NZZ Folio 06/06 - Thema: Lunch   Inhaltsverzeichnis

«Lunch ist nur noch Pflicht»

© PD Patek Philippe
Philippe Stern, Geschäftsleiter der Genfer Luxusuhrenfirma Patek Philippe. Linktext
In Hongkong trank man früher zum Businesslunch zu zweit eine Flasche Cognac. Heute, sagt Philippe Stern, sind die Geschäftsleute seriöser geworden.

Von Daniel Weber

Herr Stern, was ist für Sie das Wichtigste, wenn Sie zu einem Businesslunch einladen?

Ganz einfach: Dass er schnell und effizient ist. Er muss nicht gerade aus einem Sandwich bestehen, es können durchaus drei kleine Gänge sein. Aber leicht müssen sie sein, vorzüglich zubereitet – und sie müssen zügig serviert werden. Heute kann man nicht mehr stundenlang am Tisch sitzen bleiben. Es ist mir tatsächlich schon passiert, dass ich mit wichtigen Kunden am Mittag nur ein Sandwich gegessen habe … So etwas wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen! Ich mache Geschäfte mit Kunden, die ich seit Jahrzehnten kenne und immer wieder sehe. Da fällt mir auf: Die Leute haben im Vergleich zu früher einen viel volleren Terminkalender. Der Lunch ist nicht mehr ein angenehmes gesellschaftliches und kulinarisches Ereignis, sondern nur noch Pflicht. Man isst, weil man etwas essen muss.

Wie war es denn früher?

In den 1960er und 70er Jahren gehörte es zum guten Ton, dass man sich viel Zeit für einen Kunden nahm und ihn stilvoll bewirtete. Man drückte seine Wertschätzung des Kunden aus, indem man ihn ins beste Restaurant der Stadt führte. Gewöhnlich diskutierte man am Morgen die Geschäfte, und mittags ging man ausgiebig essen, vielleicht bis um halb drei. Damit ist es vorbei. Als mein Vater noch im Unternehmen aktiv war, vor dreissig Jahren, lud er manchmal Kunden nach Hause ein. Man trank den Apéritif im Garten, ass in aller Ruhe, und danach nahm mein Vater sie mit auf eine Bootsfahrt. Unser Firmensitz lag damals mitten in der Stadt am See, Vater hatte seinen Bootsplatz direkt vor der Firma. Um vier legte er dort jeweils mit den Kunden wieder an. Heute würde man als unseriös gelten, wenn man so etwas täte.

Sie laden Ihre Kunden nicht mehr zum Lunch ein?

Unser Unternehmen liegt heute ein bisschen ausserhalb der Stadt Genf. Es gibt da zwar auch einige Restaurants in der Nähe, aber wir haben ein sehr gutes eigenes im Haus, wo wir unsere Kunden bewirten können. Das ist praktisch, da verliert man keine Zeit. Noch etwas hat sich übrigens dramatisch geändert: Man trinkt keinen Wein mehr zum Essen.

Nicht einmal in der Westschweiz?

Nein. Und auch in der Luxusbranche leistet man sich diesen Luxus nicht mehr. Die Veränderung, die ich Ihnen geschildert habe, ist ein internationales Phänomen. Das Mittagessen ist für Geschäftsleute kein wichtiges Essen mehr. Am Abend dagegen nimmt man sich immer noch Zeit. Wenn ich mit Kunden zum Abendessen gehe, ist das eher noch so wie früher, traditioneller. Obwohl ich auch da Veränderungen feststelle: Früher traf man sich um acht zum Apéritif und setzte sich um neun, halb zehn zu Tisch. Heute wollen die Leute schon um acht essen, weil sie am Tag darauf schon wieder ein volles Programm haben. Oft bringt man einen Gast schon um halb elf zurück ins Hotel. Früher geschah das nie vor Mitternacht.

Warum hat der Businesslunch seine Bedeutung verloren?

