Tollkirsche, dem Chinin in der Chinarinde, dem Meskalin im Peyotl-Kaktus bis zum Nikotin im Tabak und dem Koffein in Kaffee und Tee sind diese Gifte auch dem Menschen bekannt. Wie fast jedes Gift sind auch die Alkaloide in kleinen Dosen durchaus verkraftbar und können eine belebende oder berauschende Wirkung haben. Mensch und Tier haben auch gelernt, dass geringe Mengen von Alkaloiden nur den Mikroben und Insekten schaden und somit den Körper vor gewissen Infektionen und Plagegeistern schützen.
Woran merkt nun das Tier, was bekömmlich und was giftig ist? Um keine Risiken einzugehen, hält sich der Panda ausschliesslich an die harmlosen Bambuspflanzen, wobei er aber von dem wenig nahrhaften Gewächs Unmengen verzehren muss. Ganz anders die Ratte. Sie ist ein Allesfresser und hat sich dank ihrer Flexibilität die ganze Welt erobert. Da aber überall Gifte lauern, verhält sich die Ratte Neuem gegenüber äusserst misstrauisch. Trifft sie auf unvertrautes Futter, frisst sie erst eine Miniportion. Nur wenn sie keine Beschwerden bekommt, konsumiert sie die Neuentdeckung in grösseren Mengen.
Giftkurs für Rattenembryonen
Merkt eine Ratte, dass ein für sie neues Futter von anderen Ratten ohne Nachteile konsumiert wird, macht auch sie sich über das Angebot her. Dabei muss sie ihren Artgenossen nicht beim Fressen zuschauen – als Bekömmlichkeitstest genügt ein Beschnuppern der Kollegen. Der Giftkurs beginnt bei den Ratten schon in der Gebärmutter, indem bereits der Embryo Aversionen gegen schädliche Gerüche und Vorlieben für sichere Geschmacksnoten entwickelt. Spürt die Ratte trotz aller Vorsicht nach einer Mahlzeit Anzeichen einer Vergiftung, frisst sie Ton, dieser bindet Schadstoffe im Magen und verhindert so den Übertritt der Gifte in den Blutkreislauf.
Bei den Säugetieren lernen die Jungen mit der Muttermilch, wie gute Nahrung riecht und schmeckt. Und wenn der kleine Jumbo seiner Mama das Futter aus dem Maul holt, ist dies nicht nur Bequemlichkeit, sondern lebenswichtige Qualitätsschule.
Wer wie die Brüllaffen im Uferwald von Costa Rica von vorwiegend giftigem Blattzeug umgeben ist, muss sich eine besonders subtile Fressstrategie mit mehreren Regeln einfallen lassen. Je häufiger eine Baumart, desto eher wird sie von den Affen gemieden, denn üppig gedeihen kann nur, was für Pflanzenfresser unbekömmlich ist. Wird ein Baum als akzeptabel beurteilt, suchen sich die Tiere die jungen und kleinen Blätter – sollte das Gewächs trotzdem Giftstoffe produzieren, wären diese im frischen Pflanzenmaterial erst in kleinen Mengen enthalten. Und indem die Brüllaffen vom Blatt nur den Stiel fressen, halten sie sich an die Pflanzenteile mit dem geringsten Giftgehalt.
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