ES WAR GEGENWART, der tausendundzehnte Tag der Belagerung von Sarajewo. Jeden Samstagabend, wenn der Vetter mit seiner Frau zum Kartenspiel an den Baldeggersee kam, gerann die Trauer zu einem neuen Klumpen im Hals. Sie spielten Heimat. Heimat in Bosnien. Zu gewinnen waren Schweizerfranken. Waren der Vetter und die Frau, kurz vor Mitternacht, endlich aus der Wohnung, konnte Ivica nicht anders, als zu denken, dass alles besser wäre, hätte die Mutter des Vetters, unglückliche Haut, den Serben nicht das grosse weisse Haus am Dorfrand gezeigt. Das weisse Haus war zwei kurze Jahre lang Ivicas Welt gewesen. Während wunderbarer Sommer hatte Asim es gebaut. Ivica legte den Kopf in die Hand, es war Februar 1995, sie sprach kaum Deutsch. Wunderbar war ihr liebstes Wort. Wunderbar, was vergangen war.
Es ist eine Vergangenheit. Asim und Ivica heiraten im Winter 1984. Ivica ist schwanger. Sie stammt aus dem Dorf Kuta, eine halbe Stunde neben Kalinovik. Sie ist glücklich, dass einer aus Kalinovik, dem stolzen Ort am Weg nach Dobro Polje, das an der grossen Strasse nach Sarajewo liegt, dass einer aus Kalinovik eine aus Kuta zur Ehefrau nimmt. Im Januar 1984 zieht sie in die Bedeutsamkeit, ins Haus von Asims Eltern. Seit fünf Jahren arbeitet Asim in der Schweiz. Er ist Maurer. Im Juni gebiert sie einen Sohn. Aus einer Telefonzelle im Aargau wünscht ihr Asim alles Glück. Im Sommer 1985, als er einen Monat lang im Dorf ist, beginnt Asim den Bau des eigenen Hauses. Seine Pläne hat er in der Schweiz am Zeichentisch des Arbeitgebers niedergebracht. Asim arbeitet täglich, bis es Nacht wird. Asim ist sparsam und ehrgeizig. Das Haus soll gross und weiss werden. Manchmal hilft ihm der Vetter.
Die Serben, widersprach Asim, hätten vor zwei Jahren unser Haus auch dann entdeckt, wenn die Tante es ihnen nicht gezeigt hätte. Ivica schwieg und schnitt den Tirolerkuchen, den sie im Coop gekauft hatte, in Stücke. Es war ein elender Sonntagnachmittag in der Schweiz, Februar 1995, drei Zimmer im zweiten Stock an einer Strasse, die zum Bahnhof führt. Schaute sie aus dem Fenster, war niemand zu sehen. Sie stellte sich vor, sie stehe am Dorfrand von Kalinovik. Hühner gackern, Kinder lärmen. Zutaten der Heimat. Das war kein Leben in der fremden Leblosigkeit.
Ich fragte nach Fotos. Ivica und Asim sahen sich an. Fotos vom Haus?
Asim kehrt jeden wunderbaren Sommer ins Dorf zurück, setzt die Arbeit fort. Das Haus wird zwei Stockwerke haben und zwei Badezimmer. Ivica gebiert eine Tochter. Asim nennt seiner Frau die Masse der Fenster, und Ivica näht, drei Jahre bevor das Haus fertig ist, Vorhänge. Den Stoff dazu holt sie in Sarajewo. Asim hat vor, für immer nach Jugoslawien zurückzugehen, sobald das Haus bezogen ist. Was er in der Fremde gelernt hat, Genauigkeit, Schnelligkeit, wird ihn in Bosnien wenn nicht reich, so doch hablich machen. Asim, der Baumeister. In der Schweiz verbringt Asim seinen freien Samstag im Shopping-Center Emmen. Dort entdeckt er einen modischen Brunnen aus Tuffstein. Wasser sprudelt und dreht eine silberne Kugel. Asim kauft das Wunder, telefoniert seine Freude nach Kalinovik. Asims Mutter sagt: Baut der Mensch ein Haus, lebt er doppelt.