Mir scheint, die Leute arbeiten heute mehr als früher. Oder genauer gesagt: der Arbeitsrhythmus ist höher. Man ist mehr eingespannt, hat ein gedrängteres Programm, das wenig Spielraum lässt. Ich sehe das bei mir selber: Wenn ich ins Ausland reise, bin ich viel weniger lange weg als früher. Als ich in den 1 960ern unsere wichtigsten Märkte in Asien besuchte, Japan, Hongkong, Singapur, war ich manchmal vier oder fünf Wochen unterwegs. Da gehörte es dazu, dass man sich auch Zeit nahm, etwas von den Städten zu sehen, die man besuchte, man wurde betreut und herumgeführt. Heute dauert dieselbe Reise im Maximum zehn Tage.

Halten Sie diese Beschleunigung für einen Qualitätsverlust?

Nein. Persönlich entspricht mir das recht gut. Nach einem Mittagessen mit Wein und Cognac und allem Drum und Dran ist man am Nachmittag nicht mehr effizient. Und offensichtlich teilen immer mehr Geschäftsleute meine Einstellung.

Wenn man sich dann also zu einem schnellen Businesslunch hinsetzt, worüber spricht man?

Früher machte man Konversation, sprach mit einem Kunden über sein Land, tauschte sich auch persönlich aus. Heute ist es oft so, dass man das geschäftliche Gespräch bei Tisch nahtlos weiterführt. Der Businesslunch ist wirklich ein Teil des Business. Ich nehme manchmal sogar ein Blatt Papier und einen Stift zum Essen mit, damit ich mir wichtige Dinge notieren kann – und der Kunde tut das Gleiche. Das wäre vor zwanzig Jahren äusserst unhöflich gewesen. Undenkbar, dass man beim Essen etwas aufschreibt!

Die alte Regel, dass man nicht vor dem Dessert über das Geschäft spricht, gilt also nicht mehr.

Mit der Mentalität heutiger Geschäftsleute betrachtet, sind zwei Stunden, die man sich der Gastronomie widmet, Zeitverschwendung. Bei Patek Philippe haben wir zum Beispiel viel mehr Sitzungen als vor zwanzig Jahren, Sitzungen von einer, eineinhalb Stunden. Wer will da noch als Patron im Restaurant sitzen, Cognac trinken und Zigarre rauchen? Die Geschäftsleute sind seriöser geworden. Sie leben gesundheitsbewusst, achten auf ihr Gewicht – früher sprach man doch nicht über sein Gewicht! Man war dick oder nicht, darüber machte man sich keine Gedanken. Früher gab es auch keine Fitnessräume in den Hotels!

Bedauern Sie die alten Zeiten nicht doch ein bisschen?

Man muss in seiner Zeit leben! Alles andere hat sich ja auch verändert. Wir leben mit Computern, mit allen möglichen Accessoires der Kommunikation, die Informationen müssen immer schneller fliessen, am liebsten in Echtzeit. Darum sind auch unsere Arbeitstage heute länger und weniger strukturiert. Dass ich mittags nach Hause essen gehe, ist längst vorbei. Wenn es früher zum Beispiel ein Problem in den USA gab, erfuhr man davon per Brief. Und dann hat man sich hingesetzt, überlegt und einen Brief zurückgeschrieben. In ganz dringenden Fällen ein Telegramm. In die USA zu telefonieren, war vor dreissig Jahren unüblich und sehr teuer.

Steht die heutige Zeit nicht im Widerspruch zu Ihrer Geschäftsphilosophie, die auf das Dauerhafte, Traditionelle ausgerichtet ist?

Leute, die sich eine Patek-Philippe-Uhr leisten können, sind Leute, die hart arbeiten. Die Zeiten des verwöhnten «fils à papa», der durch die Weltgeschichte gondelte und das Familienvermögen verprasste, sind vorbei. Unsere Kunden stehen im Geschäftsleben, sie verdienen sich ihr Leben, sie haben Erfolg und leisten sich etwas: ein schönes Auto, eine schöne Uhr. Es sind moderne Menschen, die ihren Tag mit Arbeiten verbringen.

Gibt es einen Businesslunch, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ich habe an wunderschönen und spektakulären Orten gespeist, aber das waren eher festliche Diners als Businesslunches. Ich war zum Beispiel in Arabien und Asien in Palästen zu Gast. Da hatte ich Zugang zu einem sehr elitären und abgeschotteten Milieu. Da lief auch alles wie bei einem Staatsbesuch ab, nach einem sehr strengen Protokoll, überwacht von einem Majordomus, der alle Abläufe im Griff hatte.

