Zürich hat vier Hochhäuser, die man von weither aus dem scheinbar amorphen Nichts uniformer Wohn- und Bürobauten im Westen der Stadt in den Himmel ragen sieht. Ich mag hohe Häuser und will wissen, wie hoch sie genau sind, und rufe einen der Hauswarte in der Hardau an. Er sagt freundlich: 35 Meter. Ich: nicht höher? Er: also ganz genau weiss ich das nicht, aber ein Kirchturm ist 36 Meter hoch, und so hoch sind die nicht.
Das höchste der vier Hardau-Häuser misst aber 91,9 Meter und ist damit das höchste Gebäude der Stadt. Es ist 30 Meter höher als die Türme des Grossmünsters, die man über 187 Stufen erklimmen kann und die längst hoch genug sind, dem Schwindligen beim Hinunterschauen die Sinne schwinden zu lassen. Das Empire State Building in New York ist 381 Meter hoch. Es war 41 Jahre lang das höchste Haus der Welt und wurde 1972 in derselben Stadt vom 417 Meter hohen World Trade Center übertroffen. 417 Meter, das ist das Grossmünster siebenmal aufeinandergestellt. 1974 wurde das World Trade Center vom Sears Tower in Chicago übertroffen. Und vielleicht wird bald der Turm Rossija in Moskau, der 640 Meter und 115 Stockwerk hoch werden will, den Petronas Tower in Kuala Lumpur übertreffen, der 1996 Chicagos Sears Tower übertraf.
«Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht» (1. Mose 11). Was den Babyloniern misslang, gelingt unserem unzulänglichen Auge. Betrachtet man nämlich die zwei (hoffentlich) parallelen Türme des World Trade Center vom falschen Standort, und falsch ist da fast jeder, dann laufen sie perspektivisch zusammen. Aber zwei parallele Gerade treffen sich, wie man weiss, in menschlich erfassbaren Sphären nie. Also muss gleich über den Wolkenkratzern der Himmel sein. Irgendwann werden unsere Häuser auch den noch durchstossen und dorthin gelangen, wo sich nicht nur der Raum krümmt, sondern auch die Zeit.
Die Steinstufen der Treppe zum Grossmünsterturm sind ausgetreten. Da haben schon viele Füsse ihre Besitzer in jene Dimension getragen, die uns nicht flugfähige Wesen seit je fasziniert. Für diese Faszination tun's auch die 36 Meter der Kirche in der Hardau. Eigentlich reichen dazu schon zehn Meter.