Ivica und Asim sahen sich an. Fotos vom Haus? Sie zögerten. In Bosnien, lenkte Asim ab, hatten wir wenigstens eine eigene Waschmaschine. Ivica aber murmelte einen Satz in ihrer Sprache, und Nenat, der Sohn, übersetzte, als wollte er die Mutter erklären: Von Toten zeigt man keine Bilder, solange sie nicht in der Erde sind. Sie führte ihre Hand über das Tischtuch. Eine Stickerei aus der Vorwelt. Einst lag sie, sonntags nur, auf dem Tisch am wunderbaren Dorfrand von Kalinovik.
Bevor Asim und sein Vetter den letzten Balken aufs Dach bringen, reiben sie geweihtes Öl ans Holz. Dann schlägt Asim, wie es im Luzernischen Sitte ist, ein Bäumchen an den Giebel, das er mit buntem Papier geschmückt hat, zum Zeichen, dass das Haus aufgerichtet sei. Die Nachbarn wundern sich. Ivica fotografiert. Der Vetter schlachtet ein Lamm, die Sippe feiert. August 1988. Asim reist erstmals mit seinem Vetter in die Schweiz. Der Vetter wird Hilfsarbeiter in einer Sägerei, wohnt bei einem Portugiesen, den er nicht versteht. Asim verdünnt seine Einsamkeit, nimmt ihn mit auf die Wanderung durchs Shopping-Center. Das Exil ist erträglich, weil in der Heimat das Haus wächst, gross und weiss. Der Dachdecker des Dorfes bringt die Ziegel, Ivica geht täglich hin, sieht, wie das Glück seinen Abschluss erhält. Es gibt kein schöneres Haus in Kalinovik, und Ivica, das Bauernkind aus Kuta, glücklichste Tochter am Fuss des Berges Treskavica, wird darin wohnen.
Ivica war dick geworden in den Jahren der Vertreibung. Den Tiroler-Cake ass sie fast alleine. Wenn sie wenigstens wüsste, ob das Haus noch steht. Wenn sie es nur einmal sehen könnte, und wäre es eine Ruine. Aber so, kein Aushalten. Man kann ja nicht zurück. Weil die Serben im Dorf sind. Je heftiger Ivica klagte, desto stummer wurde Asim. Einmal brach er sein Schweigen, sprach einen Satz, und der kam, schien mir, heftiger aus seiner Seele als gewollt. Es ist ja klar, knurrte er, dass die serbischen Offiziere sich das schönste Haus von Kalinovik nehmen. Der Satz galt der Frau, nicht den Feinden. Sie sagte: Womit haben wir das verdient?
Der Vetter wechselt von der Sägerei in die Maschinenfabrik Gehrig. Dort kauft er zwei neue, billige Geschirrspüler, deren Lack splittert. Eine Maschine für Ivica, die Frau von Asim, und eine für seine Verlobte. Am Samstag vor Pfingsten 1989 bringt Asim die Maschinen nach Bosnien, am Montag fährt er zurück in die Schweiz. Ivica zeigt den Nachbarinnen die Apparate aus der andern Welt. Die Nachbarinnen loben nicht die Geräte, sie rühmen die Männer, die sich solche Wunder leisten. Asim verspricht seiner Frau, Ende 1991, spätestens Ende 1992, für immer nach Jugoslawien zurückzukehren.
Im Sommer 1990 beginnt das Paradies. Ivica und Asim und ihre beiden Kinder ziehen in das neue Haus. In Slowenien und Kroatien sind freie Wahlen. Das ist der Anfang vom Zerfall des Staates Jugoslawien. Jetzt wird gefeiert. Tritt man in das Haus, ist links die grosse Stube mit dem grossen Fenster und dem Balkon. Vom Balkon überblickt man das ganze Dorf. Blumen stehen in rot gestrichenen Olivenölkannen. Eine Lampe hängt an der Decke, gelbe Blätter und grüne Äpfel, MMM Sursee. Dann das Schlafzimmer. Auf den Betten eine riesige Häkelarbeit, von den Müttern während langer Wochen gefertigt. Im oberen Stock ein Badezimmer in hellblauem Novilon. Mit hellblauen Teppichen vor Wanne und Klosett. Daneben ein Büro für Asim, wenn er sein eigener Herr sein wird und keinem Schweizer mehr dient. Asim und das Wunderhaus. Das Haus am Dorfrand von Kalinovik ist so schön, dass Ivica sich zwei grosse Hunde nimmt, damit sie die Auffälligkeit vor Dieben schützen. In Kroatien ist Krieg.