Worüber wird bei einem solchen Essen gesprochen?

Die Konversation ist in der Regel unverbindlich. Man spricht sicher nicht über Politik, das ist gerade in arabischen Ländern ein heikles Terrain, weil man die Empfindlichkeiten des Gegenübers ja nie so genau kennt. Besser spricht man über Pferde oder die Jagd, viele Araber lieben die Falkenjagd. Auch Kunst ist ein geeignetes Gesprächsthema.

Und wie ist es in Asien?

Asien fühle ich mich wohl am meisten verbunden, ich bin dort auch viel gereist. Die Asiaten haben Stil, sie sind irgendwie tiefgründig. Da würde einem niemand auf die Schulter klopfen, nachdem er einen gerade fünf Minuten kennt, wie in den USA. Man muss sich natürlich bemühen, es braucht Zeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Das geht nicht beim ersten oder zweiten Treffen, das dauert manchmal Jahre. Aber wenn man Geduld hat, wird man belohnt. Das gilt vor allem für Japan. Bis heute werden dort Geschäfte viel langsamer abgewickelt als anderswo. Was man in Hongkong, Singapur oder Europa in drei Tagen erledigt, dafür braucht man in Japan mindestens eine Woche. Die Entscheidungsfindung dauert lange, wenn dann aber entschieden ist, gibt’s keine langen Diskussionen mehr.

Gab es früher auch Benimmkurse, wie man sie heute für westliche Geschäftsleute in China anbietet?

Nein, man hat das am Ort gelernt und sich kundig gemacht über das, was sich schickt und was nicht. Ich war einmal bei einem japanischen Kunden zu Hause eingeladen, das war eine seltene Ehre. Es waren nur Männer anwesend, die Frauen und die Töchter nahmen am Essen nicht teil. Und da war es wichtig, dass man seinen Teller nicht leerass – weil die Frauen nachher die Reste aufassen. Das scheint uns heute unglaublich, aber damals, in den 1960ern, war das so. Noch heute ist Japan für mich das am schwierigsten greifbare Land. Japaner sind sehr charmant und angenehm, sie sagen auch immer Ja – aber manchmal ist dann eben ein Ja eigentlich ein Nein.

Worüber unterhält man sich beim Essen?

Japan ist eines der Länder, wo man beim Lunch wenig Gesprächsstoff hat. Die Japaner vermeiden es, sich zu exponieren. Sie zeigen auch ihre Gefühle nicht – selbst ein Lächeln wird schnell versteckt.

Und wie haben Sie China erlebt?

Die Chinesen sind vergleichsweise viel einfacher und viel direkter. Da geht es auch sehr fröhlich zu. Die Chinesen lieben zum Beispiel Toasts. In einer grösseren Gesellschaft muss man von Tisch zu Tisch gehen und an jedem Tisch einen Toast ausbringen. In den 1 980er Jahren war Hongkong der grösste Cognac-Importeur der Welt, wenn ich mich richtig erinnere. Unglaublich, wie viel Cognac da getrunken wurde. Aus Wassergläsern! Damals war es üblich, dass man die Getränke selber ins Restaurant mitnahm, und da hat man dann nicht selten bei einem Essen zu zweit eine Flasche Cognac geleert.

Daniel Weber ist Redaktionsleiter von NZZ-Folio.

Philippe Stern , geboren 1938 in Genf, leitet die Genfer Luxusuhrenfirma Patek Philippe, die sich seit 1932 im Besitz seiner Familie befindet. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft arbeitete Philippe Stern zunächst für ein Computerunternehmen in Deutschland, danach für die von seinem Vater gegründete Henri Stern Watch Agency, ein Grosshandelsunternehmen für Patek-Philippe-Uhren in New York. 1966 kehrte Philippe Stern an den Hauptsitz von Patek Philippe in Genf zurück, wo er alle Abteilungen des Unternehmens durchlief, dessen Leitung er schliesslich von seinem Vater übernahm.Philippe Stern ist ein begeisterter Skifahrer und passionierter Regattasegler.



Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.