Das Haus, jammerte Ivica, ist die Arbeit von sechs Jahren und das Geld von zwölf. Dann schwieg sie wieder, und alle schwiegen mit ihr. Alles war gesagt an diesem elenden Sonntagnachmittag dreissig Kilometer weg von Luzern. Eine Welt hinter Kalinovik. Das war, unterbricht Asim, mein einziges Haus. Zu einem zweiten reicht es nicht in diesem Leben.
Als der Krieg Bosnien erreicht, fährt Asim nach Hause. Er schliesst die Fensterläden des Hauses, dreht die elektrischen Sicherungen aus dem Gewinde, versteckt sie im Heu. Hunde und Hühner lässt er seinem Vater. Er gibt dem Alten einen Schlüssel für das Haus, den anderen nimmt er mit. Asim bringt seine Familie an den Baldeggersee. Anfänglich telefoniert er jede Woche nach Hause. Dann erreicht er den Vater selten und seltener. An den Schlüssel hängt er einen Zettel, schreibt darauf, damit er ihn mit keinem anderen verwechsle: Mein Haus.
Anfang Januar 1992 trat Asim mit seiner Tochter in meinen Garten. Asim ist mein Nachbar. Die Tochter weinte. Asim schob das Kind vor sich her. Die Tochter, sagte er, muss jetzt in H. zur Schule. Darf meine Tochter deine Tochter begleiten?
Wir besuchten Asim in seinem Zimmer. Ivica wurde rot im Gesicht. Verlegen sass sie auf dem breiten Bett, in dem die Familie schlief und wohnte, sagte nichts, verstand nichts. Glücklichste Tochter am Fuss des Berges Treskavica. Asim reichte Schweizer Schokolade. Wir setzten uns aufs Bett. Das Zimmer gehörte seinem Arbeitgeber. Es hatte nur ein Fenster. Morgensonne. Jetzt öffnete er die Schublade am Tisch, zog einen Umschlag heraus, zeigte uns die Fotos der Welt am Dorfrand. Das schöne Leben im Format 9×9. Das Unerreichbare ist voller Teppiche. Es ist Anfang 1992. Noch hat der Krieg das Dorf nicht erreicht.
Ivica erhob sich vom Tisch, ging in die Küche, um neuen Kaffee zu kochen. Asim sagte: Sie kann die Fotos nicht mehr sehen. Er sagte es laut, weil er wusste, dass Ivica kein Deutsch verstand.
Irgendwann berichtet der Vater am Telefon, die beiden Hunde seien letzte Nacht erschossen worden. Ivica weint. Irgendwann stehen die Serben vor Trnovo, dann vor Dobro Polje. Irgendwann erreichen sie den Pass von Sivolji. Dann ist der Krieg in Kalinovik. Im Frühling 1994 zieht die Familie einen Stock tiefer in eine Dreizimmerwohnung.
Der Feind, sagte Asim am Sonntagnachmittag, als der Regen in die hiesige Gräunis klatschte, der Feind hat nicht nur unsere Häuser genommen. Auch unsere Seelen vergiftet.
Es ist Vergangenheit. Irgendwann erfährt Ivica das Gerücht, serbische Offiziere hätten der Tante befohlen, ihr Haus herzugeben. Um ihres zu retten, hätte sie den Schergen das grosse weisse Haus am Dorfrand gezeigt. Darauf seien die Serben dorthin gezogen. Weniger als ein Gerücht.
Schlimmer als ein Brand und Beben ist es, wenn Feinde dein Haus bewohnen. Wüsste Ivica, dass ihr Haus tot ist, könnte sie wieder schlafen.
Erwin Koch ist freier Journalist; er lebt bei Luzern.